Klaus Gabriel teilte als Leiter des interaktiv angelegten Arbeitskreises bei der IV Entwicklungstagung in Innsbruck sein Wissen über entwicklungspolitische Aspekte von Geldanlageformen mit den zahlreichen TeilnehmerInnen des Workshops. Sabine Martin-Jell (ÖFSE) moderierte souverän durch das Programm.Während das Thema ethische Formen des Investment bis zum Ende des 20. Jahrhundert von den Finanzmärkten zunächst gar nicht, später stiefmütterlich behandelt wurde, scheint das Investment in sogenanntes Grünes Geld auf dem Weg zur Salonfähigkeit zu sein.
Finanz ABC
Nachdem sich Klaus Gabriel vom Institut für Sozialethik der Universität Wien seinem Publikum vorgestellt hatte, machte er den Einstieg in die Thematik, indem er gemeinsam mit den TeilnehmerInnen einige für die späteren Ausführungen wesentliche Begrifflichkeiten im Bereich Finanzmärkte und -instrumente erarbeitete. Dabei wurde neben der Erklärung einiger allgemeiner Fachbegriffe (Rendite, Performance, Dividenden, Volatilität, u.a.) insbesondere auf verschiedene spekulative Methoden der Geldvermehrung wie Hedgefonds, Financial Derivates, Private Equity Companies eingegangen.
Rendite & Liquidität
Wenn jemand über Geldmittel verfügt, die nicht ausgegeben, sondern für zukünftige Vorhaben zurückgelegt werden, stellen sich eine Reihe von ökonomischen Fragen im Bezug auf die Sicherheit, die Verfügbarkeit (Liquidität), die Möglichkeiten des Ertrages/Verlustes (Rendite). Darüber hinaus wollen immer mehr Menschen Klarheit darüber haben, wie die Erträge (ggf. Verluste) zustande kommen und ob diese realwirtschaftlich (und somit nachvollziehbar) begründet sind oder auf bloßer Spekulation beruhen.
Mittels Erstellung eines Diagramms nahm die Gruppe die Einordung der bekanntesten Typen von Geldanlagen unter den Gesichtspunkten Rendite/Risiko und Liquidität vor. Diese Analyse ergab beispielsweise ein hohes Risiko bzw. Renditechance bei gleichzeitig hoher Liquidität für die Anlageform Aktie. Während etwa Mikrokredite weniger liquide Anlagen sind, welche eher für risikoscheue AnlegerInnen geeignet sind.
Was sind ethisch/nachhaltige Geldanlagen?
Im Anschluss an diese Einteilung, stellte der Workshop-Leiter den Zusammenhang zwischen Geldanlageprodukten und ethisch-sozialen Aspekten dar. Die Grundannahme, dass Geld nicht neutral ist, sondern immer etwas bewirkt, führte zu einer gemeinsam vorgenommenen ethischen Bewertung ausgewählter Geldprodukte. Beim Prozess der Geldanlage werden zahlreiche Fragen nach den Steuerungsmechanismen dieser Anlageformen aufgeworfen: Was also wird mit dem Geld finanziert? Was damit produziert und wie geschieht das? Angesichts der Entwicklungen in den vergangenen Monaten, scheint die Frage nach der Sinnhaftigkeit und Möglichkeit der stabilisierenden Wirkung solcher Systeme legitim. So wurden die Anlageformen Sparbuch, Aktien oder Derivate auf ihre makroökonomischen und politischen Folgen hin analysiert. Diese systematische Vorgehensweise erlaubte eine Verhältnisbestimmung der Geldanlagen hinsichtlich Ethik und Nachhaltigkeit. Die zuvor besprochenen Kriterien Rendite und Liquidität, wurden um eine Dimension erweitert.
Ethik & Nachhaltigkeit
Ein längerer Diskurs war erwartungsgemäß der Abgrenzung der Begrifflichkeiten Ethik und Nachhaltigkeit gewidmet. Definiert man Ethik vereinfacht als sittlich-anständiges Verhalten, welches über mögliche moralische Vorstellungen reflektiert, die ihrerseits in ein gesetzliches Korsett gegossen sind, so sieht man, wie eng die erkenntnistheoretischen Konzepte von Ethik Moral Gesetz miteinander verwoben sind.
Nachhaltigkeit beschreibt das Konzept des zukunftsfähigen Wirtschaftens. Die jeweils gegenwärtige Generation muss Nachfolgenden ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Drei Dimensionen, die untereinander in Wechselwirkung stehen bzw. nicht ohne einander existieren können.
Warum nachhaltig anlegen?
Einen weiteren Schwerpunkt des Workshops bildete die Beschreibung der Motive nachhaltiger Geldanlagen: Ausschluss- bzw. Negativkriterien (Bsp.: Korruption), Positivkriterien (wie etwa hohe ökologische und soziale Standards) und Engagement (Dialog und Stimmrecht).
Mittlerweile ist der Marktanteil der Kapitalanlagen in Europa, welche dem ethischen bzw. nachhaltigen Gedanken Rechnung tragen, laut Gabriel bei 17,6% angelangt, Tendenz steigend. Darin sind aber auch Anlagen enthalten, bei denen nur einige wenige Ausschlusskriterien oder der Engagementansatz berücksichtigt werden (Broad SRI – Sustainable and Responsible Investment). Nach strengen und umfassenden Kriterien (Core SRI) werden in Europa ca. 3,5% aller Gelder veranlagt, was immerhin auch eine Verfünfzehnfachung seit 2002 darstellt. Bezogen auf die Zahlen des Broad SRI sprechen wir hier von einem Marktvolumen von etwas 117 Mio. Euro pro Jahr oder 437 Publikumsfonds. Internationale Vergleiche bezogen auf diese Zahlen sind generell schwer anzustellen, da es an standardisierten, international gültigen Richtlinien zur Bewertung mangelt.
Nachhaltigkeitsanalysen und -ratings sind aufwendige Verfahren, da sich die Überprüfung nicht nur auf die Berücksichtigung von KundInnen, Anspruchs- und Stakeholder-Gruppen der Unternehmen im weiteren Sinne bezieht, sondern auch nicht unmittelbar anwesende Gruppen wie nachfolgende Generationen und die Bevölkerung der Entwicklungsländer in die Überlegungen mit einbeziehen muss. Um die vielen Schwierigkeiten und unterschiedlichen Bewertungsmethoden anschaulich darzustellen, sollten wir am Ende des Workshops einige exemplarisch ausgewählte Fonds analysieren. Gerade dieser pragmatische Zugang verdeutlichte die Komplexität der Thematik.
Insgesamt konnten die TeilnehmerInnen des Workshops tiefe Einblicke in das brisante Spannungsfeld mit nach Hause nehmen und das Resümee fiel einhellig positiv aus. Der Workshop ließ keinen Zweifel daran, dass sich die Finanzwelt künftig einer mündigeren Klientel gegenübersehen wird. Breite Bevölkerungsschichten werden aufgrund veränderter Finanz- und Umweltbedingungen neben dem unbestreitbar notwendigen ökonomischen Effekt ihrer Anlagen zusehends nach sozial und ökologisch verträglichen und nachhaltigen Produkten verlangen denn Geld verpflichtet!
Zur Powerpointpräsentation (198.21 KB) von Klaus Gabriel.
Die Autorin ist Studentin der Universität Innsbruck.