Ein Interview mit Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut für Klima,
Umwelt und Energie mit Überlegungen zur Zukunftsfähigkeit unserer
Gesellschaft und der Suche nach neuen Wohlstandsmodellen.
Paulo Freire Zentrum: Herr Sachs, Sie haben Theologie und Soziologie studiert. Inwiefern hat Sie gerade das Theologiestudium bei der Formulierung ihrer Überlegungen beeinflusst?
Wolfgang Sachs: Die Absolvierung meines Studiums hat in der Zeitperiode vor meinem ökologischen und entwicklungspolitischen Engagement gelegen. Trotzdem gibt es, wenn man genug forscht (lacht), Verbindungslinien. Ich möchte es so formulieren: Bei einem "anständigen" Theologiestudium lernt man eine grundlegende Skepsis gegenüber dem Fortschritt der Moderne, gegenüber moderner Rationalität, und im Allgemeinen (lacht) gegenüber den diesseitigen Erlösungsutopien. Genau da gibt es den Zusammenhang. Die Brücke, würde ich sagen, ist "Fortschrittskritik".
Bereits in dem von Ihnen herausgegebenen "Development Dictionary" von 1991 haben Sie und andere TheoretikerInnen den Entwicklungsdiskurs hart kritisiert. Soll man Entwicklung Ihrer Meinung nach einstellen? Hat sich Ihre Kritik verändert?
Sachs: Ganz zugespitzt gesagt, hat sich im Prinzip meine Auffassung in der Zeit von 1991 bis heute nicht geändert. Die Entwicklung mit dem großen E, also Entwicklung, welche sich mit dem Wachstum des Bruttosozialprodukts identifiziert, ist erstens gegenüber der Biosphäre nicht durchhaltbar und hat zweitens nicht zu einer Angleichung der großen Disparitäten auf der Welt geführt. Entwicklung mit dem großen E ist deshalb als Idee wie als Strategie historisch obsolet.
Im Studium der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien taucht auch oft der Begriff der "Nachhaltigkeit" auf, der speziell im politischen Diskurs gern artikuliert wird. Was verstehen Sie persönlich unter "nachhaltiger Entwicklung"?
Sachs: Grundsätzlich geht es darum, dass unsere Wirtschaftstätigkeit im Rahmen der Regenerationsfähigkeit der Natur bleibt. Ich pflege Nachhaltigkeit ökologisch zu definieren und darauf zu bestehen, dass die ökologische Komponente Priorität hat gegenüber anderen Komponenten, wie soziale Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Nachhaltigkeit.
Wie ist es aber möglich, in einer hochkapitalistischen und hedonistischen Gesellschaft den Begriff der ökologischen Nachhaltigkeit zu implementieren?
Sachs: Das ist natürlich eine sehr große Frage (lacht).
Wäre ein Bemühen um einen möglichst geringen Material- und Energieverbrauch, eine "Suffizienzrevolution", eine geeignete Strategie?
Sachs: Grundsätzlich sprechen wir im Wuppertal Institut von drei "Linien". Die erste wäre hier "Effizienz", darin steckt sehr viel Potential. Produkte müssen ressourcenleicht produziert werden, das heißt, ein Umdenken im Produkt-Design muss her. Zweitens das Stichwort "Konsistenz"; hier geht es vor allem darum, Dinge und Energie zu produzieren, die nicht vom Ressourcenbestand der Welt genommen werden. Im Großen und Ganzen bedeutet das, erneuerbare und biologische Ressourcen zu nutzen. Und die dritte Strategielinie ist "Suffizienz". Was wollen wir eigentlich? Lohnt es sich, bestimmte Ziele wie Geschwindigkeit, Komfort, Warenangebotsbreite usw. aufrecht zu erhalten und dafür so viele Ressourcen zu verbrauchen?
Die ersten beiden Punkte werden ja teilweise schon "effizient" umgesetzt. Was aber die viel größere Herausforderung ist, ist der dritte Punkt. Wie kann man die Menschen am besten erreichen?
Sachs: Menschen hinsichtlich ihres persönlichen Verhaltens zu erreichen, ist eine große Herausforderung. Individuell ist die Frage, ob uns dieses gesellschaftliche Wachstumsbestreben persönlich glücklicher macht. Auf der institutionellen Ebene spreche ich gerne von der Automobilflotte. Wenn nur Autos zugelassen werden, die nicht schneller als 120 km/h fahren können, würden wir mit einem Schlag die Hälfte des gesamten Treibstoffverbrauchs einsparen.
Es gibt in Deutschland gerade eine Diskussion um die Automobilindustrie. Die EU strebt bis 2012 eine Reduktion des CO2 Ausstoßes an. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im Umweltdiskurs immer ein gutes "Bild" machen möchte, legt sich aber quer, wenn es um die deutsche Automobilindustrie geht.
Sachs: Dieses Beispiel finde ich sehr schön. Auf der einen Seite hätte dies vor fünf Jahren noch niemand für möglich gehalten: Die Automobilindustrie der Deutschen, die ja die "Tempohuber" der Welt sind, gerät so unter Druck. Und die sind wirklich am Schwitzen im Moment. Das heißt, die Vorgaben, die ihnen die Politik macht, genauer gesagt die Europäische Kommission, bestimmen größere Richtungsänderungen in der Produktpolitik und führen damit indirekt zu Änderungen im Design und der Technologieentwicklung. Auf der anderen Seite heißt das, dass man in längeren Fristen denken muss, auch wenn gegenwärtige Trägheit und Machtinteressen dagegen stehen.
Welche Pläne hat das Wuppertal Institut? Sind dort große Projekte oder neue Publikationen geplant?
Sachs: Wir haben vor mittlerweile 12 Jahren ein Buch heraus gebracht, das hieß "Zukunftsfähiges Deutschland". Dieses Buch ist relativ bekannt geworden. Wir arbeiten jetzt gerade an einer nochmaligen Version, mit dem Versuch zu umreißen, was ein zukunftsfähiges Deutschland, oder besser, was ein zukunftsfähiges Industrieland sein könnte und was die wichtigsten Wege wären, um dorthin zu gelangen.
Zum Abschluss möchten wir Sie noch fragen, welche Strategien Sie selbst verfolgen? Stoßen Sie selbst auch an Ihre Grenzen?
Sachs: Also in aller erster Linie fliege ich sehr viel, und damit "haue" ich streng genommen meine ganze Ökobilanz durcheinander. Allerdings fliege ich nicht aus meinem eigenen Vergnügungswillen heraus, sondern weil ich zu Seminaren, Tagungen, Kongressen und dergleichen international unterwegs bin.
Wolfgang Sachs ist Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima Umwelt Energie.
Das Interview führten Maria Mucke und Dario Unterdorfer, StudentInnen der Internationalen Entwicklung in Wien.