Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen

Eine Präsentation des Buches „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik“ von Elmar Altvater.

Elmar Altvaters neuestes Buch bietet eine integrierte Analyse der Funktionsweisen des modernen finanzgetriebenen und globalisierten Kapitalismus und der ökologischen Basis dieses Systems, das dem Autor nach bald scheitern muss.

Kapitalismuskritik plus Ökologie

Die Verbindung von Kapitalismuskritik und Ökologie lässt Altvater das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, aufgrund dessen sich zuspitzenden internen Widersprüchen wie externen Krisen als unausweichlich erscheinen und kulminiert in der Forderung nach einem veränderten gesellschaftlichen Naturverhältnis, das sich von kapitalistischen Handlungslogiken emanzipiert und sich durch Nachhaltigkeit und solidarische Ökonomie auszeichnet.

Kapitalismus ist historisch und endlich

Ein wichtiges Anliegen der Arbeit ist die Zurückweisung der scheinbaren Alternativenlosigkeit des kapitalistischen Systems, die so oft von den Herrschenden betont wird. Der Kapitalismus sei nicht der Höhepunkt und damit das Ende der geschichtlichen Entwicklung. Er sei im Gegenteil eine historisch gewachsene Form der Produktion und Reproduktion, die aus einem anderen (im europäischen Fall: feudalen) System hervorgegangen sei und mit diesem datierbaren Anfangs- auch einen Endpunkt erreichen würde. Doch der Kapitalismus mit seiner immensen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in Krisen würde sich nicht wie der reale Sozialismus von selbst auflösen. Altvater folgt hier der argumentativen Linie des französischen Historikers Fernand Braudel, der einen Zusammenbruch des Kapitalismus nur durch einen „äußeren Stoß von extremer Heftigkeit im Verein mit einer glaubwürdigen Alternative“ (1986, zit. nach Altvater: 13) für möglich hielt.

Die Grenzen des Kapitalismus

Die Grenzen des Kapitalismus, die äußeren wie inneren Stöße, würden sich überall zeigen, so Altvater: in der steigenden Ungleichverteilung der weltweiten Einkommen und Vermögen, in globalen Finanzkrisen sowie in der Verknappung der natürlichen Ressourcen und der Überlastung der Senken für die Emissionen von Produktion und Konsumption. Der Kapitalismus könne sich räumlichen und zeitlichen Koordinaten nicht weiter entziehen; die Maßlosigkeit der fossil angetriebenen Akkumulationsdynamik stehe im unauflösbaren Widerspruch zu den Grenzen der Natur. Und die von Braudel verlangten glaubwürdigen Alternativen würden in Form von gesellschaftlichen Initiativen für erneuerbare Energien und für die Verwirklichung solidarischer Wirtschaftsformen bereits rund um den Globus bestehen.

Die heilige Trinitas

Altvater argumentiert, dass im Prozess der ökonomischen Entbettung (durch primär monetär-finanzgetriebene im Gegensatz zu produktiv-realer Akkumulation) die Aneignung verstärkt durch Inwertsetzung von Natur und Menschen erfolge. Zu dieser fatalen Entwicklung komme noch ihre Globalisierung hinzu: „Globalisierung ist die Kompression von Raum und Zeit zum Zweck der globalen Inwertsetzung.“ (60) Er folgert schließlich, dass die Trinitas von Kapitalismus, fossilen Energieträgern und industrieller Zweck-Mittel-Rationalität eine menschheitsgeschichtlich einmalige Beschleunigung aller ökonomischen und sozialen Prozesse bewirkt habe, in deren Folge die ökologischen Probleme akut geworden seien. Die industrielle Revolution sei nämlich auch eine fossile Revolution gewesen. (75ff.) Der „Übergang von der Nutzung der Flussenergie [] zur Ausbeutung der in der Erdkruste gespeicherten Bestände mineralisierter Biomasse“ (78) sei eine unheilvolle Entwicklung gewesen, die von den dominanten gesellschaftlichen Kräften jedoch lange übergangen worden sei. Die ökologische Belastung durch den Energietransport (lecke Schiffe und Pipelines, Emission von klimaschädlichen Gasen) würden immer noch als „externe Effekte“ oder „soziale Kosten“ aus der neoliberalen Theorie ausgeklammert. Die heilige Dreifaltigkeit von Energiesystem, Rationalität und Kapitalismus sei nichtsdestotrotz schwer gefährdet, weil eines der tragenden Elemente nur beschränkt verfügbar sei. Wenn fossile Energieträger versiegen, würde es daher unausweichlich zu einer Krise des Kapitalismus kommen. (90f)

Die solare Gesellschaft

Eine Gesellschaft, die hingegen Nachhaltigkeit anstrebe die „solare Gesellschaft“, wie Altvater sie nennt müsse schleunigst die fossile Energie ersetzen. Eine Effizienzrevolution könne nicht genügen, vielmehr bedürfte es einer grundlegenden Umgestaltung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, einer konsistenten Konstellation von Produktion, Konsum und Natur. Denn „[e]ine neue Kongruenz von Energie und Produktion kann niemals erreicht werden, wenn die Produktions- und Konsumstrukturen die alten bleiben, die in Gänze auf das fossile Energieregime zugeschnitten sind.“ (214) Die solare Gesellschaft könne daher nur mit einer solidarischen Ökonomie verwirklicht werden.

Würdigung

Altvater legt eine Arbeit vor, deren breiter Zugang und umfassende Quellenverwendung einen offenen Blick für systemische Verbindungen ermöglichen. Er erreicht erfolgreich eine Zusammenführung von ineinandergreifenden Themen, die üblicherweise getrennt behandelt werden und vollzieht damit die so dringend nötige Politisierung der ökologischen Diskurse. Endlich wird die Verknüpfung von Kapitalismus und Ökologie vorgenommen, endlich werden Zusammenhänge zwischen globalisiertem Kapitalismus und neuem Imperialismus, Zinspolitik und Finanzkrisen und ökologischen Grenzen des Wachstums auf verständliche Weise erläutert. Ansonsten chronisch fragmentiertes Wissen fügt Altvater zu einer gelungenen Analyse des Kapitalismus und seinen unumstößlichen sozialen wie natürlichen Grenzen zusammen.


Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2007. 240 Seiten. 14,90 . ISBN: 3-89691-627-0


Fabiane Baxewanos studiert Internationale Entwicklung und Rechtswissenschaften an der Universität Wien.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Buchrezensionen.