Vandana Shiva: Agrar-Industrie. Macht. Hunger.

Am 29. Oktober 2008 war die indische Umweltschützerin Vandana Shiva auf Einladung von Petra C. Gruber vom „Institut für Umwelt Friede Entwicklung“ in Wien und stellte sich den Fragen des Journalisten und Buchautors Geseko von Lüpke.

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Der Veranstaltungsraum der „Politischen Akademie“, in dem Vandana Shiva ihren Auftritt hat, ist randvoll. Vor allem junge Menschen zeigen großes Interesse an der Trägerin des Alternativen Nobelpreises. Sie ist eine starke Stimme des Südens, die pointiert die globalen Ungerechtigkeiten unseres Wirtschaftssystems anprangert, ohne aber bei der Kritik stehen zu bleiben. Vielmehr zeigt sie auch auf, wie eine Entwicklung von unten, die jede/r mitgestalten kann, aussehen könnte.



Die globalisierte Zerstörung und Kommodifizierung des Lebens

Gerade die aktuelle Zuspitzung der Vielzahl an Krisen bestätigt Shivas jahrzehntelange Kritik. Finanzkrise, Lebensmittelkrise, Ölkrise und Klimawandel stünden alle miteinander in Verbindung. Die ihnen zu Grunde liegende Ursache sei der kapitalistische Drang, jeden Aspekt des Lebens zur Ware zu machen. So beherrschen jeweils fünf Unternehmen den Weltmarkt für Wasser, Saatgut und Lebensmittel. Der Konzern Monsanto kontrolliere beispielsweise 95 % des gesamten Saatguts. Die in die Krise gekommene liberalisierte Finanzwelt nutze die steigenden Lebensmittelpreise als neues Spekulationsfeld, womit sie die Preisspirale weiter in die Höhe treibe. Die Konsequenzen der Casino-Spiele auf den Lebensmittelmärkten betreffen weltweit die Ärmsten. Parallel zu den Aktienkursen der Lebensmittelmärkte steigen die Zahlen der Unterernährten und Hungertoten. Dies bezeichnet Vandana Shiva als Genozid, den insbesondere die Welthandelsorganisation mit ihren Wirtschaftsvorgaben zu verantworten habe.

Die Geschichte einer „Revolution“

Die so genannte „Grüne Revolution“, welche von den USA aus ihren Anlauf genommen hat und den Entwicklungsländern in imperialistischer Manier aufgezwungen worden sei, habe die traditionelle Landwirtschaft Indiens weitgehend zerstört. Der mit der industriellen Landwirtschaft verbundene Einsatz von Pestiziden, Düngemitteln und Saatgut belaste die Umwelt sowie das Budget der Bäuerinnen und Bauern. Das „revolutionäre“ landwirtschaftliche System sei eigentlich höchst ineffizient, weil es ein Vielfaches an Input benötige, während der Output meist nicht höher oder sogar niedriger sei. Denn umso vielfältiger ein Feld bepflanzt werde, desto höher sei die Produktivität. Die landwirtschaftlichen „Revolutionen“ aber forcierten die Produktion einiger weniger Getreidesorten, welche für den Export bestimmt sind. Insgesamt reduzierten sie die Vielfalt an Pflanzen, was laut Shiva nicht nur für die Natur, sondern auch für die Ernährung und Gesundheit der Menschen problematisch sei.

Die „Grüne Revolution“ weist aus ihrer Sicht außerdem faschistische Züge auf, weil sie kulturelle Vielfalt und Souveränität ablehne und den in Entwicklungsländern lebenden Bäuerinnen und Bauern ihr traditionelles Wissen über die lokale Landwirtschaft abspreche. Der vermeintliche Effizienzwahn beraube Kleinbauern und bäuerinnen ihrer Lebensgrundlage. Doch wir befinden uns so Vandana Shiva – bereits in einer neuen Phase der landwirtschaftlichen „Revolution“, der „gene revolution“, die als neue Hoffnung gegen den Hunger der Welt propagiert wird. Die Fortsetzung dieses lebensfeindlichen Fortschrittglaubens treibe massenweise Bäuerinnen und Bauern in den Ruin, weil sich die Versprechen der Werbung auf hohe Erträge nicht erfüllten.

Wir essen Öl

Die Knappheit fossiler Energien und der Klimawandel sprechen eindeutig gegen die energieintensive industrielle Landwirtschaft. 35 % der gesamten CO2-Produktion geht auf ihr Konto. Die hohen Ölpreise stellen auch einen wesentlichen Faktor für die steigenden Lebensmittelpreise dar. Für Shiva kann folglich die einzig mögliche Antwort auf die Lebensmittelkrise die regionale, ökologische Landwirtschaft sein. Dies habe vor kurzem auch eine Studie von 400 WissenschafterInnen verschiedener Disziplinen und der Vereinten Nationen bestätigt.



Der Schmetterlingseffekt

Vandana Shiva verortet die Lösung globaler Probleme auf lokaler Ebene. Sie ist in ihren Visionen von Widerstand und Veränderung stark von Mahatma Gandhi inspiriert, der nach dem Motto „It’s powerful because it’s small“ einen friedlichen Befreiungskampf geführt hat. Shiva betonte diesbezüglich den nicht zu unterschätzenden „Schmetterlingseffekt“: Viele kleine, lokale Aktionen können demnach die Welt verändern. Es gebe bereits eine Vielzahl an gelebten Alternativen, ökologische Bewegungen und Gemeinschaften, die bereits einen wichtigen Beitrag dazu leisten.

Weiters gilt es, politisch aktiv zu sein und sich gegen ungerechte und illegitime Gesetze zu wehren, indem sie einfach nicht befolgt werden, wie Gandhi mit seiner Widerstandsform des zivilen Ungehorsams vorgeführt hat.


Es bedürfe struktureller Veränderung auf vielen Ebenen – im Geldsystem und Wirtschaftssystem, in Kultur und Politik. Doch dafür sei vor allem ein fundamentaler Bewusstseinswandel nötig. Vandana Shiva ist überzeugt, wir müssten uns darauf besinnen, was das Leben lebenswert macht und die lebensfeindliche Kultur des Zerstörens um des Profites willen überwinden.

Denn unser System basiere auf einer falschen Hierarchie. Märkte befänden sich an der obersten Stelle und diktierten die Wirtschaft, welche wiederum die Menschen bestimme und diese dominiere schließlich die Natur. Dabei sei die Natur die Basis allen Lebens, worin der Mensch und die Wirtschaft eingebettet sein müssten. Für Vandana Shiva beweisen die derzeitigen Krisen die Konsequenzen dieser fatalen Fehlannahme und sie vergleicht unser System mit der sinkenden Titanic. Obwohl wir sehen, dass sie im Sinken begriffen ist, schaufeln wir weiterhin noch mehr Kohle hinein. So könnte die Titanic vielleicht noch zwei weitere Tage über Wasser bleiben. Wollen wir aber langfristig überleben, sollten wir uns daran machen, viele kleine Rettungsboote, also Alternativen, zu bauen.


Hier zum Veranstaltungsbericht vom Institut für Umwelt – Friede – Entwicklung.

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung und Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen.