Ein Vergleich zweier Entwicklungskonzepte zum „Guten Leben“

In ihrer Master-Thesis stellte Elisabeth Schmid den westlichen Fähigkeitenansatz von Amartya Sen dem indigenen Modell vom „Leben in Fülle“ (Sumak Kawsay) aus Ecuador gegenüber und verglich damit zwei verschiedene Perspektiven auf das „gute Leben“. Am 16. Mai 2012 hörten und diskutierten fast 40 TeilnehmerInnen ihre Gedanken und Ergebnisse im C3-Centrum für Internationale Entwicklung.
Trotz des Bestrebens nach dem Zweiten Weltkrieg, für voranschreitende Entwicklung, gute Handelsbeziehungen und Weltfrieden zu sorgen, mussten die VertreterInnen des fair deal von Harry Truman bald erkennen, dass Entwicklung nicht linear, sondern komplexer funktioniert. Hungersnöte sowie Währungs- und Schuldenkrisen der 1980er-Jahre schrien regelrecht nach Alternativen. Amartya Sens Fähigkeitenansatz konnte sich in diese Lücke einfügen und wurde in Form des Human Development Index in das United Nations Development Programme aufgenommen.

Auch in Ecuador galt es nach den Krisen zwischen 1998 und 2000, sich dem westlichen Entwicklungsmodell entgegenzustellen. Die indigene Bevölkerung ging gestärkt aus den Krisenzeiten hervor, sodass ihr Ansatz des Sumak Kawsay, welcher der Kosmovision eines erfüllten und partizipativen Lebens folgt, es bis in die ecuadorianische Verfassung geschafft hat.

Aristotelische versus indigene Tradition

Für westliche Gesellschaften, die einen vom Einkommen geprägten Lebensstil führen, schien Amartya Sens zentrale Frage nach der Bedeutung des Einkommens durchaus angebracht. Seinem Ansatz nach sollte ein Individuum möglichste viele Handlungsmöglichkeiten und Verwirklichungschancen beanspruchen können. Entwicklung wurde somit als Freiheit gedacht. Elisabeth Schmid stellte den Bezug zu Aristoteles als philosophische Grundlage her, der von einem guten Leben als einem geglückten, glückseligen Leben ausging. Er sprach dem Menschen die ihm einzigartigen Fähigkeiten der Sprache, Vernunft und Politik zu, wobei Frauen, Sklaven und Arbeiter jedoch aus diesem Bild ausgeschlossen blieben. Die Norm des Entwicklungsdiskurses, so Schmid, war der weiße und freie Mann, ein Bürger der Stadt.

Diesem westlichen Entwicklungsmodell stellte Schmid den indigenen Ansatz Sumak Kawsay gegenüber. Die Vormachtstellung des Mannes über die Frau wird kritisch hinterfragt und indigenem Wissen dieselbe Anerkennung wie dem der Zentren entgegengebracht. Die Natur rückt als Rechtssubjekt in den Mittelpunkt des „guten Lebens“, welches in Harmonie mit ihr und ihrem gesamten Umfeld gelebt werden soll, erklärte Schmid. Sumak Kawsay verstehe sich als ganzheitlicher Ansatz und versuche, die Realität in Ecuador abzubilden. Schmid verwies aber auch auf die bestehende Problematik bezüglich der afro-ecuadorianischen Bevölkerung, die sich nur in geringem Maß in den Integrationsprozess eingebunden fühle.

Ein kritischer Vergleich

Schmids Vergleich machte deutlich, dass der Fähigkeitenansatz auf Wirtschaft und Gesellschaft, das Sumak Kawsay hingegen eher auf Mensch und Natur fokussiert ist. Sie kritisierte, dass Sens Ansatz dem kapitalistischen System verhaftet bleibe. Es brauche demnach Wirtschaftswachstum als Bedingung zur individuellen Verwirklichung und zur linearen Entwicklung. Außerdem könne laut Schmid ein Individuum aufgrund sozialer Zwänge nie ganz autonom entschei- den. Indem Sens Modell diesen Faktor nicht berücksichtigt, verschleiere es grundlegende Machtverhältnisse und lasse keine strukturelle Veränderung zu.

Im Gegenteil dazu geht es beim Sumak Kawsay vordergründig um strukturelle Veränderung und Umverteilung von Macht. Die Rechte der Natur sollen eingefordert, umgesetzt und institutionell geschützt werden. Der Markt spielt in der ecuadorianischen Verfassung weiterhin eine große Rolle, nur mit anderen Präferenzen: nicht Wachstum und Wettbewerb, sondern Produktivität, Reziprozität und Solidarität stehen im Vordergrund. Im nationalen Entwicklungsplan werde dennoch deutlich, dass die umweltschädliche Erdölförderung weiter ausgebaut wird, so Schmid kritisch.

„Otro mundo es posible“

Andreas Novy machte in seinem Kommentar zum Vortrag auf das scheinbar unauflösbare Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne, Stadt und Land am Beispiel Ecuadors aufmerksam. Der Widerstand gegen Correa sei mehr als Stadt-Land-Konflikt zu interpretieren. Es stelle eine große Herausforderung dar, diese beiden Pole zusammenzubringen. Der Gesellschaftsentwurf von Amartya Sen greife auf Aristoteles und damit auf das Denken des Westens zurück. An diesem werde kritisiert, dass es zu individualistisch orientiert sein. Dies sei eine wichtige Kritik des Sumak Kawsay, die es aufzugreifen gelte. Gleichzeitig müsse aber auch die Ambivalenz der westlichen Moderne gesehen werden: Diese habe nicht nur problematische Seiten, sondern ermögliche auch gute Dinge, wie etwa die individuelle Emanzipation und persönliche Freiheitsrechte, aber auch den Aufbau eines Sozialstaates. Das seien Errungenschaften, die ein gutes Leben erleichtern. Gut zu leben sei insofern insbesondere bei uns nicht als Abkehr von der Moderne zu denken, so Novy.

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Foto: Gerald Faschingeder, Paulo Freire Zentrum

Die ecuadorianische Verfassung macht aber auch sichtbar, dass strukturelle Veränderungen kein leichtes Unterfangen sind. Schmid verwies auf die zentrale Rolle des Präsidenten Rafael Correa, der zwar unter anderem für die Erhöhung des Mindestlohns und für die Verbesserung der Infrastruktur sorge, aber auch dem Autoritarismus verfalle und so vielmehr eine Transformation „von oben“ anleite. Die Folge davon sei, dass sich die linke Bevölkerung nun ganz grundlegend an der Frage spaltet, für oder gegen den Präsidenten weiterzukämpfen, so Schmid.

Sumak Kawsay kann uns dennoch als Anregung und Inspiration dienen, so Novy. Einen Schritt weiter gedacht bedeutet das zu verstehen, dass jeder Kontext und jede Gesellschaft für sich entscheidet, welches der beste Ansatz ist. Für Sen geht es um die individuelle Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des Menschen. In Ecuador hingegen steht der plurinationale Staat im Zentrum. Die gesamte Bevölkerung soll im politischen Prozess mitbestimmen und gemeinsam einen Staat der Einheit und Vielfalt schaffen.

Trotz vielfältiger Kontexte gibt es aber auch gemeinsame Handlungsansätze: „Wir haben die Macht, die Zukunft zu gestalten. Das gute Leben ist eine Praxis.“, schloss Schmid. Oder wie man in Lateinamerika sagen würde: „Otro mundo es posible.“

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.