Draußen lockte ein warmer Maiabend, drinnen füllte sich am 27. Mai das C3 – Centrum für Internationale Entwicklung zur jährlichen Verleihung des C3-Awards. Auch 2026 zeichnet der „Preis für Junges Forschen & Engagement“ herausragende vorwissenschaftliche Arbeiten, Diplomarbeiten und Projekte zu entwicklungspolitisch relevanten Themen aus. Seit 2016 holt der Award junge Menschen vor den Vorhang, die sich kritisch und mit spürbarem Engagement entwicklungspolitisch relevanten Themen widmen.
Kathrin Pauschenwein, Geschäftsführerin von Baobab, einer der fünf Organisationen im C3, begrüßte die Gäste mit einem Augenzwinkern: Schön sei es, dass alle gekommen seien und nicht in einem lauschigen Gastgarten säßen. Mit Musik von Paradicso und der charmanten Moderation von Layla Ahmed und Shayan Shamkhani, selbst C3-Award-Preisträger*innen von 2022, entstand ein feierlicher Abend, an dem es nicht nur um Urkunden, Fotos und Applaus ging. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie eine gerechtere Zukunft aussehen könnte.
Zu seinem zehnjährigen Bestehen erreichte der C3-Award so viele Jugendliche wie noch nie: 282 junge Menschen aus ganz Österreich reichten 154 Abschlussarbeiten und Projekte ein. Zehn Arbeiten schafften es auf die Shortlist, drei wurden schließlich mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Besonders auffällig war in diesem Jahr auch, wer auf der Bühne stand: Alle zehn ausgewählten Arbeiten und Projekte wurden ausschließlich von weiblichen Maturantinnen eingereicht. Zurückführen lässt sich das nicht nur darauf, dass weniger Einreichungen von jungen Männern eingingen, sondern dass diese schlichtweg nicht dieselbe Qualität wie jene der Frauen erreichten. Das wurde nicht groß inszeniert, fiel aber dennoch auf – gerade weil Mädchen und junge Frauen in Bildung, Forschung und öffentlicher Debatte weiterhin um Sichtbarkeit ringen.

Mehr als ein Schulprojekt.
In den einleitenden Reden wurde deutlich, warum solche Arbeiten über den schulischen Rahmen hinausweisen. Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner betonte, dass Forschung auch bedeute, Zusammenhänge zu erkennen und bestehende Annahmen kritisch zu hinterfragen.
Berndt Brünner, Geschäftsführer der Austrian Development Agency, knüpfte daran an: In den Arbeiten werde versucht, die Welt zu verstehen – was sie zusammenhält, wo sie aus dem Gleichgewicht gerät und wie sie gerechter gestaltet werden könnte. Petra Bayr, Abgeordnete zum Nationalrat, zeigte sich beeindruckt von einem Raum voller junger Menschen, die Probleme analysieren und Ideen für Veränderung entwickeln. Der C3-Award gehöre für sie zu den schönsten Terminen des Jahres – eine Veranstaltung, zu der sie immer gerne komme. Ines Holzegger, ebenfalls Nationalratsabgeordnete, richtete sich direkt an die Jugendlichen: Sie sollten neugierig und hartnäckig bleiben – und sich nie sagen lassen, dass sie keinen Unterschied machen könnten. Gemeinsam liefen die Reden auf einen Punkt hinaus: Zukunft ist nichts, das irgendwann beginnt. Sie wird dort vorbereitet und geformt, wo Menschen Fragen stellen und Verantwortung übernehmen.
Die Shortlist: Von Klimapolitik bis Rechtspopulismus.
Die thematische Breite der Einreichungen war groß. In den Arbeiten ging es um Klimapolitik, Fast Fashion, Postwachstum und künstliche Intelligenz, um Feminismus, Menschenrechte, Jugendmigration am Balkan und Rechtspopulismus in den sozialen Medien. Manche Arbeiten waren klassisch forschend angelegt, andere künstlerisch oder gestalterisch – etwa als Graphic Novel oder Magazin. Gemeinsam war ihnen, dass sie globale Fragen nicht abstrakt behandelten, sondern danach fragten, welche Handlungsmöglichkeiten damit verbunden sind.
Elisabeth Stroh, Autorin einer der Arbeiten auf der Shortlist, knüpfte bei der Präsentation ihrer Ergebnisse genau daran an. Sie beschäftigte sich mit Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche in der Klimapolitik. Eine lebenswerte Zukunft sei noch möglich, brauche aber Beteiligung. Engagement müsse dabei nicht für alle gleich aussehen: Es könne in Parteien, NGOs, kleineren Organisationen oder sozialen Bewegungen stattfinden. Entscheidend sei, eine Form zu finden, die zur eigenen Haltung und zur eigenen „Radikalitätsstufe“ passe, hielt sie fest. Es gebe für alle etwas – und oft mehr, als man am Anfang denke.
Drei prämierte Arbeiten.
Umwelt und Ungleichheit.
Von den zehn Arbeiten auf der Shortlist wurden drei mit dem C3-Award ausgezeichnet. Die erste prämierte Arbeit trug den Titel „‚Cancer Alley‘ in Louisiana und dessen Verbindung zu Umweltrassismus in den USA“ und wurde von Elisa Herget verfasst. Im Zentrum steht eine Region in Louisiana, die stark von petrochemischer Industrie geprägt ist. Herget zeigt anhand der Auswirkungen der dortigen Produktionsweise, dass ökologische Krisen Menschen nicht gleich treffen: Wer weniger Geld, weniger politische Mitsprache und weniger gesellschaftliche Aufmerksamkeit hat, ist den Folgen von Umweltverschmutzung oft stärker ausgeliefert.
In der Laudatio von Dana Wasserbacher wurde hervorgehoben, dass Hergets Arbeit nicht nur Zahlen über Schadstoffe oder Krankheitsraten behandelt, sondern auch die Menschen dahinter sichtbar macht. Zukunft entscheide sich nicht nur durch technische Innovationen, sondern auch dort, wo Gesellschaften hinschauen – oder wegschauen. Herget selbst machte deutlich, dass politische Entscheidungsträger*innen oft den bequemeren Weg wählen und dabei jene übersehen, deren Stimmen leiser sind. Gerade Menschen mit Privilegien müssten sich deshalb für jene einsetzen, die weniger gehört werden.

Geschlecht und gesellschaftlicher Zwang.
Die zweite prämierte Arbeit stammte von Sumira Salim und trug den Titel „Bacha Posh – ‚als Junge gekleidet‘: gesellschaftlich erzwungene Transidentitäten in Afghanistan“. Am Beispiel dieser Praxis, bei der Mädchen in Familien ohne Söhne als Burschen aufwachsen und männliche Rollen übernehmen, zeigt Salim, wie eng Geschlecht, gesellschaftlicher Status und familiäre Erwartungen in patriarchalen Strukturen miteinander verbunden sind. Männlichkeit bedeutet Bewegungsfreiheit, Anerkennung und Privilegien, während Mädchen und Frauen stark benachteiligt werden.
In der Laudatio von Dana Pour Ramazan wurde besonders betont, dass es dabei nicht um frei gewählte Identitäten, sondern um gesellschaftlichen Zwang geht. Auch Salim selbst stellte die politische Dimension des Themas in den Vordergrund: Familien sollten gar nicht erst unter Druck stehen, einen Sohn als Statussymbol zu brauchen. Dafür müssten rechtliche Gleichbehandlung, politische Teilhabe und der Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt gestärkt werden.

Demokratie im digitalen Raum.
Die dritte prämierte Arbeit, „Rechtspopulismus in den sozialen Medien – Wie der Algorithmus unsere politische Meinung beeinflusst“, wurde von Greta Raich und Marie Reich verfasst. Ihre Diplomarbeit behandelt ein Thema, das mitten im Alltag vieler junger Menschen steht: politische Inhalte in Feeds, Empfehlungen und Kommentarspalten – und damit auch Fragen von Desinformation und Polarisierung. Lukas Schlögl griff in seiner Laudatio eine Formulierung aus der Arbeit auf, die den Zusammenhang auf den Punkt brachte: „Populismus schreit, Demokratie erklärt.“
Raich und Reich zeigen, wie Rechtspopulismus mit Vereinfachung, Emotionalisierung und Feindbildern arbeitet. Dynamiken, die von den sozialen Medien verstärkt werden können, weil zugespitzte Inhalte besonders viel Aufmerksamkeit erzeugen. Kritische Medienkompetenz wird damit zur demokratischen Grundkompetenz. Wer Informationen nicht einordnen kann, wird leichter manipulierbar.

Warum dieser Abend zählt.
Die prämierten Arbeiten verbanden Umweltzerstörung mit Rassismus, Geschlechtergerechtigkeit mit gesellschaftlichem Status und soziale Medien mit Demokratie. Sie machten deutlich, dass globale nachhaltige Entwicklung kein abstraktes Thema ist, sondern mit konkreten Erfahrungen, politischen Entscheidungen und ungleichen Machtverhältnissen zu tun hat.
Vielleicht lag genau darin die Bedeutung dieses Abends: Kritisches Denken beginnt nicht erst an Universitäten, und Engagement muss nicht warten, bis jemand offiziell zuständig ist. Junge Menschen werden oft als „die Zukunft“ beschrieben. Der C3-Award zeigte, dass diese Formulierung zu passiv ist. Junge Menschen warten nicht einfach darauf, dass Zukunft passiert. Indem sie recherchieren, Fragen stellen und widersprechen, formen sie bereits mit, was kommt.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Fotos © Christine Miess

