Der verstärkte Einsatz von Agrotreibstoffen ist derzeit Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Stellt er tatsächlich einen Ausweg aus steigendem Energieverbrauch und der Gefahr des Klimawandels dar? Die Arbeitsgruppe Agrotreibstoffe nimmt Stellung zu Chancen und Risiken dieser Entwicklung.
Die Arbeitsgruppe Agrotreibstoffe, eine Gruppe umwelt- und
entwicklungspolitischer NGOs, setzt sich aus Mitgliedern von AGEZ,
BirdLife Österreich, Forum Wissenschaft und Umwelt, Global 2000,
Greenpeace CEE, Klimabündnis, KOO, Plattform Footprint, Umweltberatung
Österreich und WWF Österreich zusammen. Sie präsentierte ihre Argumente
in einer Stellungnahme.
Was sind Agrotreibstoffe?
Der
Begriff "Agrotreibstoffe" bezeichnet verschiedene Arten von biogenen
Treibstoffen. "Nach derzeitigem Stand der Technik werden in erster
Linie FME (Biodiesel) und Ethanol (Biosprit) als Agrotreibstoffe
eingesetzt", so die AutorInnen. Diese würden großteils aus pflanzlichen
Rohstoffen wie Raps, Sonnenblumen, Mais, Getreide und Zuckerrohr
gewonnen. Der häufig verwendete Begriff "Biotreibstoffe" sei
irreführend, da die Rohstoffe für Agrotreibstoffe keineswegs nur im
biologischen Landbau hergestellt werden.
Kernproblematik
"In
der öffentlichen Wahrnehmung wird durch die verstärkte Verwendung von
Agrotreibstoffen der Eindruck erweckt, dass damit ein wesentlicher
Beitrag zur Lösung des Klimaproblems geleistet sei", kritisieren die
AutorInnen. Tatsächlich aber könne durch Agrotreibstoffe die steigende
Nachfrage nach Kraftstoffen nicht annähernd gedeckt werden. Ein Umstieg
auf erneuerbare Energie sei ohne Reduktion des weltweiten
Ressourcenverbrauchs nicht möglich. "Eine drastische Reduktion des
KFZ-Verkehrs ist notwendig", so die erste Kernaussage des
Positionspapiers.
Als grundlegendes Problem wird die
Notwendigkeit großer Anbauflächen für Rohstoffe betrachtet.
"Fruchtbarer Boden ist eine begrenzte Ressource. Der Aufbau
großtechnischer Strukturen zur Nutzung von Biomasse für die
Treibstofferzeugung steht global betrachtet in Konkurrenz zum Anbau von
Nahrung, aber auch zur Bewahrung der Artenvielfalt unseres Planeten",
beschreiben die AutorInnen die Problematik der
Agrotreibstoffproduktion. Dieser Konkurrenzdruck trage zur Verschärfung
bestehender globaler Ungerechtigkeiten bei.
Weiters steht die
Frage nach der Effizienz der Agrotreibstoffe für den Klimaschutz im
Raum. "Die nach derzeitigem Stand der Technik verfügbaren
Agrotreibstoffe wie Biodiesel und Bioethanol bringen vergleichsweise
geringe Klimaschutz-Effekte", so die Aussage der Arbeitsgruppe.
Agrotreibstoffe und Nahrung
"Wollten
wir den gesamten derzeitigen österreichischen Treibstoffverbrauch mit
Biodiesel aus Raps bzw. Ethanol aus Getreide decken, so bräuchten wir
dafür ein Vielfaches der in Österreich verfügbaren Ackerflächen",
ergeben Berechnungen der Arbeitsgruppe. Europaweit werde ebenfalls von
einer Importabhängigkeit ausgegangen. "Berechnungsmodelle wie der
Ökologische Fußabdruck oder die HANPP (Human Appropriation of Net
Primary Production) zeigen auf, dass die industrialisierten Länder die
weltweit zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen übernutzen. Der
Einsatz von Agrotreibstoffen kann diese Situation nur verstärken", so
die AutorInnen. Die Agrotreibstoffproduktion entwickle sich durch den
Druck auf Anbauflächen in Richtung einer direkten Konkurrenz zur
Nahrungsmittelversorgung. So sei Hunger nicht nur ein Problem der
Verteilung von Lebensmitteln, sondern auch von Land, Wasser, Saatgut
etc.: "Durch die Inanspruchnahme von Flächen für die industrielle
Agrartreibstoffproduktion ist in armen Ländern eine Verstärkung
bestehender negativer sozialer Entwicklungen zu befürchten, z.B. werden
die Anbauflächen von Reis, Mais und Bohnen verdrängt und traditionelle
Anbau- und Besitzstrukturen zerstört."
Agrotreibstoffe und Biodiversität
"Alle
Szenarien für die Entwicklung von Agrotreibstoffen in Österreich
bedeuten eine massive Flächenkonkurrenz bezüglich der für die
Biodiversität wichtigen Nutzungsformen und Strukturen", warnt die
Arbeitsgruppe. Durch den großflächigen Anbau von Rohstoffen für
Agrotreibstoffe werde Lebensraum bedroht, der maßgeblich für
Biodiversität sei. Brachen und kleine Bewirtschaftungseinheiten, sowie
Landschaftselemente und eine hohe Nutzungsdiversität, seien
ausgesprochen wichtig zur Erhaltung der Artenvielfalt. Die
Intensivierung der Produktion von Agrotreibstoffen stehe in direkter
Konkurrenz zur Sicherung der Biodiversität, so eine Kernaussage.
"Die
Situation der Biodiversität im österreichischen Kulturland ist derzeit
überwiegend ungünstig", warnen die AutorInnen. Immer mehr Arten
befänden sich auf der "Roten Liste". Ihren Einschätzungen folgend,
würden der Verlust von Brachen und die Re-Intensivierung der
Bodennutzung diesen Trend verstärken. Auch eine vermehrte
Inanspruchnahme von Grünland, deren Ausmaß noch völlig unklar sei, habe
Auswirkungen auf die Landschaft. In tropischen Gebieten bedeute der
Druck auf die Bodennutzung die verstärkte Bedrohung von
Primär-Regenwäldern.
Klimaschutz und Effizienz von Agrotreibstoffen
Je
nach Art der Studie, stellen die AutorInnen dar, komme es zu
unterschiedlichen Aussagen über die Klimaschutzeffizienz von
Agrartreibstoffen. Die am häufigsten verwendeten Treibstoffe Biodiesel
und Bioethanol brächten aber nur geringe Klimaschutzeffekte. Durch die
Intensivierung der Nutzung würden vielmehr relevante Mengen an
Treibhausgasen freigesetzt, während kohlenstoffabsorbierendes Grünland
verschwinde und die Bodenfruchtbarkeit sinke. "Eine endgültige
Beurteilung des Klimaschutzpotentials von Agrotreibstoffen ist derzeit
nicht möglich", so der vorläufige Schluss.
Schlussfolgerungen und Forderungen
"Die
Arbeitsgruppe Agrotreibstoffe kommt in ihren Analysen zu dem Schluss,
dass eine Forcierung der Produktion von Agrotreibstoffen unter den
bestehenden technischen Möglichkeiten und globalen wirtschaftlichen
Strukturen nicht im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung ist." Derzeit
verfügbare Agrotreibstoffe seien nicht zur Erreichung eines
wirkungsvollen Klimaschutzes geeignet.
Arbeitsgruppe Agrotreibstoffe: Positionen zu Treibstoffen aus erneuerbaren Quellen (pdf), November 2007.