Fleischfabriken boomen Umweltstandards sinken Teil II

Der Handel im großen Stil mit Schweinefleisch wird immer lukrativer, während Kleinbetriebe das Nachsehen haben. Individuelles Konsumverhalten und engagiertes Auftreten von NGOs können aber einen Beitrag leisten, um der Fleischindustrie Einhalt zu gebieten.

Die Macht der Schlachtkonzerne

2006 beherrschten drei Schlachtkonzerne (Vion, Tönnies, Weltfleisch) über 60 Prozent des Marktes in Deutschland. Diese Konzentration in der Schlachthofbranche bedeutet mehr Macht für die Konzerne. So verändern sie die Qualitätsanforderungen nach Belieben. Ob ein Bauer oder eine Bäuerin die richtige Qualität geliefert hat, erfährt er oder sie oft erst nach Monaten. So wurden zwar 2006 Höchstpreise von 1,75 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht notiert, aber das heißt noch lange nicht, dass Bauern und Bäuerinnen diesen Bestpreis auch bekommen.

Obwohl die Schlachthöfe nicht ausgelastet sind, bauen die Konzerne ihre Kapazitäten derzeit noch aus. Sie setzten dabei auf den Export. Ein Sog nach Schweinefleisch geht von Ländern wie Russland, Japan und China aus. Doch das Beispiel brasilianischer Fleischexporte zeigt, wie schnell so ein Exportmarkt zusammenbrechen kann: Nach dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche (MKS) in einigen Regionen Brasiliens stoppten viele Länder die Einfuhr brasilianischen Schweinefleisches. Die überwiegend neuen, industriellen Mästereien blieben auf ihrem Fleisch sitzen.

Der Konzentration auf Seiten der Schlachthöfe begegnen ProduzentInnen mit verschiedenen Strategien. Unternehmen mit gigantischen Schweineställen, die auf 60.000 Plätzen von der Sau über das Ferkel bis zum Schlachtschwein kostengünstig erzeugen können, suchen sich den Schlachthof, der gerade den besten Preis zahlt. Über 70 Prozent der Mastbetriebe in Deutschland halten aber weniger als 100 Schweine. Viele von ihnen setzen auf Erzeugergemeinschaften, um ihr Angebot zu bündeln.

Doch langfristig können bäuerliche Betriebe den Konkurrenzkampf um die internationale Kostenführerschaft mit ihren Investitionen in einige Hundert oder wenige Tausend Tierplätze und Erzeugergemeinschaften nicht gewinnen. Denn die Fleischerzeugung in Deutschland konkurriert zunehmend mit international agierenden Fleischkonzernen wie Smithfield. Der größte US-Schweinefleischkonzern erweitert gerade sein Produktionsfeld in den neuen EU-Mitgliedsländern wie Polen. In seinen Anlagen mit über 100.000 Schweineplätzen wird Fleisch für nur rund 0,90 Euro je kg Schlachtgewicht erzeugt.



Eine Weltmacht: Nachfrage der VerbraucherInnen

Kleinbetriebe können den Kampf um den niedrigsten (Weltmarkt-) Preis nur verlieren. Aber den Streit um beste Qualität können sie gewinnen. Von 2003-2005 ist die Nachfrage nach Schwein aus alternativen Haltungen gestiegen. Die eindeutige Kennzeichnung der Produkte spielt dabei eine überaus wichtige Rolle. Um die Nachfrage nach Qualitätsfleisch aus konventioneller Haltung gezielt zu aktivieren, müssen KundInnen zunächst am Produkt erkennen können, ob ein Tier zum Beispiel ohne gentechnisch veränderte Futtermittel aufgezogen wurde, ob es aus Qualzucht stammt, ob besonders tierfreundliche Haltungsverfahren eingesetzt wurden oder etwa nur Betonspalten. Doch dies ist bisher nicht der Fall. Nur bei Eiern gilt seit dem 1.1.2004 eine Kennzeichnungsregel, die Herkunft und Haltung auf jedem Schalen-Ei sichtbar werden lässt. Die Entwicklung der Nachfrage nach Eiern aus Nicht-Käfighaltungen schnellte nach Einführung der neuen Eier-Kennzeichnung sichtlich hoch. Viele Supermärkte und auch einige Discounter listeten Käfigeier sogar aus. Eine brauchbare Kennzeichnung gibt es sonst nur noch bei Bioprodukten. Auch hier sind die jährlichen Zuwachsraten von 10-15 Prozent  besonders bemerkenswert, weil sie im Vergleich zu konventionellen Vergleichsprodukten kaum beworben werden.

Strategien der NGOs



Es gibt leider nicht den einen Hebel, um die Fleischindustrie zu stoppen, aber

1. Wir können Fleischfabriken vor Ort stoppen: In Ostdeutschland haben Bürgerinitiativen und BUND-Gruppen in den letzten 2 Jahren mehr Schweinemästereien verhindert als gebaut wurden! Mit frühzeitigen Protesten, mit Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und mit Lobbyarbeit bei zuständigen BürgermeisterInnen und Genehmigungsbehörden wurden InvestorInnen aus verschiedenen Gemeinden verjagt.

2. Agrarreform in Europa: Umwelt-, Entwicklungs-, Tierschutz- und Bauernorganisationen haben sich zusammengetan und kämpfen dafür, dass sofort alle europäischen Agrarsubventionen offen gelegt und umverteilt werden, und zwar zugunsten von einer flächendeckenden bäuerlichen Landwirtschaft, die neben Lebensmitteln auch sauberes Trinkwasser, Biodiversität, schöne Landschaften, artgerechte Tierhaltung und regionale Vermarktung sichert. Die NGOs fordern, die staatliche Alimentierung der exportorientierten Fleischindustrie und alle Exportsubventionen zu stoppen.

3. Umweltregeln in Deutschland und der EU beibehalten und verbessern: Weil der Umweltschutz die Agrarlobby mächtig ärgert und die Fleischindustrie beim Wachsen hindert, sollen die Gesetze für Emissionsschutz (gegen den Gestank der Massentierhaltungen), für Gewässerschutz, Artenvielfalt und Naturschutz abgeschafft oder ausgehöhlt werden. Viele Verbände arbeiten daran, diesen Trend mit Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit zu stoppen.

4. Kennzeichnung tierischer Produkte: Wir müssen Druck auf die EU machen, damit es EU-weit Pflicht wird, auf jedem tierischen Produkt zu kennzeichnen,

–    ob das Tier mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert wurde,

–    aus welcher Tierhaltung das Produkt kommt,

–    in welchem Land das Tier aufgezogen wurde.

5. Konsum umstellen: Fleisch, Eier, Milch auf dem Speiseplan reduzieren und aus Ökolandbau oder von Neuland-Höfen kaufen.

Die Autorinnen sind bei BUND, Gendreck weg! und im Attac AgrarNetz aktiv. Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.


Der Artikel wurde im März 2007 verfasst und basiert auf der BUND-Studie „Fleischfabriken boomen Umweltstandards sinken. Der Boom der Massentierhaltung in Deutschland und seine Folgen für die Umwelt“, verfasst von Reinhild Benning und Christiana Schuler.

landwirtschaft_boom_massentierhaltung_studie_langfassung.pdf  (1.46 MB) 

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Themen.