Der Umwelthistoriker Rolf Peter Sieferle hielt am Dienstag, 29. April, im Institut für Soziale Ökologie einen Vortrag über Kernthesen und Aktualität der Theorien von Karl Marx vor einem umfangreichen und kritischen Publikum.
Der Titel des Vortrags, ebenso wie der wissenschaftliche Hintergrund Rolf Peter Sieferles, Umwelthistoriker am Institut für Geschichte in St.Gallen, hatten bei ZuhörerInnen die Erwartung geweckt, dass im Zentrum des Abends der Zusammenhang zwischen Marxismus und Ökologie und Umwelt stehen werde. All jene, die dies erwartet hatten, wurden enttäuscht: In erster Linie wurden zentrale Kernaussagen aus Marx‘ Lehre vorgestellt und ein grundlegender Einblick in dessen Schaffen vermittelt. Für an Marx Interessierte fand sich jedoch so manche spannende Insider-Information nicht nur das letzte, wenig bekannte Bild von Marx, sondern vielmehr Erkenntnisse Sieferles aus der Lektüre der Manuskripte von Marx und Engels, aus denen hervorgeht, wie schwierig es ist, deren jeweiligen Beitrag zu dem, was heute als Marxsche und in zweiter Linie Engels Lehre betrachtet wird, eindeutig herauszufiltern. Sieferle betonte mehrmals, dass Marx ein Prozessdenker gewesen sei und keine geschlossene, komplette Theorie hinterlassen habe ein Eindruck, der durch die Herausgabe des Gesamtwerks durch Engels entstehe , sondern vielmehr gedankliche und theoretische Fragmente einer Lehre. Marx ist ein Konstrukt Engels behauptete Sieferle, der Marxismus sei erst nach dem Tod Marx zu dem geworden, was er heute ist.

Der Kern der Marxschen Theorie ist eine ökonomische Theorie
Sieferle stellte in seinem Vortrag die Kernthesen aus Marx Werk vor. Im Grunde, betonte er, sei die Marxsche Theorie eine ökonomische Theorie, beruhend auf der Analyse der Texte der Politischen Ökonomie, nicht auf einer Analyse der realen kapitalistischen Produktionsweise. Der Kern der Wirklichkeit liege für Marx in der Ökonomie. Im Mittelpunkt seines Denkens stehe deshalb seine Analyse des Kapitalismus. Sieferle meinte, dass oft angenommen werde, Marx habe den Kapitalismus als System der Unterdrückung verstanden. Vielmehr aber habe Marx die Mechanismen zur Mehrwertgewinnung untersucht und deutlich gemacht, dass der Kapitalist, durch den, dem kapitalistischen System inhärenten, Druck zur Überwindung der Konkurrenz, gewissermaßen zur Akkumulation des Kapitals gezwungen sei. Die Konkurrenz als Systemelement, nicht etwa die Gier des Kapitalisten, treibe die Ökonomie zur ständigen Innovation. Marx habe das Problem des kapitalistischen Systems in der Anarchie des Marktes gesehen, so Sieferle. Erst nachdem produziert wurde, werden Preise am Markt bestimmt, Planung sei also nur betriebsintern möglich. Da der Planungsprozess innerhalb eines Betriebs, im Gegensatz zum Markt, alle Faktoren kenne, sei er dem Tauschprozess am Markt überlegen. Konsequenterweise müsste deshalb die Ökonomie in Form eines großen Betriebs organisiert werden durch zentrale Planung. Der Despotie des Betriebs stehe die Anarchie des Marktes gegenüber, zitierte Sieferle Marx. Die Sozialisierung, die Abschaffung des Marktes durch die Planung, sei die konsequente Folge aus Marx Analyse des Kapitalismus.
Die nicht existente Utopie der sozialistischen Gesellschaft
Sieferle meinte, dass Marx selber nichts über eine utopische sozialistische Gesellschaft geschrieben habe. Vielmehr habe er aus seinem Denken Utopien bewusst ausgeschlossen, was Sieferle Utopieverbot nannte. Klar sei Marx gewesen, dass auch in der geplanten Ökonomie nur ein Teil des Mehrwerts als Lohn für den Arbeiter übrig bleibt, da staatliche Bürokratie, Investitionen in Infrastruktur etc. große Abzüge fordern. Anders als im Kapitalismus jedoch, wo die Löhne aufgrund des Drucks auf die Produktivität niedrig sein müssen, gebe es in der geplanten Ökonomie eine Spannbreite des Lohnniveaus. Dies, meinte Sieferle, habe sich sehr gut mit den Forderungen der Gewerkschaften vereinbaren lassen. Anders als oft dargestellt, sei die Marxsche Lehre nicht der utopischen Vorstellung einer sozialistischen Gesellschaft entsprungen, sondern vielmehr Ergebnis einer bis zur logischen Konsequenz durchdachten Rationalisierung der Ökonomie, so Sieferle.
Die genuin Marxsche Perspektive der Sozialisierung wurde als Vision spätestens nach der Russischen Revolution aufgegeben, meinte Sieferle. Sie sei abgelöst worden durch eine Reform innerhalb des kapitalistischen Systems in Form von sozialstaatlichen Elementen. Auf politischer Ebene sei man dazu übergegangen, die Demokratie, welcher von Marx kein Wert an sich zugesprochen worden sei, positiver zu bewerten.

Ist Marx heute noch aktuell?
Sieferle versuchte diese Frage zu beantworten, indem er aufzeigte, welche Elemente aus Marx Lehre sich historisch bewahrheitet haben und welche sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben. So habe Marx in seiner Prognose, der Kapitalismus sei konstitutiv an Wirtschaftswachstum gebunden, richtig gelegen, ebenso habe der das Abdriften weiter Teile in die Lohnabhängigkeit (Proletarisierung) vorausgesagt. Was er aus seiner Sicht nicht vorausgesehen habe, sei die Fragmentierung der Lohnabhängigen gewesen (Manager, Arbeiter,…). Grundlegend falsch gelegen sei Marx in seiner Kernannahme, dass der Plan dem Markt überlegen sei. Marx ist sicherlich kein Theoretiker unserer Gesellschaft mehr, schloss Sieferle.
Mit dieser eloquenten Beerdigung von Karl Marx, wie dies ein Herr ausdrückte, wollten sich einige Leute aus dem Publikum keineswegs zufrieden geben. Vor allem wehrten sie sich dagegen, Marx an seinem Erfolg als Prognostiker zu beurteilen. Vielmehr sollten die Inhalte seiner Theorien weitergedacht werden, forderten sie. Insbesondere seiner Analyse des Kapitalismus konnten einige ZuhörerInnen durchaus Aktualität abgewinnen. Aus Vortrag und Diskussion ging vor allem deutlich hervor, dass Marx nicht gleich Marx ist und genau deshalb Rolf Peter Sieferles Quellenstudien vielleicht einen sinnvollen Weg darstellen.
Katharina Auer hat "Internationale Entwicklung" und Spanisch studiert und ist derzeit Praktikantin beim Paulo Freire Zentrum.