“Es möge lange dauern” – Eindrücke aus der Longo Maï Kooperative.

Ein Ort, der bleiben will.

„Longo maï“ – das ist ein alter Wunsch auf okzitanisch, einem Dialekt, der vor dem Französischen in Südfrankreich gesprochen wurde. Er bedeutet: Es möge lange dauern. Wer die Hügel der Provence hinauffährt, stößt irgendwann auf „Grange Neuve“, die älteste und größte Kooperative der Longo Maï-Bewegung. Hier begann in den 1970er Jahren der Versuch, ein Leben jenseits von Kapitalismus, Konkurrenz und Systemen der Unterordnung aufzubauen.

Die Anfänge von Longo Maï liegen in einer Zeit des Umbruchs: Die jungen Gründer*innen stammten aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Österreich – Nachkriegsgesellschaften, in denen Fortschritt und Konsum zunehmend zu Leitbildern wurden, während Hierarchien und soziale Ungleichheit weiterhin den Alltag prägten. In ganz Europa formten sich damals Protest und Studierendenbewegungen, die 1968 ihren Höhepunkt fanden – getragen von dem Wunsch nach Mitbestimmung, Gleichberechtigung und einer Abkehr von autoritären Strukturen. Aus dieser Bewegung fanden sich auch jene junge Menschen zusammen, die später Longo Maï gründeten, getrieben von dem Wunsch, ein unabhängiges, solidarisches Leben aufzubauen – jenseits von Repression und fremdbestimmter Arbeit, aber weiterhin politisch wirksam. 1972 trafen sich in Basel verschiedene Jugendgruppen mit der Idee eine europäische Kooperative zu gründen, die gemeinschaftliches, ökologisches Leben und gesellschaftliches Wirken verbindet. Ein Jahr später entstand in der Provence auf 300 Hektar brachliegendem Land „Grange Neuve” – die erste Longo Maï Kooperative.

Heute leben hier rund 150 Menschen verschiedener Generationen, die Alltag, Arbeit und Verantwortung teilen. Über die Jahre sind außerdem viele weitere Kooperativen entstanden – in Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Ukraine.
Das Gelände von „Grange Neuve“ ist weitläufig; auf dreihundert Hektar verteilt sich hier alles wie in einem kleinen Dorf: Kollektivküche, Werkstätten, Felder, eine Käserei, Bäckerei, Gemüsegärten, eine Kräuterküche, Tierhaltung, eine eigene Holzwerkstatt sowie selbstgebaute Häuser und Jurten, die sich in die Landschaft einfügen. Im Vordergrund steht die Praxis der Selbstversorgung: Ernte, Brotbacken, Saatgutproduktion, Reparaturarbeit.

In Longo Maï leben viele Erwachsene mittleren Alters, einige ältere, die zum Teil von Anfang an dabei sind, sowie Kinder und Jugendliche – verschiedene Generationen also, wobei die Älteren überwiegen. Familien leben teils vollständig in der Gemeinschaft, teils leben Elternteile aber auch in eine der anderen beiden Longo Maï Kooperativen in Südfrankreich oder in umliegenden Städten. Die Kinder besuchen öffentliche Schulen in der Region. Es ist kein isolierter Ort, sondern mehr ein Netzwerk, das offen ist für Verbindungen und Verflechtungen außerhalb. Viele wollen auch außerhalb der Kooperative wirksam sein – sie fahren auf Plena in andere Kooperativen, um politische Veranstaltungen mitzugestalten oder nach Palästina, wo sie befreundete Landwirt*innen beim Ackerbau und beim Wiederaufbau von Häusern unterstützen.

Zwischen Autonomie und Verbindung.

Was sofort auffällt: Die Menschen hier haben Zeit. Niemand ist extern angestellt und so kann die meiste Energie in eigene oder Gemeinschaftsprojekte fließen. Wer Kinder hat, nimmt sich die Zeit, die gebraucht wird – für Erziehung, Fürsorge und alles, was zum Alltag mit Kindern gehören kann, es gibt keine festen Vorgaben. Kinderbetreuung und Kochen sind genauso viel wert wie Feldarbeit, Hausbau oder politisches Engagement. Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen, sichtbare Autoritätsstrukturen gibt es keine.

Ganz unabhängig von äußeren finanziellen Abhängigkeiten kann Longo Maï allerdings nicht bestehen, denn allein durch den Tausch von Materialien und Lebensmitteln mit anderen Kooperativen lässt sich nicht alles abdecken, was dort zum Leben nötig ist: Es braucht auch Geld für Transportmittel, Baumaterialien oder landwirtschaftliche Maschinen. Finanziert wird vieles durch Spenden von Unterstützer*innen, die dem Projekt seit Jahren verbunden sind – teils Menschen, die selbst einmal hier gelebt haben. Daneben verkauft die Kooperative auch ihr Bio-Gemüse und selbst hergestellte Kleidung aus eigener Wolle auf Märkten – einerseits, um etwas Geld hineinzubringen, andererseits aber auch um mit Menschen aus der Region in Kontakt zu kommen.

Einmal pro Woche gibt es eine Vollversammlung. Dort werden anstehende Projekte besprochen, für die gerade Unterstützung gebraucht wird oder Besuch angekündigt. Auch Einladungen zu gemeinsamen Film- oder Spieleabenden und Ausflügen entstehen hier. Alles basiert auf Freiwilligkeit, so bleibt Raum für Nähe, ohne dass sie zur Forderung wird.

Die Gemeinschaft ist groß genug, dass jede*r seinen eigenen Platz finden kann – auch, um mal nichts zu tun. Viele wechseln zwischen gemeinschaftlichen Aufgaben und persönlichen Projekten, widmen sich mal dem einen, mal dem anderen. Vieles läuft nebeneinanderher und fügt sich doch ineinander. So entsteht ein Geflecht aus Tätigkeiten, das sich ständig wandelt, ohne festen Plan und ohne Zwang zur Gleichartigkeit. Niemand sieht alles, niemand kontrolliert alles. Vielleicht ist das eines der Geheimnisse ihrer Beständigkeit: ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz, gemeinsamer Verantwortung und individueller Freiheit. Hier zeichnet sich ab, dass kollektive Strukturen bestehen können, wenn sie flexibel bleiben. Gemeinschaft ist hier nicht vordefiniert, sondern entsteht durch Begegnungen im gemeinsamen Tun.

Das war nicht immer selbstverständlich. Gerade am Anfang war die Suche nach einer gemeinsamen Ethik und der Weg der Selbstverwaltung oft auch ermüdend und kräftezerrend. Sich von Mustern zu lösen, mit denen man aufgewachsen ist – sei es hierarchisches Denken oder patriarchale Prägung – braucht Zeit und bleibt ein Lernprozess. Als Mehrgenerationenprojekt lebt Longo Maï davon dass jede Generationen eigene Fragen und Antworten einbringt.

Aber natürlich ist auch hier das Zusammenleben nicht völlig frei von Spannungen: Trotz gemeinsamer Wertebasis treffen hier auch unterschiedliche Bedürfnisse, Charaktere und politische Haltungen aufeinander. Diese geteilte Basis enthält hier aber auch das Vertrauen, dass Individualität und Andersartigkeit ihren Platz haben dürfen – und nimmt somit den Druck, in allem einer Meinung zu sein. Konflikte müssen nicht immer aufgelöst werden, sondern dürfen auch nebeneinander bestehen. Die Größe der Gemeinschaft und die Vielfalt an Arbeitsbereichen machen es möglich, sich auch aus dem Weg gehen zu können. Wenn Themen auftauchen, die alle betreffen werden sie in der Vollversammlung besprochen – oder in kleinere Arbeitsgruppen ausgelagert, in die sich diejenigen einbringen können, denen das Thema wichtig ist.

Saatgut als Infrastruktur der Souveränität.

Durch internationale soziale und ökologische Solidarität versucht Longo Maï auch über die eigene Gemeinschaft hinauszuwirken. Besonders sichtbar wird das in der Arbeit mit Saatgut als Ausdruck von Selbstbestimmung. Getauscht und weitergegeben wird auch über Grenzen hinweg, etwa an Initiativen und Landwirt*innen im Nahen Osten, die sich von Systemen struktureller Abhängigkeit befreien wollen. Saatgut wird als potenzielle Infrastruktur der Souveränität verstanden: Es steht für die Möglichkeit, Ernährungssysteme nach eigenen ökologischen Bedingungen und kulturellen Bedürfnissen zu gestalten und weiterzuentwickeln. Indem lokal angepasste und widerstandsfähige Pflanzen gezüchtet und geteilt werden, entsteht ein Netzwerk gegenseitiger Stärkung – besonders dort, wo Abhängigkeiten von globalen Märkten Alternativen erschweren. In einer Welt in der Lieferketten und Monopole zunehmend bestimmen was angebaut wird, gewinnt der Aufbau solcher Strukturen politische Bedeutung: Als greifbare alltägliche Praxis von Autonomie und Widerstand.

Jenseits der Mauern.

Ein weiteres Beispiel der Strahlkraft außerhalb der eigenen Felder ist das Radio „Zinzine“: Seit 1981 sendet es aus einem kleinen Steinhaus zwischen Eichenbäumen Musik aus aller Welt, gemischt mit kritischen Perspektiven – zu Umwelt, Gesundheit, Migration, Kultur und Literatur. Möglich wird das durch ein weit gespanntes Netzwerk aus Freund*innen und Aktivist*innen. Ihr Anspruch: Einfache, direkte Sprache mit Haltung – als Alternative zu konventionellen Medien. Zugleich dient das Radio auch als Ort der regionalen Vernetzung mit anderen Genossenschaften und als Denkanstoß, um nicht in gemeinschaftliche Bequemlichkeit zu verfallen, sondern aufmerksam zu bleiben für die gesellschaftlichen Entwicklungen jenseits ihres Alltags.

Longo Maï versteht sich nicht als eine in sich geschlossene Idealwelt, sondern als realer Gegenentwurf – ein Ort, an dem andere Werte zählen, ohne sich von der Gesellschaft abzukapseln. Es geht nicht darum, auszusteigen, sondern darum, alternative Strukturen als positiven Gegenentwurf aufzubauen. Von hier aus wollen die Menschen in Longo Maï wirksam bleiben und gesellschaftliche Strukturen mitgestalten und verändern, statt sich ihnen zu entziehen.

Die Gemeinschaft möchte zeigen, dass ein solidarisches und ökologisches Wirtschaften im Alltag möglich ist. Es ist ein praktischer Versuch, Abhängigkeiten von kapitalistischen Strukturen zu verringern und Ressourcen gemeinschaftlich und nach Eigenbedarf zu produzieren. Gerade in einer Zeit, in der ökologische Krisen, soziale Ungleichheit und politische Spannungen zunehmen, zeigt das Projekt, dass andere Formen von Wirtschaft, Zusammenleben und Verantwortung möglich sind – und auch dauerhaft funktionieren können. Es bleibt eingebettet in bestimmte ökonomische Strukturen unserer Gesellschaft, zeigt aber dass auch innerhalb dieser neue Wege gangbar sind.

Warum es bleibt.

Was hält die Kooperative schon seit über 50 Jahren zusammen? Vielleicht liegt ein Teil der Antwort darin, dass die inneren Strukturen viel Freiraum lassen – für eigene Projekte, Interessen und Vorstellungen – statt einer bestimmten Art des Gemeinschaftslebens zu erwarten. Longo Maï wirkt nicht wie eine abgeschlossene Utopie, sondern wie ein fortwährender Versuch, anders zu leben. Ihre Stärke scheint in der Fähigkeit zu liegen, Wandel auszuhalten, Unterschiedlichkeit als Vielfalt auszuhalten und trotzdem zusammenzuwirken. Eine Form des Miteinanders, das nicht perfekt sein will – aber dauerhaft.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Franziska Sellman

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Gutes Leben für Alle.