Wie können komplexe Realitäten durch Indikatoren quantitativ erfasst werden? Im Vorfeld der Entwicklungstagung fand am 6. Mai in Salzburg ein Workshop statt, der sich mit dem Thema Quantifizierung der Lebensstile auseinandersetzte.
Wo liegen die Grenzen der Quantifizierung, was wird durch diese Reduktion ausgeblendet?
Ähnlich der Zielsetzung der Entwicklungstagung war ein Anliegen des Workshops, Raum für Reflexion zu diesen Fragen zu schaffen. Das Nachdenken über Möglichkeiten und Grenzen der Quantifizierung und eine Beachtung der durch diese Methode ausgeblendeten Aspekte sollte ermöglicht werden. Ca. 25 TeilnehmerInnen sorgten im Seminarraum von KommEnt für eine angenehme Stimmung und interessante Diskussionen.
"Grenzen vernünftiger Quantifizierung"
Herbert Pietschmann, Professor i.R. am Institut für Physik der Universität Wien, sprach in seinem Vortrag über den philosophischen Hintergrund der Quantifizierung und deren Anwendung in der Wissenschaft. Er betonte, dass es nicht darum gehe, diese als "gut" oder "schlecht" zu bezeichnen, sondern Vor- und Nachteile abzuwägen. An einem einfachen Beispiel machte er deutlich, dass wir alle Quantifizierung verinnerlicht haben und diese ein zentraler Bestandteil der "Logik des Abendlandes" ist: Er zeigte ein Bild mit auf den ersten Blick ungeordneten Buchstaben des Alphabets in zwei übereinander stehenden Reihen und stellte die Frage, nach welchem Schema die Buchstaben angeordnet seien. Während die meisten TeilnehmerInnen begannen, die Buchstaben zu zählen quantifizieren , lag die Antwort auf die Frage in einer ganzheitlichen Betrachtung: in der oberen Reihe standen eckige Buchstaben, unten runde.
Das Denken, auf dem Quantifizierung beruht, gründe auf der Logik des Aristoteles, so Pietschmann, und diese fordere Eindeutigkeit. Im buddhistischen Denken beispielsweise, gebe es diese Eindeutigkeit nicht nicht alles, was sich nicht einschließe, schließe sich automatisch aus. Eindeutigkeit stelle einen Grundbestandteil des abendländischen Denkens dar, so Pietschmann. In den Naturwissenschaften werde diese durch das Experiment geschaffen in dem Wissen durch Tun entsteht. Es ist Grundregel jedes Experiments, dass dieses reproduzierbar und daher quantifizierbar sein muss. Dennoch werde auch in den Naturwissenschaften nie die Welt, wie sie ist, sondern ein vereinfachtes Modell der Realität beschrieben, betonte Pietschmann.
Durch eine Gegenüberstellung von Gegensatzpaaren zeigte Pietschmann auf, welche Strategien der "Denkrahmen des Abendlandes" verwendet, um Wirklichkeit zu schaffen: Reproduzierbares Einmaliges, Quantifikation Qualitäten, Analyse Synthese/Vernetzung, Eindeutigkeit Offenes/Buntes, Widerspruchsfreiheit Lebendiges/Konflikte und kausale Begründung Wollen/Kreativität. Deutlich wurde dadurch vor allem, dass es nicht nur eine Wirklichkeit gibt, sondern verschiedene Möglichkeiten, diese zu konstruieren. Dem Menschen seien laut Kant, erklärte Pietschmann, beide Bereiche inhärent. Die Unterdrückung eines Bereichs verletze die Würde des Menschen so etwa wenn das Einmalige im Menschen zugunsten des Reproduzierbaren verschwinde.
Abschließend stellte Pietschmann die "Grenzen der quantifizierenden Methode" in Form von Thesen dar: Jeder Messwert müsse auch Messfehler angeben. Wünsche und Vorstellungen des messenden Subjekts fließen in Auslegung und Ergebnis der Studie mit ein. Die Sicherheit der Messwerte werde vor allem durch Zweifel gewährleistet. Grundlegend gelte, dass Quantifizierung nur mit Bezug auf einen theoretischen Hintergrund sinnvoll sei. Und schließlich sei zu bedenken, dass Quantifizierung ein Modell beschreibe nicht die Realität.

Herbert Pietschmann und Peter Zeil. (Fotos: Matthias Reichl)
Zur Bedeutung von Indikatoren in globalen Bestandsaufnahmen
Peter Zeil, Geophysiker am Zentrum für Geoinformatik der Universität Salzburg, stellte verschiedene Indikatoren dar, anhand derer er aufzeigte, wieviel Subjektivität in die Erarbeitung jedes Indikator einfließe. Das Erstellen von Indikatoren sei damit ein durchwegs qualitativer Prozess. Der Human Development Index (HDI) etwa besteht aus drei verschiedenen Indices, welche wiederum aus einer Reihe von Indikatoren gebildet werden es sei also eine extreme Reduktion der komplexen Realität notwendig, um diese mit einem einzigen Index zu erfassen. Im Gegensatz dazu, stellte Zeil dar, gebe es auch vergleichsweise direkte Indikatoren (Beispiel Niederschlag/m2) von diesen sei anzunehmen, dass sie die Realität eher glaubhaft erfassen. Die Frage sei letztendlich immer, was denn erfasst und verglichen werde und, vor allem, welche Auswirkungen die Ergebnisse auf unser Handeln haben.
Quantifizierung auf individueller Ebene der ökologische Fußabdruck
Regina Steiner vom Forum Umweltbildung stellte Konzept und Zusammensetzung des ökologischen Fußabdruckes vor. Als "anschauliche Möglichkeit, den Begriff Nachhaltigkeit zu erklären und zu messen", so Steiner, stelle der Fußabdruck den individuellen Verbrauch von natürlichen Ressourcen im Kreislauf von "Ressourcen" bis "Abfall" dar. Die Übernutzung unseres Planten werde anhand einfach verständlicher Zahlen veranschaulicht: Globalhektar pro Person, Datum der Überschreitung der Nutzung vorhandener Ressourcen (für 2008 wäre das der 9. Oktober), Anzahl von Planten, die bei derzeitiger Nutzung notwendig wären,
(Foto: Matthias Reichl)
In Gruppen untersuchten die TeilnehmerInnen verschiedene Berechungsinstrumente des ökologischen Fußabdrucks (ORF, WWF, etc.). Auf konkreter Ebene wurden einige Schwachpunkte der Rechner festgestellt: Fragen und Antwortkategorien seien äußerst undifferenziert, die Gewichtung der Fragen im Gesamtergebnis nicht klar ersichtlich, etc. Damit stellt sich die Frage nach der möglichen Aussagekraft eines solchen Indikators. Unabhängig von der konkreten Gestaltung des Footprint-Rechners wurde kritisiert, dass diese Art der Betrachtung zu einer Individualisierung der Problemlage führe. Welche Auswirkung hat der Footprint auf das individuelle Verhalten? Was kann der/die Einzelne beitragen, um die Belastung zu reduzieren? Sind viele Probleme nicht eher auf struktureller Ebene angelegt? Die TeilnehmerInnen waren sich einig, dass der ökologische Fußabdruck nur in Zusammenhang mit einer tief greifenden Reflexion als pädagogisches Instrument verwendet werden sollte.
Eine Veranstaltung in Kooperation von KommEnt, Sa.bine, Universität Salzburg (Z_GIS) und dem Paulo Freire Zentrum.
Links zu Rechnern des ökologischen Fußabdrucks:
Global Footprint Network (Rechner und detaillierte Beschreibung)
Informationen der Stadt Wien zum Footprint
Die Autorin hat "Internationale Entwicklung" und Spanisch studiert und ist derzeit Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
Ausführliche "Nachlese" zum Workshop als pdf zum download: Nachlese_Lebensstile_vermessen.pdf (54.34 KB)
Im Vorfeld der Entwicklungstagung 2008 finden noch zwei weitere Workshops statt:
Fr., 13. Juni 2008, Villach: Aufbruchstimmung unter den Lemmingen
Fr., 3. Oktober 2008, Innsbruck: Komplexe Fragen – einfache Antworten?