Wenn Benzin „Bio“ wird

Das Ökobüro und die Arbeiterkammer Wien veranstalteten am 27. Mai 2008
im AK Bildungszentrum eine Tagung zum Thema "Agrotreibstoffe Lösung
oder Problem? Potenziale, Umweltauswirkungen und soziale Aspekte".

Weltweit wird die Nutzung von Agrotreibstoffen, also das Beimischen von Ethanol oder Biodiesel zu fossilen Treibstoffen, vorangetrieben. Die massive Förderung innerhalb der EU ist aber zunehmend Gegenstand wissenschaftlicher, politischer und öffentlicher Kritik, da Agrotreibstoffe als Grund für steigende Lebensmittelpreise und die Vernichtung von riesigen Regenwaldflächen verantwortlich gemacht werden. Die sechs Vortragenden analysierten die aktuelle Diskussion aus der Sicht ihres jeweiligen Arbeitsbereichs.

Verbessern Verlagern Vermeiden

Der erste Vortrag von Günter Lichtblau, Mitarbeiter des Umweltbundesamtes Wien, beleuchtete die Diskussion auf österreichischer Ebene. Laut Treibhausgasbilanzen, die für alle EU-Länder berechnet werden, sei Österreich in einer Vorreiterrolle. Aber die Glaubwürdigkeit dieser Bilanzen sei sehr umstritten, da Emissionen, die auf dem Transport oder bei der Produktion entstehen nicht bei der Berechnung mit einflössen. Sein Fazit war ernüchternd: Der Biokraftstoffeinsatz im Verkehr sei im Vergleich zu anderen Maßnahmen, wie eine Senkung der Höchstgeschwindigkeit in Österreich, nur eine kurzfristige Reduktionsmöglichkeit und relativ teurer.

Gut oder böse?

Erwin Schmid, Professor an der Universität für Bodenkultur in Wien, schaffte mit seinem Vortrag einen Überblick über die Potenziale von Agrotreibstoffen. Grundsätzlich sei die Erhöhung des österreichischen Biomasseaufkommens ab einem bestimmten Zeitpunkt nur zu Lasten anderer Ziele möglich. Man müsse einen Kombinationsweg gehen, indem man die Energieverwertung von Abfällen mit dem Einsatz von alternativen Treibstoffen verbinde. Darin stecke das große Potenzial für die Zukunft. Für die Erhöhung der Lebensmittelpreise machte er die Subventionierung der Produktion von Mais und Soja verantwortlich. Da die Nahrungsmittelproduktion aber nicht subventioniert werde, steigen die relativen Preise. Nicht die Erschöpfung der Böden also, sondern politökonomische Maßnahmen seien Schuld an steigenden Lebensmittelpreisen. Ein politisches Eingreifen sei dringend gefragt.

Wie effizient sind Agrotreibstoffe?

Mireille Faist, Mitarbeiterin der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) Schweiz, stellte die EMPAStudie zur Ökobilanz von Energieprodukten, in Auftrag gegeben von den Schweizer Bundesämtern für Energie, Umwelt und Landwirtschaft, vor. Die Studie kam zu folgendem Ergebnis: Biotreibstoffe verursachten zwar weniger Treibhausgase als Benzin oder Diesel, dies ergebe sich aber daraus, dass man die gesamte Produktionskette außer Acht lasse. Würde man die bei Transport und Produktion entstehenden Emissionen mit einbeziehen, sei der Unterschied zu Benzin und Diesel minimal.
Das Ergebnis der Studie zeige, dass die energetische Nutzung von Abfällen, Reststoffen und Holz die effizienteste Alternative zu fossilen Treibstoffen sei.

Die Frage der Nachhaltigkeit

Manfred van Eckert vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sprach über die Nachhaltigkeit der Produktion von Agrotreibstoffen. Nachhaltigkeit könne nur dann gewährleistet werden, wenn die Treibstoffproduktion nicht auf Kosten des Menschenrechts auf Nahrung gehen würde. Ihre Produktion müsse sich positiv auf Wirtschaft, Beschäftigung und auf Nahrung auswirken. Die drei von ihm vorgestellten Optionen zur Nachhaltigkeit (Einhaltung der Kernarbeitsnormen der ILO, Berichtspflicht der ProduzentInnen und Monitoring der Berichte) erinnerten aber eher an eine ideale Weltordnung als an realistisch umsetzbare Schritte.

Die zweite Generation: Wir brauchen jeden Strohhalm!

Walter Böhme von der OMV AG stellte die zweite Generation der Agrotreibstoffe vor. Es handle sich nicht mehr um eine Mischung aus fossilen und alternativen Treibstoffen, sondern um Treibstoffe die zu 100% aus Agrarprodukten stammen. Aus der Sicht der OMV seien diese attraktiver als die Mischform, da sie eine bessere Qualität, einen breiteren Einsatz, effiziente Prozesse und niedrigere CO2 Emissionen aufwiesen. Nach dem Motto "wir brauchen jeden Strohhalm" bewertete Böhme die EU Fördermaßnahmen positiv, wenn auch nicht als alleinige Lösung, sondern in Kombination mit anderen Maßnahmen.

Für Essen brauche man jeden Strohhalm nicht für Biosprit!

Den letzten Vortrag hielt Gertrude Klaffenböck von der Organisation Food First Information and Action Network (FIAN) über die Konsequenzen von Agrotreibstoffen für das Menschenrecht auf Nahrung. Die Expansion von Monokulturen von Soja oder Mais verdränge die Nahrungsmittelproduktion immer mehr und treibe die Preise hoch. Am härtesten sei die arme Bevölkerung davon betroffen, die ohnehin schon an Hunger leidet.

Der "Beimischungszwang" in Österreich und der EU solle deshalb neu bearbeitet werden, da die sozialen Folgen von den ProduzentInnen- bis zu den KonsumentInnenländern fatal seien.

Entgegen der Darstellung von Walter Böhme, meinte Klaffenböck, dass die Nachfrage nach Agrotreibstoffen bis zu dreißig Prozent für Preissteigerungen verantwortlich sei. Die Zukunft müsse auf nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion aufbauen.

Fazit

Die Vortragenden spiegelten die breit gefächerte Diskussion über den Einsatz von Agrotreibstoffen und dessen politischen, ökonomischen, ökologischen und sozialen Folgen wieder. Ob Biosprit der Grund für steigende Preise sei, war man sich allgemein nicht einig. Ein gemeinsames Fazit war aber, dass Agrotreibstoffe nur einen verschwindend kleinen Teil zur CO2 Reduktion beitragen können. Eine Senkung der Höchstgeschwindigkeit und der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel sei im Verkehrswesen die einzig effiziente Maßnahme.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.