Ein Besuch im Süden Brasiliens zeigt, wie sich Kleinbäuerinnen und Kleinbauern organisieren, um eine ökologisch nachhaltige und solidarische Landwirtschaft zu gestalten.
Nach dem Rundgang zu den Biodieselanlagen kamen wir zum Zentrum zurück, wo uns schon Frei Sérgio Görgen, ein Franziskaner und Regionalverantwortlicher des MPA, erwartete. Frei Sergio, ein jahrzehntelanger Kämpfer für die Rechte der ausgebeuteten ländlichen Bevölkerung, der vier Jahre lang auch Abgeordneter im Landtag war, ist ein Vordenker und Mitstreiter, der bei den campesin@s größtes Ansehen genießt. Er war eigens wegen uns angereist, ein Privileg, das wir wertschätzten, in dem wir viel länger blieben als ursprünglich geplant. Die folgende Diskussion war nämlich ein für alle Seiten bereichernder Wissensaustausch, denn die FreundInnen des MPA präsentierten ihr ambitioniertes Projekt, das zusammen mit der Landlosenbewegung MST (Movimento Sem Terra) und anderen ländlichen Basisgruppen eine alternative, auf ökologischen und solidarischen Prinzipien aufbauende Landwirtschaft entwickeln will. Während der MST landlose Bäuerinnen und Bauern eine besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppe organisiert, arbeitet der MPA mit Bäuerinnen und Bauern, die teilweise über ein reichhaltiges Wissen verfügen, das durch die Macht der Konzerne, die Monokulturen durchsetzen, nicht eingesetzt werden kann. Gemeinsam, in Kooperativen organisiert, verfolgt der MPA das Ziel einer integrierten ländlichen Entwicklung, aufbauend auf der Würde der campesin@s als diejenigen, die Stadt und Land ernähren.

Foto von: Cristóvão Feil
In unserer Diskussion war rasch klar, dass es viel Kritik an der gegenwärtigen Regierung Lula gibt, die das Agrobusiness mit unvergleichbar größeren Beträgen fördert als die kleine Landwirtschaft. Doch gleichzeitig war auffallend, dass die Bemühungen des MPA ohne staatliche Unterstützung nicht möglich wären. Die gesamte moderne Infrastruktur des Bildungszentrums wird von staatlichen Stellen finanziert, das eingesetzte Saatgut muss staatlich genehmigt werden, um Klagen der Agrokonzerne zu verhindern. Das Volumen billiger Kredite hat sich in den letzten Jahren von 2 auf 12 Mrd. R$ (ca. 5 Mrd.) erhöht. Und das große Wohnbauprogramm Lulas sieht erstmals auch die Errichtung von Wohnraum am Land vor, ein Fortschritt, an dem auch die campesin@s des MPA teilhaben.
Die Beziehung zwischen Stadt und Land
Spannend waren auch die Überlegungen über den Zusammenhang von Stadt und Land. Der MPA versucht, in einer urbanen Gesellschaft, in der die bäuerliche Kultur als veraltet gilt, die Würde und Identität der campesin@s zu stärken. Doch wie gestaltet sich das Verhältnis von Land und Stadt? Es ist interessant zu sehen, wie vielfältig die Initiativen sind, die Land und Stadt in eine neue Beziehung bringen: So organisiert Rotary in den Städten Sammelstellen für Speiseöl, das der MPA für seine Biodieselproduktion einsammelt. Die größte Universität von Rio Grande do Sul hat eben einen Vertrag unterschrieben, Lebensmittel vom MPA zu erwerben und sein Speiseöl zur Verfügung zu stellen. Weiters werden allein 25 Tonnen an Lebensmitteln monatlich an das staatliche Programm zur Hungerbekämpfung in den Städten geliefert. In dieser Verbindung von ProduzentInnen und KonsumentInnen in der Region liegt ein großes Potential nachhaltiger, eigenständiger und vom Öl unabhängiger Entwicklung. In gewisser Weise wird hier in kleinen Initiativen an die wirtschaftspolitische Strategie angeschlossen, die Olivio Dutra als Gouverneur von Rio Grande do Sul von 1999 bis 2002, gestützt auf ein breites Budgetbeteiligungsprojekt, umzusetzen begann. Der Schwerpunkt der Wirtschaftsförderung sollte nicht länger auf der Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft beruhen, sondern lokale Produktionssysteme schaffen, die vor Ort regionale Kreisläufe ermöglichen. Diese Idee ist heute angesichts der Krise des Welthandels und des Klimawandels aktueller denn je. Deshalb gilt den nächsten Gouverneurswahlen auch in Hinblick auf die potentielle systematische Unterstützung einer regionalen Kreislaufwirtschaft jetzt schon die Aufmerksamkeit der AktivistInnen.

Traditionell hergestelltes Haus. Foto von: Cristóvão Feil
Kontrolle über neue Technologien
Was schließlich unter dem Gesichtspunkt der Bildungsarbeit beeindruckte, war die zentrale Rolle neuer Technologien. Die campesin@s haben zu oft erlebt, dass fehlendes Wissen und Kontrolle über die wesentlichen Technologien in Abhängigkeit endet. Daher verfolgt der MPA eine Strategie der kleinräumigen agroindustriellen Entwicklung, die neben der organischen Landwirtschaft auch die Energieproduktion vor Ort durch Sonnenkollektoren die aber weiterhin sehr teuer sind und Biodiesel, in dessen Produktion große Hoffnungen gesteckt werden, umfasst. Bildung ist wesentlich Aneignung von Wissen über den Produktionsprozess, eine kollektive Anstrengung, um den Enteignungsprozess, den die grüne Revolution durch Düngemittel, Pestizide und schwere Maschinen herbeigeführt hatte, rückgängig zu machen. So hat der MPA in den letzten Jahren mit der Gründung der Cooperativa Mista dos Fumicultores do Brasil (Cooperfumos der Genossenschaft der TabakproduzentInnen Brasiliens) große Schritte vorwärts in der gewerkschaftlichen Organisation der campesin@s gemacht. Doch dabei wurde auch klar, dass das technische Wissen allein nicht ausreicht. Immer braucht es Organisation, um die eigenen Interessen wirksam zu vertreten. Es reicht eben nicht zu wissen, wie Biodiesel in der kleinen Landwirtschaft eingesetzt werden kann. Es braucht auch billige Kredite, und die gilt es zu erstreiten. Aus dieser Einsicht entstand die Idee des ersten Weiterbildungskurses mit Schwerpunkt auf politischer Bildung, der in unserer Anwesenheit gestartet wurde. Bildung im Sinne Paulo Freires ist Ermächtigung zur Gestaltung von Leben und Arbeiten. Sie umfasst Fachwissen und politisches Wissen; jegliche Vereinfachung sei es eine bloß technische oder bloß politisch-kritische Ausbildung führt zu Einseitigkeiten, die sich immer rächen.
Als wir müde, aber motiviert aufbrachen, war es schon dunkel. Wir verabschiedeten uns, wissend, dass wir neue Freundschaften geschlossen hatten. Der Kampf für eine Entwicklung an der alle teilhaben, ist keine Utopie ohne Ort, sondern wird an vielen Orten der Welt immer wieder neu erkämpft und Brasilien ist heute ein besonders privilegierter Ort. Der MPA zeigt in seiner Praxis, dass das Spannungsfeld der letzten Entwicklungstagung Wachstum, Umwelt, Entwicklung auflösbar ist, wenn Entwicklung von unten gedacht wird von den Bedürfnissen vor Ort und in regionalen Produktionskreisläufen. Doch damit dies möglich wird, bedarf es staatlicher Strukturen, die dies fördern, und internationale Zusammenarbeit, die Solidarität weltweit organisiert.
Zum (portugiesischen) Artikel über die Eröffnung des MPA im Blog von Cristóvão Feil .
Zum Teil I.