Die Bekämpfung des Elends ein gewagter Vorschlag

In Brasilien kämpft die Regierung seit vielen Jahren gegen Hunger und Armut. Paul Singer ist Staatssekretär für Solidarische Ökonomie und fasst die Entwicklungen aus seiner Sicht zusammen.

Ich kenne keine andere Regierung, die sich vorgenommen hat, das Elend in ihrem Land in vier Jahren Amtszeit zu überwinden. Dennoch präsentiert unsere Präsidentin Dilma dieses Ziel als das grundlegendste ihrer Regierung. Und dabei fehlt es ihr auch nicht an Glaubwürdigkeit, hat doch ihr Vorgänger in zwei Jahren Amtszeit überraschenderweise zumindest eine erhebliche Reduzierung des Elends erreicht. Wie dem auch sei die Auslöschung von Not und Armut wird sowohl von der Gesellschaft als auch von der Regierung großes Engagement fordern und nur eine weitreichende Mobilisierung aller vorhandenen Kräfte wird sie realisieren können.

ao Deus dará

Elend kann als derart extreme Armut beschrieben werden, dass die Betroffenen häufig weder wissen wann noch woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen können; sie wohnen unter freiem Himmel, da sie keine Arbeit und kein regelmäßiges Einkommen haben. Sie leben dem Zufall ergeben, in den Tag hinein wie es im Volksmund heißt. Die Beseitigung des Elends kann nur durch eine grundlegende Veränderung der Lebenssituation dieser Personen bewirkt werden. Es reicht allerdings nicht aus, ihnen Geld zu geben, damit sie zumindest das Lebensnotwendigste erwerben können. Um ihr Leben wirklich ändern zu können, müssen sie sich ihrer eigenen Fähigkeiten und Potentiale bewusst werden und erkennen, dass sie in der Gemeinschaft und durch die Arbeit normale Lebensstandards erreichen können.

Die Mehrzahl der in extremer Armut lebenden Menschen bildet Gemeinschaften, die sich in so genannten Bolsões de Pobreza (wörtlich: Auswüchse der Armut) befinden. Ihr Überleben ist zum großen Teil durch gegenseitige Unterstützung gewährleistet. Diese Unterstützung beruht auf einem menschlichen Instinkt, der sich in jeder Katastrophensituation beobachten lässt, seien es nun Überschwemmungen, Erdbeben oder Brände. Das Leben der Armen ist ein einziges Desaster. Beinahe ständig den Tod vor Augen, hilft so manches Mal eine freundschaftliche Hand, die sich meist selbst in existenzbedrohender Lebenssituation befindet. Nicht selten wäscht hier eine Hand die andere.

Subjekte des eigenen Lebens

Das Elend hinter sich zu lassen, kann für eine Person allerdings bedeuten, eine Normalität zu verlassen, die zwar grausam ist, an die man sich aber gewöhnt hat. Es bedeutet ebenso, sich von SchicksalsgefährtInnen zu trennen, die einem ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit gaben. Eine grundlegende Frage stellt sich in solch einer Situation: Welche Lebensalternative bieten diejenigen an, die die Misere beenden wollen? Möglicherweise sind die Armen von heute nicht immer arm gewesen, haben aber aufgrund bestimmter Umstände alles verloren. Diejenigen, die in Folge verrückt, alkohol- oder drogenabhängig wurden, wollen vielleicht gar nicht mehr zu ihrem vorherigen Leben zurückkehren, weil der Verlust für sie überaus traumatisierend war.

Das Elend zu beseitigen bedeutet aus Sicht der Betroffenen, ihr Leben grundlegend zu ändern. Damit das passiert, ist es unumgänglich, dass sie auch selbstbestimmte Subjekte und nicht bloße Objekte dieses Lebens sind; dass sie Projekte auswählen können, die von ihnen Engagement fordern, um einen normalen Lebensstandard für sich und auch für ihre Familie und Verwandte zu erreichen. Dafür ist zentral, dass sie an der Erarbeitung ihrer neuen Lebensprojekte teilhaben und die notwendigen Mittel bekommen, diese umzusetzen.

Ein Beispiel – Fome Zero

In den letzten sieben Jahren haben wir vom Staatssekretariat für Solidarische Ökonomie direkt an Programmen teilgenommen, die es der Regierung Lula ermöglichten, einen Teil des Elends in diesem Land zu verringern. Zum Beispiel das Programm Fome Zero, zu Deutsch Null Hunger, der brasilianischen Regierung, um Hunger und extreme Armut in Brasilien zu bekämpfen, das 2002 vom Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva eingeführt wurde und vieles veränderte. Es machte Obdachlose zu MitarbeiterInnen von Müllrecycling-Kooperativen, ehemalige PatientInnen psychiatrischer Anstalten und Strafgefangene zu Mitglieder von sozialen Kooperativen, landlose ArbeiterInnen zu sesshafte Bäuerinnen und Bauern; diese nur als Beispiele neben vielen anderen sozial ausgegrenzten Gruppen.

Wir haben gelernt, dass die Ausrottung von Armut, Elend und Misere möglich und wenn dem wirklich so ist sie auch ethisch notwendig ist; und, dass es die Armen selbst sein werden, die sich aus dem Elend befreien werden selbstverständlich mit Unterstützung von staatlichen Stellen und sozialen Bewegungen.

Übersetzung vom Portugiesischen ins Deutsche von Simone Grosser.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.