Daniel Bacher und Wolfgang Böhm über die Umsetzung von Gemeinwohl

Im Vorfeld der 5. Österreichischen Entwicklungstagung führte Caroline Triml mit Daniel Bacher und Wolfgang Böhm von der Dreikönigsorganisation ein Interview über Gemeinwohl, die Möglichkeiten und Grenzen der Zivilgesellschaft in Entwicklungsprozessen und vieles mehr.

Im Rahmen der 5. Österreichischen Entwicklungstagung ist der Begriff GEMEINWOHL zentral. Was bedeutet er und wie wird Gemeinwohl in den Projekten der DKA gefördert?

Daniel Bacher: Eine unserer Grundaufträge besteht ohne Zweifel in der Gemeinwohlförderung auf lokaler Ebene. Das bedeutet, dass Gemeinschaften dabei unterstützt werden sollen, sich selbst besser zu organisieren und Probleme vor Ort zu lösen.

Beispielsweise kann hier ein integriertes Gemeindeentwicklungsprojekt der Arrsi Volksgruppe in Äthiopien genannt werden. Dort gründete eine Dorfgemeinschaft eine NGO, die sich um die Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion, Wasser und besonders um eine verbesserte Bildung bemüht. Diese Maßnahmen unterstützen eine über Jahrzehnte vom Staat vernachlässigte Volksgruppe dabei, ihre Situation selbst zu verbessern.

Welche Rolle spielen staatliche Strukturen bei der Realisierung von Gemeinwohl und worauf gilt es zu achten, um gemeindeorientierte Arbeit umzusetzen?

Daniel Bacher: Staaten spielen natürlich eine wichtige Rolle bei der Förderung von Gemeinwohl durch Erbringung von Dienstleistungen und Sicherung der Menschenrechte. Zivilgesellschaften können einen demokratischen Staat nicht ersetzen. Staatliche Gemeinwohlförderung ist in der Realität jedoch oft ungleich und passiert nicht von alleine.  Es braucht daher starke Zivilgesellschaften.

Die Ethnizität spielt dabei im Afrika-Kontext eine sehr große Rolle. In Ländern mit zahlreichen unterschiedlichen Ethnien sowie Sprachen, kommt es meist zu ethnisch geprägter Staatspolitik, die zur Ausgrenzung von manchen Ethnien und sogar ganzen Regionen führt.

Gemeinschaften wie beispielsweise die Turkana in Nordkenia, die noch heute sehr traditionell leben, da sie in der britischen Kolonialzeit unbeachtet blieben (weil sie auf trockenem Gebiet im Norden Kenias leben), werden auch vom jetzigen kenianischen Staat ausgegrenzt und als primitiv angesehen. Es gibt hier kein Interesse vom Staat, Infrastruktur aufzubauen und soziale Maßnahmen zu finanzieren.

Daher sollte in diesen Gemeinschaften zu allererst ein Prozess der Bewusstseinsbildung gefördert werden, damit auch diese Menschen den gesellschaftlichen Wandel besser verstehen , sich besser organisieren und den Wandel mitgestalten können.

Wolfgang Böhm: Den lokalen Kontext zu kennen, ist besonders wichtig. Die politische Ordnung und die soziale und wirtschaftliche Geschichte von heterogenen Gesellschaften darf hier keinesfalls außer Acht gelassen werden. 

Die Gemeinschaft als überschaubare Gruppe: NGOs verstehen sich als AkteurInnen der Zivilgesellschaft und damit häufig in Abgrenzung zum Staat. Kann von ihnen eine Erneuerung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse erwartet werden?

Daniel Bacher: Es wäre eine Überforderung der Zivilgesellschaft, ihr die Verantwortung für die Veränderung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zuzuspielen. Wichtig ist, dass sie ihre Rolle darin wahrnimmt, auf Probleme aufmerksam zu machen und notwendige Reformen anzustoßen. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass sie zu klein sind, um die Schwierigkeiten des Staates zu lösen. Der arabische Frühling ist ein gutes Beispiel, was Zivilgesellschaften verändern können. Zugleich zeigt sich auch dort, dass der Funke auf den Staat überspringen muss. Zivilgesellschaften und soziale Bewegungen waren in der Vergangenheit oft Auslöser von Erneuerungen. Die Verantwortung liegt letztendlich aber beim Staat, Menschenrechte zu sichern und Konzerne global zu regulieren, um so das Gemeinwohl aller zu fördern.

Wolfgang Böhm: Bei der DKA geht es primär um Ermächtigung. Wir geben zum Teil winzige Summen an Gemeinden, die von öffentlichen Geldern nichts sehen. Diese Förderungen befähigen die Menschen dazu, eigene Strukturen aufzubauen. Mit diesem Geld kann enorm viel erreicht werden, doch da es kaum sichtbar ist, wird es auch nicht thematisiert.

Welche Rolle spielen die Wirtschaft, politische Parteien und NGOs bei der Gemeinwohlförderung- oder Behinderung?

Daniel Bacher: Der Trend geht in Richtung Corporate Social Responsibility (CSR), die vor allem für ein gutes Image von Unternehmen sorgt. Zudem wird vermehrt auf marktwirtschaftliche Lösungen für soziale und umweltrelevante Probleme gesetzt. Zurzeit taucht beispielsweise die Green Economy als neues Schlagwort für die Lösung von Umweltproblemen auf.

Wolfgang Böhm: Ja, doch CSR kann erst greifen, wenn es entsprechend kontrolliert und sanktioniert wird, was derzeit nicht der Fall ist. Sowohl politische wie auch wirtschaftliche EntscheidungsträgerInnen haben kein großes Interesse an einer starken Zivilgesellschaft.

So lange NGOs unabhängig voneinander ihre eigenen strategischen Themen entwickeln und Werte vertreten, werden sie nicht mächtig genug, um etwas zu bewegen. Nur durch Gemeinsamkeit könnte sich hier etwas tun.

Daniel Bacher: Nur wenn es einen internationalen Gegenpol zur Produktionsseite gäbe, könnten globale Politiken entstehen, die zu Umverteilung führen würden. Leider gibt es den nur in rudimentären Ansätzen.

Wolfgang Böhm: Wer sollte diese Rolle einnehmen? Ich sehe auch ein großes Versäumnis der Gewerkschaften, international für ArbeiterInnenrechte einzutreten. Wir spielen ja beim Spiel der Wirtschaft mit, lassen uns gegeneinander ausspielen, wenn die Betriebe dort hin wandern, wo die Löhne geringer sind.

Einer der Referenten am Samstag ist Daniel Keftassa, äthiopischer Agronom und Konsulent für lokale Organisationsentwicklung und gemeindeorientierte EZA. Wieso sollte jeder entwicklungspolitisch Interessierte ihn kennen?

Wolfgang Böhm: Daniel Keftassa ist wie selten jemand in der Lage, die eigene Situation in Afrika, sowie gleichzeitig die europäische zu verstehen und zu analysieren. Er sieht Berührungspunkte und Probleme und scheut sich nicht davor, Kritik auszuüben. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich das Verständnis der Entwicklung im Wandel befindet. Die Vorstellung, dass wir im Norden denen im Süden alles erklären können, ist überholt. Heute müssen wir einen Dialog auf Augenhöhe führen, und verschiedene Denkansätze verstehen lernen, um in der Praxis bestmöglich agieren zu können.

Keftassa ist als Vermittler tätig. Er kennt die Situation vor Ort  bestens und berät nun uns darüber, wie man sinnvolle Werte zum gemeinsamen Leben beitragen kann. Solche Experten sind heute gefragter denn je.

Daniel Bacher ist Projektreferent für Ghana, zuständig für Vernetzungsprojekte in Afrika und Anwaltschaftsreferent der DKA. Wolfgang Böhm ist seit langem Projektreferent für Ghana und Kenia und arbeitet seit langem mit Daniel Keftassa (Projektpartner der DKA) zusammen.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.