Frieden und Gerechtigkeit auf dem Prüfstand: Der zweite UN-Fortschrittsbericht zum SDG 16.

Als die Vereinten Nationen im Jahr 2015 die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) verabschiedeten, formulierten die Mitgliedstaaten mit dem Ziel 16 ein besonders ambitioniertes Vorhaben: den Aufbau friedlicher, gerechter und inklusiver Gesellschaften, zusammengefasst unter dem Titel „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“. Jeder Mensch soll unabhängig von Herkunft, Religion oder Geschlecht in Sicherheit leben, Zugang zur Justiz haben und von transparenten, rechenschaftspflichtigen Institutionen vertreten werden. Doch belastbare Daten, um Fortschritte zu messen und daraus wirksame Politiken zu entwickeln, fehlten zunächst weitgehend.

Deshalb arbeiten verschiedene UN-Organisationen mit nationalen Institutionen zusammen, um methodische Standards zu entwickeln und die Verfügbarkeit aussagekräftiger Daten zu verbessern. Einen globalen Überblick lieferte 2023 der erste Fortschrittsbericht zum SDG 16. Die Bilanz war ernüchternd: In zentralen Bereichen wie Gewaltprävention, Zugang zur Justiz und inklusiver Regierungsführung war kaum Fortschritt erkennbar und in einigen Fällen gab es sogar Rückschritte. Immerhin wurden Verbesserungen bei der Datenerhebung und den internationalen Kooperationen positiv hervorgehoben. Mit dem zweiten globalen SDG-16-Bericht, der ein Jahr später im Juli 2024 veröffentlicht wurde, liegt nun eine deutlich umfassendere und aktuellere Datengrundlage vor. Der Bericht vereint erstmals sämtliche Indikatoren zum SDG 16 in einem Dokument und zeigt: Der Druck auf Frieden, Gerechtigkeit und rechtsstaatliche Institutionen wächst.

Ausgewählte Schlüsselaspekte.

Was sind die zentralen Erkenntnisse des neuesten Berichts? Die weltweite Friedenssicherung wird durch alte wie neue Konflikte zunehmend erschwert. So stiegen die zivilen Todesopfer durch bewaffnete Auseinandersetzungen im Jahr 2022, vor allem infolge des Ukraine-Kriegs, erstmals seit 2015 wieder stark an. Gewalt, Unsicherheit und ein Mangel an Rechtsstaatlichkeit führen zu massiven Menschenrechtsverletzungen. Auch der schleppende Rückgang der weltweiten Mordrate seit 2015 von nur fünf Prozent zeige, wie gering der Fortschritt im Bereich der Gewaltprävention ist. Besonders besorgniserregend ist der Anstieg von Menschenhandel mit Minderjährigen: Weltweit sind zwei von fünf erfassten Opfern Kinder, ein Anteil, der schrittweise von 30 % (2016) auf 38 % (2022) gestiegen ist. Die häufigste Form von Gewalt gegen Kinder bleibt jedoch die gewaltvolle Erziehung. Laut Fortschrittsbericht sind in Ländern mit verfügbaren Daten knapp 80 % der Kinder im Alter zwischen ein und 14 Jahren davon betroffen. Trotz der Zunahme von physischer und psychischer Gewalt bleibt die Bereitschaft der Menschen, rechtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, gering. Aus den Daten geht hervor, dass weniger als die Hälfte der Opfer körperlicher Gewalt den Vorfall meldet – bei sexueller Gewalt ist die Quote noch niedriger.

Auch im Bereich der politischen Teilhabe bleiben Fortschritte aus. Die Repräsentation von Frauen in öffentlichen Institutionen stagniert insbesondere in Ländern mit niedrigem Einkommen. Und aus globaler entwicklungspolitischer Sicht gibt es ein weiteres strukturelles Problem: Obwohl Länder des Globalen Südens eine deutliche Mehrheit der UN-Generalversammlung stellen, verfügen sie in wichtigen internationalen Organisationen über wenig Mitbestimmung. Bei der Weltbank beispielsweise halten sie nur 39 % der Stimmrechte, obwohl sie 75 % der Mitgliedschaft ausmachen. Seit 2015 hat sich daran wenig geändert – das Ziel einer inklusiven globalen Governance, also eines inklusiven globalen Regel- und Koordinationssystems, bleibt damit bislang ein Wunschdenken.

Was passiert, wenn negative Trends nicht umgekehrt werden?

Bleibt die Umsetzung von SDG 16 aus, droht das gesamte Zielsystem der Agenda 2030 ins Wanken zu geraten, da die SDGs wechselseitig miteinander verknüpft sind. Bewaffnete Gewalt und andauernde Unsicherheit behindern gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirtschaftlichen Fortschritt. Das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen schwindet, was Unzufriedenheit und Instabilität fördert und nicht selten in neue Konflikte mündet. Ohne einen fairen Zugang zur Justiz bleiben viele Konflikte zudem ungelöst. Betroffene erhalten weder Schutz noch Wiedergutmachung, während Institutionen, die korrupt oder willkürlich handeln, das öffentliche Vertrauen weiter untergraben. Auch gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung nehmen zu. Sie vertiefen bestehende Spaltungen, fördern Feindseligkeiten und erhöhen wiederum das Risiko gewaltsamer Auseinandersetzungen. Besonders Kinder leiden unter psychischen und physischen Belastungen, wachsen in einem Klima der Angst auf und werden in ihrer Entwicklung massiv eingeschränkt. Die sozialen und politischen Folgen der Nichterfüllung des 16. Entwicklungsziels wären damit langfristig und schwerwiegend.

Was kann getan werden, um ein Scheitern zu verhindern?

Um etwa das Ziel der Gewaltprävention zu erreichen, sind dem Bericht zufolge sofortige Maßnahmen und tiefgreifende Veränderungen notwendig. Um das Leben von Zivilpersonen in Konfliktgebieten zu schützen, müssen alle Konfliktparteien strikt ihre Verpflichtungen aus dem humanitären Völkerrecht und den Menschenrechten einhalten. Auch außerhalb bewaffneter Konflikte sollten die UN-Mitgliedstaaten mehr Ressourcen bereitstellen, um anhaltende Gewalt in zivilen Kontexten wirksam zu bekämpfen. Wie genau solche radikalen Änderungen erreicht werden sollen, bleibt jedoch fraglich.

In jedem Falle müssen wirksame Maßnahmen evidenzbasiert und auf verschiedene Kontexte zugeschnitten sein. Verschiedene Gewaltformen wie Partnerschaftsgewalt und Bandenkriminalität erfordern unterschiedliche Strategien. Da vor allem junge Männer häufig Opfer und Täter von Gewalttaten sind, sollten Präventionsprogramme sie gezielt unterstützen – zum Beispiel durch Bildungsangebote, soziale Betreuung oder Rehabilitationsmaßnahmen. Auch systematische Maßnahmen wie strengere Waffengesetze können helfen. Zudem spielt die psychische Gesundheit eine nicht zu vernachlässigende Rolle bei Gewalt, weshalb Hilfsangebote für psychisch belastete Menschen oder Behandlung von Suchterkrankungen, Teil der Gewaltprävention sein sollten.

Empfehlungen für eine inklusive Politik.

Auf politischer Ebene hebt der Bericht hervor, dass die Beteiligung von Ländern des Globalen Südens an wichtigen Entscheidungen in der Weltwirtschaft stärker werden muss. Internationale Organisationen wie die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds sollten deshalb ihre Abstimmregeln ändern, damit einkommensschwächere Länder besser vertreten sind. Zudem soll etwa auch die Gleichstellung der Geschlechter im öffentlichen Dienst gestärkt werden. Im Bericht wird deutlich, dass Quoten nach wie vor eine entscheidende Rolle für die politische Teilhabe von Frauen spielen. Zudem sollten Länder Verwaltungsreformen vorantreiben, die geschlechtsspezifische Bedürfnisse stärker berücksichtigen. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gleiche Bezahlung und faire Personalpolitik. Neben dem Geschlecht sollten laut Bericht auch Alter und Behinderung stärker berücksichtigt werden, um Vielfalt und Inklusion im öffentlichen Dienst weiter zu fördern.

Ausblick.

Der UN-Fortschrittsbericht zum SDG 16 macht deutlich, dass der Weg zu friedlichen, gerechten und inklusiven Gesellschaften noch von großen Herausforderungen gesäumt ist. Trotz einzelner Fortschritte, wie des langsamen Rückgangs der globalen Mordrate, bleiben Probleme wie Gewalt, Ungleichheit und fehlende Teilhabe bestehen. Um die ambitionierten Ziele bis 2030 zu erreichen, sind dringend gezielte Maßnahmen und umfassende Reformen nötig. Der Bericht zeigt auch Chancen auf, wie durch bessere Datengrundlagen, inklusive Politiken und stärkere internationale Zusammenarbeit Verbesserungen erzielt werden könnten. Die große Frage, die diesbezüglich bestehen bleibt, ist die der Implementation beziehungsweise des politischen Willens: Der Weg ist vorgezeichnet, nun muss er beschritten werden, um den konstatierten Negativtrend doch noch umzukehren und eine gerechte und friedliche Zukunft für alle zu gestalten. Aus diesem Grund wird das SDG 16 im November 2025 auch auf der Entwicklungstagung in Innsbruck im Fokus stehen. Dort kommen Vertreter*innen aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft zusammen, um gemeinsam Strategien zu diskutieren, wie Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen weltweit besser gefördert werden können – eine Aufgabe, die in Anbetracht des zweiten UN-Fortschrittsberichts zum SDG 16 kaum dringlicher sein könnte.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Jon Tyson via unsplash

 

Weiterführende Links:

Hier kann der ganze UN-Fortschrittsbericht auf Englisch gelesen werden.

Weiterführende Informationen zur Entwicklungstagung findet ihr hier.

 

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.