Wie viel Staat ist mit dem afrikanischen Staat zu machen?

In seinem Artikel Zwischen Panafrikanismus und nationaler Souveränität: Wie viel Staat ist mit dem afrikanischen Staat zu machen? gibt Henning Melber Forschungsdirektor des Nordic Africa Institute in Uppsala/Schweden einen Überblick über die Entwicklungsgeschichte des afrikanischen Staates. Eine Zusammenfassung von Katharina Fritsch.

Das koloniale Erbe

Der europäische Kolonialismus brachte erhebliche politische, ökonomische und kulturelle Veränderungen am afrikanischen Kontinent mit sich, was die Weichen für viele derzeitig existierende Konflikte stellte. Mit der Berliner Konferenz 1884/85 wurde der Kontinent sprichwörtlich wie am Schachbrett nach geopolitischen Präferenzen der Kolonialmächte aufgeteilt. Laut Melber kam es durch den Transfer des bürgerlichen europäischen Nationalstaats auf den afrikanischen Kontinent zu einem Wandel des Prinzips der Organisierung von Gesellschaften: von einem eher dynamisch, flexiblen sozialen Prinzip zu einem räumlichen Prinzip. War Territorium in der vorkolonialen Zeit von den in einem Gebiet ansässigen Gesellschaften bestimmt worden, drehte sich dieses Verhältnis durch die Kolonialisierungsprozesse um: Ab nun wurden Gesellschaften durch räumliche Grenzen definiert. Dies führte zu einer Verfestigung ethnischer Identitäten oder erfand diese in manchen Fällen erst.

Auch die nach der Unabhängigkeit an die Macht gekommenen afrikanischen Regierungen legten weiterhin den Fokus auf nationalstaatliche Organisierung bzw. nation building, wie es im internationalen Kontext oft bezeichnet wird. Melber merkt in diesem Zusammenhang an, dass es im 20. und 21. Jahrhundert keine ernsthafte Alternative zum Nationalstaat als Organisationsprinzip innerhalb des internationalen politischen Systems gab. Das Primat des Nationalen spiegelt sich unter anderem im Beschluss der Anfang der 1960er gegründeten Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) wider, koloniale Grenzen aus Effizienzgründen beizubehalten. In diesem Sinne bezeichnet der ugandische Sozialwissenschafter Mahmood Mamdani die Unabhängigkeitsphase als zweite Aufteilung des Kontinents, da der afrikanische Kontinent dadurch noch weiter unterteilt wurde.

Panafrikanismus und afrikanischer Nationalismus zwei Seiten einer Medaille

Die neu entstandenen afrikanischen Staaten fanden sich nach der Unabhängigkeit in einem Spannungsfeld zwischen zwei Ideologien wieder: jener des Panafrikanismus und jener nationalstaatlicher Souveränität. Laut Melber sind beide Ideologien als Gegenreaktionen gegenüber europäisch-nordamerikanischer (weißer) Vorherrschaft zu betrachten, sprich sie sind zwei Seiten einer (widerständigen) Medaille. Darüber hinaus beschreibt Melber sowohl panafrikanische als auch nationalstaatliche Ideen als zeitgeschichtliche Konstrukte, die zur Vereinnahmung der menschlichen Vielfalt zu manipulativen Zwecken tendieren. Beide Ideologien versuch(t)en, heterogene Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Staates in Form eines Nationalstaats oder innerhalb eines Kontinents in Form einer panafrikanischen Union zu vereinheitlichen.

Trotz unterschiedlicher Organisationsentwürfe für den afrikanischen Kontinent standen bzw. stehen die zwei Ideologien in einem Wechselverhältnis. Entstanden innerhalb der afrikanischen Diaspora in Nordamerika und der Karibik, wurde der Panafrikanismus zur mobilisierenden Kraft der Unabhängigkeitsbewegungen und der Entstehung eines so genannten schwarzen Selbstbewusstseins. Letzteres drückte sich in Bewegungen wie der Negritude oder der black consciousness aus. Die mit der panafrikanischen Ideologie einhergehenden Vorstellungen von einer Rückkehr zu den afrikanischen Wurzeln bürgten jedoch die Gefahr von Afrozentrismus und Ethnophilosophie und führten zu einer mystifizierende[n] Homogenität Afrikas, wie es Melber bezeichnet.

Die panafrikanische Vision einer Vereinheitlichung des Kontinents, die maßgeblich vom ersten Präsidenten Ghanas, Kwame Nkrumah, geprägt wurde, scheiterte immer wieder an der Dominanz der nationalstaatlichen Idee am afrikanischen Kontinent sowie im internationalen System. So wurde laut Melber die nationale Souveränität zu einer Art Schutzschild für bürokratische Tyranneien und für die Durchsetzung von Eigeninteressen der Gründerväter und deren Parteien. Nationale Parteien agierten daher als ethnische Parteien, wie es Frantz Fanon, Psychiater, Autor und Theoretiker aus Martinique, in seinem Buch Die Verdammten der Erde beschreibt.

Das Spannungsfeld geht weiter…

Das Ende der bipolaren Weltordnung brachte verschiedenste innerafrikanische Wandlungsprozesse mit sich. Derzeitige Entwicklungsprozesse sind vor allem mit den Schlagwörtern good governance, Demokratie und Marktwirtschaft zu fassen. Einen guten Ausdruck neuer Entwicklungsstrategien stellt die New Partnership for Africas Development (NEPAD) dar, die laut Melber wie keine Initiative zuvor auf lokale Ansätze für Demokratie, Menschenrechte und good governance setzt. Als offizielles wirtschaftspolitisches Instrumentarium der African Union (AU), der Nachfolgeorganisation der OAU, verkörpert sie ein neues Politikverständnis, was zur Abschaffung des heiligen Nichteinmischungsverbots in innere Angelegenheiten von Mitgliedsstaaten der OAU führte. Damit sind klare Schritte hin zu verstärkter kollektiver Verantwortung und kontinentaler Zusammenarbeit bemerkbar. Der Fokus auf Zusammenarbeit verdeutlicht sich auch am African Peer Review Mechanism (APRM) der NEPAD, bei dem afrikanische Regierungen ihre Leistungen gegenseitig beurteilen. Trotz neuer Mechanismen steht die AU jedoch weiterhin vor der  Herausforderung, wie mit der Souveränität von einzelnen Staaten umgegangen werden soll. Problematisch sind in diesem Zusammenhang vor allem jene Regierungen, die sich nicht an das Prinzip der good governance halten. In diesem Sinne befindet sich die AU in einem neuen Kontext innerhalb des Spannungsfelds zwischen panafrikanischer Einheit und nationalstaatlicher Souveränität.

Der Artikel ist in der ÖFSE Publikation Staat und Entwicklung 2009 erschienen und ist hier nachzulesen.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.  Kommentare zum Artikel? Bitte gerne an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.