Die Welt ist komplex. Um globale Zusammenhänge dennoch zu verstehen kommt man um Reduzierungen nicht herum. Die Auswirkungen dieses Reduktionismus in der Bildungsarbeit waren Thema der letzten Vorveranstaltung zur Entwicklungstagung am 4. Oktober 2008 in Innsbruck.Freitag um 17.00 Uhr begrüßte Margret Fessler, die Direktorin des Neuen Gymnasiums, die knapp 25 TeilnehmerInnen zum Workshop Komplexe Fragen einfache Antworten?. Nach einleitenden Worten von Ruth Buchauer (Südwind Tirol) und Erich Mayr (Universität Innsbruck) stellte Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) die Vierte Österreichische Entwicklungstagung vor. Inhaltlicher Input kam von Maria Hallitzky (Universität Leipzig), die sich in ihrer Habilitation mit dem Thema des Globalen Lernens auseinandersetzte.
Warum fällt uns der Umgang mit komplexen Fragen so schwer?
Komplexe Fragestellungen, wie die Umsetzung eines nachhaltigen Lebensstils, können auf verschiedenen Ebenen diskutiert werden. Zum einen gibt es die individuelle Ebene, auf der beispielsweise der Ansatz der LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability Personen, die mit ihrem Lebensstil Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern wollen) angesiedelt ist. Zum anderen existiert der politische Zugang. Laut Oliver Geden könne nur die Politik helfen, da der Einzelne keinerlei gesellschaftliche Veränderungen bezwecken könne und moralisch überfordert sei, nachhaltig zu leben.

Maria Hallitzky (Foto: Gerald Faschingeder)
Wie können komplexe Anforderungssituationen nun bewältigt werden? Zwei Möglichkeiten präsentierte die ehemalige Lehrerin: Erstens die Reduktion von Komplexität anhand von Strukturierung, Stereotypenbildung oder dem Gerechte-Welt-Glaube. Letztgenanntes ist eine Hypothese, laut der die Menschen grundsätzlich glauben möchten, in einer gerechten Welt zu leben. Erfahrungen von Ungerechtigkeit führen zu Versuchen, die Gerechtigkeit wiederherzustellen, sei es durch aktives Handeln oder durch Leugnen bzw. Rechtfertigen des Unrechts.
Eine zweite Möglichkeit stellt die Erhöhung der Eigenkomplexität durch Lernen dar. Dabei ist nicht nur eine Wissensanreicherung gemeint, sondern auch eine Steigerung emotionaler Kompetenzen, wie beispielsweise die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzufühlen (Empathie) oder einen Sachverhalt aus verschiedenen Perspektiven betrachten zu können. Hierzu zählt ebenso die Ambiguitätstoleranz, die Fähigkeit mit widersprüchlichen, unsicheren Situationen umgehen bzw. sie aushalten zu lernen.
Veränderung durch Selbstreflexion?
In einer Studie mit LehramtstudentInnen erhob Maria Hallitzky, inwiefern sich Gerechte-Welt-Glaube, Ambiguitätstoleranz und Selbstwirksamkeitserwartung (die Erwartung, zukünftige schwierige Situationen erfolgreich meistern zu können) durch forschendes und selbstreflexives Lernen verändern lassen. In den Seminaren zum Thema Ökologie und Migration widmeten sich die StudentInnen nach einem inhaltlichen Input der Meta- und Selbstreflexion in Form von Lerntagebüchern, Gesprächen und Rollenspielen. Bei 61% der Studierenden sind in der Erhebung nach dem Seminar Steigerungen zu verzeichnen, wenn auch nicht in hohen Maßen. Interessanterweise lassen sich bei Studierenden mit geringeren Eingangswerten durchaus signifikante Zunahmen erkennen, währenddessen jene mit höheren Ausgangswerten rückläufige Entwicklungen verzeichneten. So mancheR StudierendeR wurde sich also eventuell erst durch das Seminar der Komplexität der Thematik bewusst und seine/ihre Selbstwirksamkeitserwartung näherte sich einem realistischeren Wert an.
Bezugnehmend auf ihre einführenden Erläuterungen zu den verschiedenen Ebenen, auf denen komplexe Fragestellungen behandelt werden können, unterstrich Maria Hallitzkys die Bedeutung der individuellen Ebene, da die Bewältigung von Komplexität in ihren Augen in den Köpfen der Menschen beginne.
Weltcafé
Der restliche Abend stand ganz im Zeichen des gemeinsamen Dialogs. In drei Gesprächsrunden diskutierten Kleingruppen nach der Weltcafé Methode über Umgang und Auswirkungen von Reduktionen im Bildungsalltag. Wichtig sei es, sich der ständig passierenden Reduzierungen bewusst zu sein und sie permanent zu reflektieren. Vor allem in Bezug auf die Arbeit mit Kindern kam die Frage auf, ob man jene denn wirklich vor Komplexitäten schützen müsse oder ob sie mit diesen sehr wohl auch leben könnten. Dennoch reiche es nicht, sich unserer komplexen Welt bewusst zu sein, da Handlungsmöglichkeiten gefragt seien. Der Faire Handel scheint eine Lösung zu sein, aber hilft es denn, wenn alle Fair Trade Schokolade kaufen?

Weltcafé (Foto: Gerald Faschingeder)
Nachdem alle TeilnehmerInnen wieder den Weg zurück zu ihren Ausgangstischen fanden natürlich nicht ohne dabei dem verlockenden Buffet einen Besuch abzustatten sollten die individuell gewonnen Einsichten gemeinsam verschriftlicht und auf einer Themenwand zusammengetragen werden.
Physisch und geistig aktiver Abschluss
Um manch müden Geist zu dieser doch schon vorgerückten Stunde zu reaktivieren, folgten einige unterhaltsame Leibesübungen, bevor man in die letzte Runde startete. Gemeinsam wurden die Ergebnisse der Themenwand betrachtet und unter der Moderation von Gabriele Salzgeber (SoVal) besprochen. Im Hinblick auf die Ambiguitätstoleranz diskutierten die TeilnehmerInnen, ob denn nun alles toleriert bzw. ausgehalten werden müsse. Man dürfe jedoch nicht tolerieren, was Toleranz aufhebt und es sei sehr wohl angebracht, eigene (politische) Positionen überzeugend zu vertreten. Heftig wurde der Begriff der absichtslosen Aufmerksamkeit, die man als LehrendeR vertreten solle, diskutiert. Gerade in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit bedürfe es aber bestimmter Perspektiven und Absichten, um Veränderungen zu bewirken. Abschließend wurden vorwiegend didaktische Fragen bezüglich der Leitung von Workshops in Schulen erörtert, in denen die TeilnehmerInnen ihre Erfahrungen und Erlebnisse austauschen konnten.