Mit Beginn dieses Jahrhunderts lebt zum ersten Mal die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Welche Probleme entstehen an Orten mit einer derart hohen Bevölkerungszahl und -dichte? Was bedeutet das Städtewachstum für die Umwelt? Seit Mitte des 20. Jahrhunderts konzentriert sich Bevölkerungswachstum vor allem auf Städte. Die Länder Lateinamerikas weisen bereits Urbanisierungsquoten von über 75% auf, die Wachstumsraten in Afrika und Asien schnellen weiterhin in die Höhe. Als Megacities werden Städte bezeichnet, die eine gewisse EinwohnerInnenzahl überschritten haben. Über die genaue Zahl herrscht Uneinigkeit: Einige setzen die Grenze bei 5 Mio. EinwohnerInnen an, andere mit einer Mindestzahl von 10 Mio. deutlich höher. Die Vereinten Nationen arbeiten seit den 1980ern mit einer demographischen Größe von 8 Mio. EinwohnerInnen. Zu den größten Megacities der Welt zählen Tokio, Mexiko City, New York und Kairo. Tokio steht mit fast 35 Mio. EinwohnerInnen an der Spitze. Bedeutend ist, dass sich unter den Top 10 der Megastädte der Welt schon lange keine europäischen Städte mehr befinden. Während um 1940 noch alle der damals fünf Megacities in den industriell entwickelten Ländern der nördlichen Erdhalbkugel lagen (New York, Tokio, London, Paris und Moskau), befanden sich im Jahr 2000 bereits zwei Drittel der mittlerweile 45 Megacities in Entwicklungsländern.
Oft besteht ein Spannungsverhältnis zwischen Megacity und Staat. Der US-amerikanische Stadtplaner Eugene Grigsby behauptete sogar, dass die Megacities miteinander mehr gemeinsam hätten als mit dem jeweiligen Land, in dem sie sich befänden. Andere widersprechen dieser These und zeigen anhand der Entwicklungsgeschichte auf, dass aufgrund unterschiedlicher politischer und sozioökonomischer Ausgangslagen der Megacities auch dementsprechend unterschiedliche Strukturen und Lebensweisen entstanden sind.
Umweltprobleme einer „Dritte-Welt-Stadt“ Lagos
Derzeit liegt Lagos mit ca. 11 Mio. EinwohnerInnen auf Platz 22 der größten Megacities. Als Wirtschaftszentrum Nigerias ist Lagos die größte Stadt Subsahara-Afrikas und die mit 5% jährlich am schnellsten wachsende Megacity der Welt. Täglich ziehen mehr Menschen mit der Hoffnung auf bessere Jobchancen nach Lagos. Doch selbst der informelle Sektor kann nicht genügend Arbeitsplätze bieten und auch der Wohnraum ist begrenzt.
Das riesige Verkehrsaufkommen in überfüllten Straßen überfordert nicht nur die vorhandene Infrastruktur, vor allem die Abgase sind extrem schädlich für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen. Die zehntausende Busse, Minibusse und Motorradtaxis, die PendlerInnen von einem Ende der Stadt zum anderen transportieren, sind laut Professor Babajide, Experte für Umweltfragen, verantwortlich für einen Großteil der Umweltbelastung. Der Umzug der Regierung in die neue Hauptstadt Abuja im Jahr 1991 bewirkte bisher weder eine Verringerung des Verkehrs noch eine Verbesserung der Umweltsituation.
Ein noch offensichtlicheres Problem ist die Abwasser- und Müllentsorgung in Lagos. Berge von Müll, der auf den Straßen abgelagert wird, türmen sich dort und „verpesten“ die Luft. Wegen der schlechten Entsorgung von Haushalts- und Industrieabwässern ist das Wasser zum Trinken und Waschen besonders in den Slums durch Bakterien und Chemikalien verseucht. Die Abwässer gelangen meist ungefiltert in die Flüsse. An den Mündungen der Flüsse wird trotzdem gefischt.
StädteplanerInnen schätzen, dass Lagos im Jahr 2015 bereits 25 Millionen EinwohnerInnen haben wird. Sie nehmen deshalb an, dass der Bevölkerungsdruck heute als größter Verursacher von Umweltverschmutzung betrachtet werden kann. Die Bemühungen der Regierung, eine geplante Müllentsorgung durchzusetzen, können angesichts solcher Zahlen nur als „Tropfen auf dem heißen Stein“ bezeichnet werden. Ausschlaggebend ist nicht zuletzt das Umweltbewusstsein der Menschen selbst.
An dieser Stelle mag der Gedanke aufkommen, dass es nur in Megacities der Entwicklungsländer derartige Umweltprobleme gibt. Doch ein Blick auf Tokio lässt andere Schlüsse ziehen.
Umweltprobleme einer Industriestadt Tokio
Besonders prägend in der Entwicklung der Stadt Tokio war die institutionelle und politische Modernisierung im Laufe des Industrialisierungsprozesses, der besonders zwischen 1880 und 1920 vorangetrieben wurde. Neue Fabriken siedelten sich vor allem in zwei städtischen Zonen an und veränderten das Bild der Stadt.
Tokio stellt für das Auge des Besuchers das Ebenbild einer modernen Stadt dar, doch auch hier wird mit Umweltproblemen gekämpft. Nur sind diese für das Auge oftmals weniger sichtbar als beispielsweise in Lagos. Die Luftverschmutzung erreichte in den 1960ern einen neuen Höchststand und das traditionelle Feuerwerk am Sumidagawa musste ab 1962 für 16 Jahre ausfallen.
Ein weiteres Problem moderner Großstädte ist das elektrische Licht, das die Stadt meist 24 Stunden lang erhellt. Auch wenn „light pollution“ ein Phänomen ist, dem bisher noch nicht sehr viel Beachtung geschenkt wurde, gehen auch davon Gefahren für die Umwelt aus. Eine einzige 100-Watt Lampe, die ein Jahr lang jede Nacht durchgehend brennt, verursacht den Ausstoß einer Viertel Tonne CO2 durch ein Kohlekraftwerk. Zudem reagieren besonders Nachttiere empfindlich auf das Licht und auch Vögel leiden unter Orientierungslosigkeit. Sogar Bäumen kann das Licht schaden, nämlich insofern, dass sie sich dem Wechsel der Jahreszeiten nicht mehr anpassen können.
Sichtbare und unsichtbare Verschmutzung
Der Vergleich der beiden Städte zeigt den Unterschied zwischen „dirty pollution“ und „clean pollution“. Offene Müllhalden auf den Straßen sind ein sichtbares Zeichen der Umweltverschmutzung, doch stellen unsichtbare Industrieabfälle eine nicht geringere Gefahr für die Umwelt dar.
Dort, wo Menschen leben, muss die Natur leiden, egal in welchem Land. Dass mittlerweile mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung in Städten wohnt, sollte zum Überlegen darüber anregen, wie besonders hier mittels städteplanerischer Maßnahmen eingegriffen werden kann, um die Natur zu schonen.
Zum Weiterlesen
Worldwatch Institute (Hg.) (2007): Zur Lage der Welt. Der Planet der Städte. Münster.
Quellen
Deutsche Welle (2006): Verschmutzung von Megastädten (pdf, 53.77 KB). Das Beispiel Lagos, Hauptstadt von Nigeria. Bonn.
Deutsche Welle (2006): Verschmutzung von Megastädten. Umweltschutz ist Luxus – Lagos hat den Ruf als dreckigste Stadt Afrikas. Bonn.
Earwaker, Julian (2007): Like night and day, In: Spotlight, 2007 (2/07), 14-19.
Schwentker, Wolfgang (Hg.) (2006): Megastädte im 20. Jahrhundert. Göttingen.
Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung.