Workshop 15: Regenbogen der Wünsche

Der Regenbogen der Wünsche spannte einen Bogen von unseren eigenen Vorstellungen hinsichtlich Wachstum, Umwelt und Entwicklung hin zu einer kollektiven Sichtweise. Über eine theaterpädagogische Annäherung an das Tagungsthema.Nicht nur TeilnehmerInnen seien die BesucherInnen seines Workshops, sondern vielmehr TeilgeberInnen, sagte Armin Staffler, Theaterpädagoge und Leiter des Theaterworkshops Regenbogen der Wünsche. Die Arbeit erfolgte szenisch, über die Darstellung eigener konkreter Bezüge gab es die Möglichkeit, mit anderen in einen Dialog zu treten und gemeinsame Interessensfelder zu erkunden. In diesen Dialogen spielten die Wünsche, aber auch Befürchtungen der TeilnehmerInnen und -geberInnen die eigentlichen Hauptrollen.

Mut zur Vision!

Macht und Verantwortung, Schwäche und Stärke, sowie Individuum und Kollektiv, von denen Wachstum, Umwelt und Entwicklung mitgeprägt sind, konnten bildlich gesprochen am eigenen Leib erfahren werden. Ein Regenbogen der Wünsche, eine Methode aus dem Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal, ermöglicht das eigene und kollektive Innere zu entdecken, und es in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Symbol für dieses Gesamte war die Workshopgruppe selbst. Sie war Bild für die Umwelt und Gesellschaft, in der wir uns bewegen. Jede Person, jede Community und jede Gesellschaft ist ein lebendiger Organismus, der sich bewegt, ausdrückt oder auch krank sein kann. So ging es also in dem Workshop um unsere Geschichten in unserer Umwelt und die darin enthaltenen Komplexitäten und Widersprüche. Interaktive Elemente auf der körperlichen Ebene wechselten mit Reflexionsrunden, in denen persönliche Erfahrungen aus den Übungen artikuliert werden konnten. Dieser Wechsel zwischen Darstellung und anschließendem Blick darauf, ist ein Wesensmerkmal der theaterpädagogischen Arbeit. Immer wieder zeigte sich, dass Erfahrungen und Emotionen zwischen zwei TeilnehmerInnen genauso gut auf große Dimensionen, wie beispielsweise Machtverhältnisse zwischen Staaten, umgelegt werden können.

Vision ist die Kunst, Unsichtbares zu sehen, sagte schon Jonathan Swift. Mit beiden Beinen fest am Boden stehend, sollte der Oberkörper bei der ersten Übung möglichst weit in eine Richtung verdreht und der extremste Punkt mit den Augen fixiert werden. Wieder in normaler, aufrechter Position und mit geschlossenen Augen waren nun alle aufgefordert in der Vorstellung den Oberkörper zunächst einmal und schließlich mehrmals um die eigene Achse drehen zu lassen. Erst zum Schluss wurde wieder wirklich mit dem Oberkörper gedreht. Mit Visionen kommt man weiter, als man anfangs meinen möchte, war die Aussage einer Teilnehmerin. Sie hatte erstaunt beobachtet, dass die reale Drehung, die auf die Vorstellung folgte, viel weiter möglich war, als die erste. Eigene Grenzen können eben überschritten und der eigene Blick erweitert werden. Ohne Vision aber kein Erfolg. Oder in der Sprache des Theaters: zuerst eine Vorstellung haben und dann eine Vorstellung geben.



Eine Frage der Perspektive

Das Gefühl der Macht und der Kontrolle auf der einen, sowie blindes Vertrauen, Konzentration und Unterforderung auf der anderen Seite konnte in der nächsten Übung erfahren werden. In Zweiergruppen übernahm jeweils eine/r mit der Hand die Führung. Der/die PartnerIn musste mit dem Gesicht dieser Hand folgen. Die Rollen wurden in einem zweiten Durchgang vertauscht. Leiten war schwierig, die Leitenden entwickelten Verantwortung und Mitgefühl, aber auch eine Art Unterhaltungszwang, das Bedürfnis etwas Abwechslungsreiches erleben zu lassen. Nicht zuletzt macht sich aber auch Angst vor Rache in der nächsten Runde breit, sollte der/die Leitende zu viel von dem/r Folgenden verlangen. Als Folgende/r fühlte man sich einerseits erleichtert und vom Denken befreit, andererseits unterfordert und getestet. Auf das einzige Ziel, der Hand zu folgen, fokussiert, war die Umwelt plötzlich wie ausgeblendet.

Auch der Drang zur Komplexität und die Unzufriedenheit mit Einfachem wurden in der Workshopgruppe während einer Aufgabe bemerkt. Besonders auch in Bezug auf die Entwicklungstagung schien hier die Frage angebracht: Haben wir einen Hang zur Komplexität? Oder besser: Ist es wirklich möglich und sinnvoll in zwei Tagen die Fragen rund um Wachstum, Umwelt, Entwicklung in ihrer Komplexität erfassen zu wollen?



Wünsche und Befürchtungen darstellen

Im Herzen des Workshops stand, ausgehend von einer Teilnehmerin, demokratisch gewählt, eine Geschichte, die von uns selbst und der Thematik Wachstum, Umwelt, Entwicklung handelte. Die Wünsche und Befürchtungen in Bezug auf diese Geschichte waren dabei zentral. Ob die Geschichte nun persönlich gesehen wurde, von einer Gruppe (NGO, Verein,) handelte oder im globalen Kontext spiele, war dabei nur eine Frage der Ebene. Ein Gefühl oder eine Geschichte bestehe in vielen Schattierungen, zusammengesetzt aus Wünschen und Befürchtungen, meinte Armin Staffler, wie ein Regenbogen eben. Die Geschichte mit ihren Wünschen und Befürchtungen wurde in einem Standbild von zwei Personen dargestellt, woraus sich dann ein improvisierter Dialog entwickelte.

In den Improvisationen zeigten sich Rollen, die einmal stark, einmal schwach waren, es zeigte sich die Schwierigkeit, sich aus Abhängigkeiten zu befreien, das Gefühl der Hilflosigkeit und der Scheinheiligkeit, aber auch Konfrontation oder Resignation, kurz alle Nuancen von Macht und Unterdrückung wurden mit eigenen Gefühlen erlebt. Die Querverbindungen zu den Themen der Tagung zeigten sich deutlich. Die TeilnehmerInnen erkannten: Im einzelnen Menschen sind alle Gefühle, wie etwa Verantwortung, vorhanden. Die Gruppe erkannte aber auch: Im Kollektiv und durch Distanz werden dieses unerklärlicherweise stark verdünnt, andere verstärkt.

Die Erfahrungen im Workshop boten viele relevante Aspekte in Bezug auf die Tagung, vielmehr aber können sie über die Tagung hinaus in den Alltag integriert werden. An diesem Nachmittag ging es also darum, die eigene Rolle im Rahmen des Themenkomplexes Wachstum Entwicklung Umwelt zu ergründen. Im Workshop und auf der gesamten Tagung, die Ebenen waren verständlicherweise verschieden, drängten sich aber nicht zuletzt auch die Fragen auf: Was wollen wir? und Ist das, was wir wollen, überhaupt sinnvoll?



Die Autorin ist Studentin der Universität Innsbruck.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.