Migration in den beiden Amerikas ist längst nicht mehr nur ein Süd-Nord-Phänomen. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Netzwerk aus Bewegungen, Stillständen, Grenzübertritten und politischen Regulierungen, das die Geografie der Kontinente neu formt und auch immer stärker in einem Süd-Süd-Kontext auftritt. Dabei drängt sich eine zentrale Frage auf: Wer kontrolliert Bewegung – und was sind die Folgen der zunehmenden Kontrolle?
In ihrem Vortrag „Between Migrant Struggles and Border Regimes“ am 28. Mai 2025 an der Universität für Weiterbildung Krems analysierte die Migrationsforscherin Soledad Álvarez Velasco (University of Illinois Chicago, USA) die Entstehung und Transformation transamerikanischer Migrationskorridore. Im Fokus standen dabei zwei zentrale Routen: Der sogenannte nördliche Korridor zwischen der Andenregion und Mittelamerika sowie der südliche Korridor, der die Anden mit dem Südkegel Lateinamerikas verbindet. Álvarez Velasco argumentiert auf Basis ihrer langjährigen ethnografischen Forschung, dass die zunehmende Süd-Süd-Migration (Migration innerhalb des Globalen Südens, in diesem Fall innerhalb von Südamerika) diese Korridore zu sozial prekären Räumen gemacht hat, in denen migrantische Kämpfe („migrant struggles“) ausgetragen werden, aber auch staatliche, militärische oder humanitäre Akteur*innen mittels Grenzregimen (politische und administrative Maßnahmen zur Grenzsicherung) Kontrolle ausüben. Dieses Spannungsfeld produziert die Gefahren solcher Fluchtrouten.
Migrationskorridore als soziale Räume.
Migrationskorridore sind weit mehr als bloße geografische Durchgangsräume. Soledad Álvarez Velasco begreift sie – in Anlehnung an den brasilianischen Geographen Milton Santos – als soziale Räume, die durch historische Machtverhältnisse, globale Ungleichheiten und koloniale Kontinuitäten strukturiert sind.
Im Zentrum steht dabei das Spannungsverhältnis zwischen Mobilität und Kontrolle. Staaten üben über Grenzen, Visa und Aufenthaltsrechte Macht aus, indem sie festlegen, wer sich wann, wohin und wie schnell bewegen darf – und wer nicht.
Diese Form der selektiven Mobilität ist nie neutral, sondern tief durchzogen von Rassismus, Geschlechterverhältnissen und sozialen Klassifikationen. In den entstehenden Korridoren manifestieren sich diese Ungleichheiten räumlich – sie werden zu Zonen prekärer Bewegung und Unsicherheit. Die daraus entstehende Spannung zwischen Mobilität und Kontrolle bildet laut Álvarez den Kern geografischer Entwicklungen und ihrer Grenzregime. In genau diesem Spannungsfeld entstehen Migrationskorridore: Als umkämpfte Räume, in denen sich staatliche Kontrolle und migrantische Mobilität aufeinandertreffen – oft im Konflikt.
Securitization of Migration – Migration unter Kontrolle.
Diese Konflikte manifestieren sich nicht selten in physischen Grenzmauern – bis 2023 wurden weltweit 364 Grenzmauern errichtet. Doch Mauern bestehen heute nicht nur aus Beton, Stacheldraht und Zäunen – sie materialisieren sich ebenso in digitalen Überwachungssystemen, biometrischer Erfassung, restriktiven Visapolitiken und rechtlichen Ausgrenzungen.
Die umfassende „Securitization of Migration“, das heißt die sicherheitspolitische Rahmung und Steuerung von Mobilität, hat sich seit den 1990er Jahren zunehmend in der Migrationspolitik des Globalen Nordens durchgesetzt. Besonders die USA und die EU haben selektive Visaregime, eingeschränkte Asylverfahren und geschwächte Flüchtlingsgarantien eingeführt, begleitet von der Auslagerung ihrer Grenzen auf ihre Nachbarländer. Länder wie Mexiko, Guatemala, Libyen, Marokko, Albanien oder Bosnien fungieren dabei als vorgelagerte „Schutzschilde“ entlang der globalen Migrationskorridore. Auch sie haben ihre Grenzregime verschärft, Visa eingeführt und Rückführungsprogramme umgesetzt. Die Geografie rund um diese Festungen wirkt dabei wie eine zusätzliche Mauer – eine Landschaft der Abschreckung und Eindämmung.
Staatliche Akteure sind aber nicht die einzigen, die diese Grenzregime gestalten. Entlang von See-, Fluss- und Luftwegen treten auch nicht-staatliche Akteure auf den Plan: Kriminelle Netzwerke, Gangs, paramilitärische Gruppen oder auch humanitäre Organisationen. Sie alle sind Teil jener Strukturen, die sowohl Kontrolle ausüben als auch informelle Mobilität ermöglichen. Hervorzuheben sind im Falle der Amerikas auch die sogenannten „Coyotes“: Ehemalige Migrant*innen, die selbst zu Akteur*innen im entstehenden Schleuserwesen wurden.
Der nördliche Korridor: Vom Andenraum in die Festung USA.
Der sogenannte nördliche Migrationskorridor erstreckt sich von den Andenstaaten – insbesondere Ecuador, Kolumbien und Peru – über Mittelamerika bis an die Südgrenze der USA. Er steht exemplarisch für die Verflechtung historischer Ungleichheiten, neoliberaler Umstrukturierung und verschärfter Migrationskontrolle. Seit den 1970er-Jahren führte eine Kombination aus Wirtschaftskrisen, politischer Instabilität und US-amerikanischer Interventionen zur Entstehung dieses Korridors. Besonders seit den 2010er-Jahren ist die Route stark frequentiert – nicht nur von lateinamerikanischen Migrant*innen, sondern zunehmend auch von Menschen aus Afrika, Asien und der Karibik. Zwischen 2010 und 2023 stieg die Zahl der Durchreisenden von rund 3.000 auf über 500.000.
Ein Brennpunkt dieser Route ist der Darién-Dschungel zwischen Kolumbien und Panama. Er gilt als einer der gefährlichsten Transitpunkte weltweit. Naturgefahren und extremer Mangel an staatlicher Infrastruktur treffen hier auf paramilitärische Gewalt und eine florierende Schattenwirtschaft, die aus der Not der Migrant*innen Kapital schlägt.
Um die Migration einzudämmen, erweiterte die USA ihre Grenzen, unter anderem durch Sicherheitskooperationsabkommen mit Staaten entlang zentralamerikanischen Migrationsrouten. Mexiko kontrolliert so seine Grenzen im Sinne der USA, etwa durch gemeinsame Visa-Regelungen oder Inhaftierungs- und Abschiebungsprogramme. Eine abgeschwächte Form dieser Externalisierung zeigt sich auch in Ländern wie Guatemala, Panama, Kolumbien oder Ecuador, wo staatliche und internationale Akteur*innen eine Kontrollfunktion übernehmen – legitimiert durch Abkommen und unter dem Vorwand der Sicherheit. Hier stellt sich unweigerlich die Frage: Sicherheit für wen?
Der südliche Korridor: Migration zwischen Hoffnungsraum und Abwehrregime.
Im Gegensatz zum nördlichen Korridor steht der südliche Korridor für eine lange Zeit der aufnehmenden Migrationspolitiken in Südamerika. Zwischen 2000 und 2015 entwickelten Länder wie Argentinien, Chile, Brasilien, Ecuador und Bolivien einen progressiven Rechtsrahmen, der auf Einhaltung der Menschenrechte, Freizügigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz setzte. In dieser Periode wurde Südamerika zu einem wichtigen Ziel- und Transitort für Migrant*innen aus der Karibik (vor allem Haiti, Kuba, Dominikanische Republik), aber auch aus afrikanischen und asiatischen Ländern. Viele Migrant*innen aus Nigeria, Senegal, Eritrea oder Bangladesch reisten über Ecuador oder Brasilien nach Süden in der Hoffnung, sicherere Perspektiven zu finden.
Doch mit dem massiven Anstieg der Migration, insbesondere durch die venezolanische Abwanderung, kippte die Stimmung. Über 8 Millionen Menschen verließen Venezuela – viele von ihnen per Fuß über mehrere Grenzen hinweg. Dies führte zu einer Welle von Grenzschließungen, Visa-Pflichten und neuen Kontrollmechanismen in nahezu allen Staaten des südlichen Korridors. Ab 2019 wurden Visa für Venezolaner*innen in Ecuador, Peru und Chile zur Pflicht. Darüber hinaus wurden Polizeikontrollen verschärft, zunehmend rassistische Narrative bemüht und Migrant*innen verstärkt illegalisiert und kriminalisiert. Gleichzeitig entstehen heute in den Zwischenräumen dieser Politik neue Migrationsökonomien: „Trochas“ (illegale Grenzpfade), informelle Arbeitsmärkte, temporäre Lager und mobile Versorgungssysteme zeugen davon, dass auch dieser Korridor zu einem raumproduzierenden Konfliktfeld geworden ist – zwischen Abschottung und Durchlässigkeit, Kontrolle und Flucht, Hoffnung und Erniedrigung.
Fazit: Migrationskorridore sind Räume des sozialen Kampfes.
Trotz der widrigen Bedingungen zeigen migrantische Akteur*innen enorme Resilienz, Kreativität und Solidarität. Dabei organisieren sie sich digital, vernetzen sich transnational und entwickeln kollektive Strategien zur Selbsthilfe, was vom Teilen von Karten über gemeinsame Routenplanung bis hin zur seelischen Unterstützung im Transit reicht. In eindrücklichen Erlebnisberichten schildern Migrant*innen das Grauen ihrer Reisen, aber auch ihre Widerstandskraft.
Die Arbeit von Soledad Álvarez Velasco macht deutlich: Migrationskorridore sind nicht einfach gegeben, sie sind gemacht – durch Macht, Gewalt, aber auch durch migrantischen Widerstand. In einer Zeit, in der autoritäre Tendenzen wieder an Bedeutung gewinnen, ist die Solidarität mit den migrantischen Kämpfen notwendiger denn je. Denn entgegen der diskursiven Verengungen auf eine „Krise“ oder „Bedrohung“ ist die Migration ein kollektiver sozialer Kampf um Leben, Rechte und Würde. Es gilt, diese „migrant struggles“ sichtbar zu machen und solidarisch mit ihnen für eine gerechtere Raumordnung in den Amerikas einzutreten.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild unsplash © Max Böhme