Von Hummeln und Schmetterlingen das Open Space Forum auf der Entwicklungstagung

Neben Vorträgen und Workshops gab es bei der 5. Entwicklungstagung zum ersten Mal ein Open Space Forum. Unter der Leitung von Markus Distelberger wurde ein Raum für Themen geschaffen, die im geregelten Rahmen nicht oder nur marginal zur Sprache kamen.

Das Gesetz der zwei Füße

Wem ist noch nie aufgefallen, dass bei Konferenzen die interessantesten Diskussionen während der Pausen im informellen Gespräch stattfinden? Harrison Owen, Gründer des Open Space Konzepts, nahm diesen Umstand zum Ausgangspunkt, eine neue Konferenzmethode für Großgruppen zu entwickeln. Es handelt sich um eine Konferenz ohne Programm, nur mit Pausen, erklärte Markus Distelberger, der seit über 10 Jahren mit dem Konzept des Open Space arbeitet. Der Fokus liege auf der Offenheit, der Flexibilität und der Spontaneität der diskutierten Themen, des gemeinsamen Denkprozesses im Allgemeinen.

Doch auch eine Nicht-Ordnung braucht ihre Ordnung, daher gibt es vier Grundprinzipien, nach denen das Open Space strukturiert ist. Erstens, Die, die da sind, sind genau die Richtigen, zweitens Was immer auch geschieht, es ist das Einzige, was geschehen kann!, drittens Es fängt an, wenn die Zeit reif ist! und viertens Vorbei ist Vorbei!. Darüber hinaus gibt es zwei Bezeichnungen für Menschen, die von einem Workshop zum anderen herumfliegen: Die Hummeln, wo immer sie auch herumschwirren, sie stellen eine Bereicherung für Diskussionen dar. Und die Schmetterlinge, die durch ihre Unentschlossenheit Bewegung in die Runde bringen. Zusätzlich hat jede Gruppe eine moderierende und protokollierende Person. Damit soll die offene, gleichberechtigte Gesprächskultur und der Austausch unter den verschiedenen sich formierenden Arbeitsgruppen gewährleistet werden.

Trotz der geringen Anzahl an Menschen, wir waren ca. 20 Teilnehmende, wurden einige Arbeitsgruppen rund um das Thema Gemeinwohl entwickeln angeboten. So wollte eine Person die Möglichkeit von Community-Projekten in ihrer mexikanischen Heimatstadt San Mateo Tlaltenango diskutieren, zwei Teilnehmende stellten ihre Diplomarbeiten vor, wovon sich eine mit lokaler, basisdemokratischer Selbstregierung in einer indischen Region, die andere mit der Frage des Verhältnisses von Gemeinwohl und StaatsbürgerInnenschaft beschäftigte. Zwei Teilnehmende hatten das Bedürfnis, sich mit dem Thema der Familienplanung innerhalb der EZA auseinanderzusetzen und eine Arbeitsgruppe wurde mit dem Angebot verknüpft, einen Artikel für das Journal METJ (Multicultural Education & Technology Journal) zu verfassen.

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Pflaster, Aspirin und Kondome

Die EZA vernachlässige die Themen reproduktive Gesundheit und Familienplanung, leiteten die zwei Ärztinnen, die unsere Arbeitsgruppe ins Leben riefen, die Diskussion ein. Petra Bayr, entwicklungspolitische Sprecherin der SPÖ, bestärkte dieses Eingangsstatement mit Hardfacts: Hinsichtlich des Prozentsatzes an ODA-Leistungen, die für reproduktive Gesundheit ausgegeben würden, stehe Österreich unter den GeberInnenländern an drittletzter Stelle. Dem gegenüber erzählte Bayr von ihrer Initiative Mutternacht, einer Plattform verschiedener Organisationen, die auf die weltweite Muttersterblichkeit aufmerksam macht.

Die Diskussion drehte sich anfangs primär um die starke Rolle kirchlicher entwicklungspolitischer NGOs im Gesundheitsbereich im globalen Süden. Während diese bezüglich der Bereitstellung gesundheitlicher Dienstleistungen von zentraler Bedeutung seien, würden religiöse Ideale wichtigen Maßnahmen im reproduktiven Gesundheitsbereich wie Verteilungen von Kondomen oder Abtreibungen im Weg stehen, erzählten die Ärztinnen von ihrer Erfahrung. Im österreichischen Kontext erschien uns eine Auseinandersetzung mit kirchlichen NGOs daher unumgänglich.

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Schritt für Schritt oder eher Diskussion für Diskussion wurde die Brücke zum Thema der Tagung Gemeinwohl entwickeln geschlagen, indem die Ressourcenfrage aufkam. Dabei wurde das Konzept der Bevölkerungsexplosion von manchen Diskutierenden kritisch hinterfragt und der Fokus mehr auf den Aspekt der Umverteilung gelenkt. Die zentrale Frage sei nicht, wie viele Menschen ernährt werden könnten, denn das wäre auf alle Fälle möglich. Vielmehr ginge es um einen nachhaltigen und gerechten Umgang mit bestehenden Ressourcen. Und um vom allgemeinen Gemeinwohl zum persönlichen Gemeinwohl zu kommen: Diskussionen um reproduktive Gesundheit implizieren auch die Frage sexueller Selbstbestimmung. Unsere Diskussion verdeutlichte, dass die oft fehlende Thematisierung der sexuellen Selbstbestimmung speziell unter Frauen in entwicklungspolitischen Kontexten die weltweite gesellschaftliche Marginalisierung dieses Themas widerspiegelt. Unsere alltäglichen Handlungen, die auch unsere Körper miteinschließen, sind hinsichtlich der Gestaltung von Gemeinwohl von zentraler Bedeutung. In diesem Zusammenhang blieb mir ein Projekt im Gedächtnis, das Bayr schilderte und das von so genannten Peer-Group-Apotheken handelte. In Form von Straßenapotheken verkauften Jugendliche wichtige alltägliche Gemeinwohl-Utensilien: Pflaster, Aspirin und Kondome.  

Ernte-Plenum

Was ist nun unter dem Begriff des Gemeinwohls zu verstehen? Beim Abschlussplenum kamen wir wieder zur Einstiegsfrage zurück und schlussendlich gab es mehr Fragen als Antworten. Bei einem Aspekt waren wir uns aber einig: Es braucht mehr Freiräume oder Open Spaces, in denen wieder mehr Gemeinschaft geübt werden kann: Gemeinschaftsgärten wurden als mögliche Orte solcher Begegnungen vorgeschlagen. Doch könne auch nicht all die Verantwortung an lokale Strukturen abgegeben werden, meinten manche Teilnehmende aus der Arbeitsgruppe, die sich mit basisdemokratischen Selbstregierungsformen auseinandersetzten. Innerhalb bestehender neoliberaler Strukturen bestehe nämlich die Gefahr, dass sich Staaten unter dem Deckmantel von Konzepten wie Partizipation und Empowerment immer mehr staatlicher Verantwortung entziehen würden. In diesem Sinne wurde das während der Tagung oft angesprochene Verhältnis zwischen lokalen, selbstbestimmteren Strukturen und staatlichen, verallgemeinerten Institutionen angesprochen, ohne welches Gemeinwohl wohl schwer zu erreichen ist.

 Protokoll zu Openspace_bottomuUp.pdf  (403.28 KB) 

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Dokumentation.