Der nächste Irrweg: Pflanzentreibstoffe schaffen mehr Probleme als sie lösen (I)

In einer dreiteiligen Artikelserie analysiert die Autorin die Folgen
einer von großen Konzernen gesteuerten Energiepolitik, die nur dem
Anschein nach Klimaschutz als oberstes Ziel verfolgt. Teil I: der
Boom der Agrartreibstoffe.
Die Gewinnung von Wärme, Strom und Kraftstoff aus Pflanzen war ursprünglich an die Konzepte einer dezentralen und umweltfreundlichen Energieversorgung gekoppelt. Nicht große Konzerne, sondern kleine Kommunen sollten profitieren. Inzwischen betreiben global agierende Unternehmen das florierende Geschäft. Zu den Folgen gehören Nahrungsmittelknappheit, Billigarbeitsplätze, Umweltschäden und Landvertreibung. Damit rückt die Hoffnung, Energie billig und ohne Klimabelastung vom eigenen Acker zu produzieren, in immer weitere Ferne.

Es gibt sie noch. VisionärInnen, die nicht nur an die Revolution glauben, sondern sich anschicken, sie zu organisieren. Einer von ihnen ist der brasilianische Präsident Ignacio Lula. Im Oktober 2007 bereiste Lula vier afrikanische Länder und lud deren Staatschefs ein, sich der »Biofuelrevolution« anzuschließen. Brasilien ist der weltweit größte Produzent des Pflanzentreibstoffs Ethanol, der aus Zuckerrohr und Mais hergestellt wird. Als nachwachsender Rohstoff wird es den fossilen Treibstoffen beigemischt ebenso wie der aus verschiedenen Ölpflanzen gewonnene Pflanzendiesel. Seit den 1970er Jahren baut Brasilien seine Ethanolindustrie systematisch aus. Nun will die brasilianische Regierung im Rahmen von Süd-Süd-Kooperationen technische und wissenschaftliche Unterstützung bei der Entwicklung des Agrartreibstoffsektors in Afrika gewähren. Ziel ist laut Lula, »den Zugang zu Energie zu demokratisieren«.

Dass arme verschuldete Länder, die sich den Kauf von Erdöl nicht leisten können, mit Hilfe einer eigenen Agrartreibstoffindustrie Energiesicherheit erzielen, galt lange Zeit als utopisch. Seit Brasilien vorexerziert, wie die erneuerbare Energie vom eigenen Acker gewonnen und weltweit vermarktet werden kann, erhoffen sich auch in Afrika viele Länder, durch den Anbau der Kraftstoffpflanzen von fossilen Energieträgern unabhängig zu werden und durch den Handel Devisen zu erwirtschaften. Der Export von Agrartreibstoffen in die energiebedürftigen Industrieländer könne überdies die postkoloniale Abhängigkeit zwischen Nord und Süd in sein Gegenteil verkehren, so die Hoffnung. Auch vor dem Hintergrund ökologischer Schreckenszenarien klingt Lulas Vorstoß umwälzlerisch: dank der proklamierten Klimaneutralität der nachwachsenden Agrartreibstoffe sei ein soziales und wirtschaftliches Wachstum machbar, das nicht zum Klimawandel beitrage.

Traum von der grünen OPEC

Technisch ist es schon lange möglich, aus Palmöl, Zuckerrohr oder Brechnuss Energie zu gewinnen. Auch Maniok und Sorghum eignen sich zur Herstellung von Ethanol. Der International Energy Agency Bioenergy zufolge »schlummert« auf dem afrikanischen Kontinent das größte Reservoir für die Agrartreibstoffproduktion. Der Direktor des britischen Unternehmens Greenenergy meinte, das südliche Afrika könne zum »Mittleren Osten der Biotreibstoffe« werden. Die grüne Fraktionsvorsitzende Renate Künast sieht in den Kleinbauern gar die »Ölscheichs von Morgen«. Optimistisch gibt sich auch das Copernicus-Institut aus Utrecht: Bis 2050 könnten bis zu 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen zu Kraftstoffäckern werden.

Dank der globalen Gilde von optimistischen PrognostikerInnen und auf Druck bioenergetisch aufgeheizter InvestorInnen erlassen Regierungen von Industrie- und Schwellenländern bereits seit Jahren Energiegesetze, die eine Beimischung von Agrarsprit zum fossilen Treibstoff vorschreiben. In Europa gilt derzeit das Ziel von 5,75 Prozent bis 2010, anvisiert sind zehn Prozent bis 2020. In den USA verabschiedete der Senat im Januar 2008 ein Energiegesetz, das eine Erhöhung der Beimischung auf 15 Prozent bis 2017 festlegt. Zugleich gewährt das Gesetz General Motors Fördermittel für die Entwicklung eines Automobils, das mit 85-prozentigem Ethanol fährt. In Indien sollen bis 2013 sogar 20 Prozent Biodiesel beigemischt werden. Auch in Thailand, Korea, Malaysia, China und den Philippinen wurden ehrgeizige Ziele festgelegt, die dem Welthandel mit den Rohstoffpflanzen Anreize verschaffen.

Längst zieht die grüne Goldgräberstimmung ihre Kreise. Inzwischen haben sich die industriellen Komplexe, die in das Geschäft mit den Pflanzentreibstoffen investieren, und die AkteurInnen, die mittels handels- und klimapolitischer Vorgaben die Rahmenbedingungen für die Branche organisieren, den boomenden Welthandel mit »Bioenergie« selbst geschaffen. Schon verlangt die Agrartreibstoffbranche nach zusätzlichen Flächen, um die politisch festgelegten Ziele zu realisieren. Die politische Elite weiß sie dabei hinter sich. Ob Merkel, Bush oder Lula, sie alle begrüßen »Biofuel« als unverzichtbar für klimaneutrale Energieversorgung. Und auch die Entwicklungsagenturen versprechen willigen Ländern im Süden Kredite, Technologietransfer und Deviseneinnahmen, wenn sie ihre Landwirtschaft an die Energiegewinnung koppeln.

Lesen Sie in Teil II: Kritik an Großkonzernen

Die Artikel dieser Serie erschienen zuerst als ein Beitrag in der Zeitschrift iz3w (Nr 305, März/April 2008) unter dem Schwerpunkt "Klimadebatte".

Die Autorin ist Mitarbeiterin im iz3w – informationszentrum 3. welt (Freiburg).

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.