Crash. Gedanken im und zum Treibhaus (I)

Der Zwang zu Wachstum geht einher mit weitreichender Naturzerstörung.
Der Autor analysiert in zwei Teilen diesen Widerspruch im
kapitalistischen Gesellschaftssystem.

Als vor ein paar Tagen eine Lehrerin ihre Schulklassen zum Besuch des Films Eine unbequeme Wahrheit von Al Gore anmeldete, merkte sie ganz nebenbei an, sie habe die Anmeldung übernommen, obwohl sie ja eigentlich keine Biologielehrerin sei. Und tatsächlich: Dass die Erderwärmung ein Ökothema, eventuell noch ein Technikthema (Sonnenkollektoren ….) sei, ist Mainstream. Menschen kommen nur in zweierlei Form vor: entweder als Opfer (wenn etwa eine Südseeinsel in den nächsten Jahren verschwinden wird), oder als eine Ansammlung von EinzeltäterInnen. Typisch dafür der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore in seinem Film: Selbst dort, wo die Gesellschaft in Form von Politik benannt wird, wird der Eindruck vermittelt, dass nur die falschen Politiker/innen am Ruder seien also auch nur wieder einzelne Individuen (die sich noch dazu wie im Falle der US-Wahlen mittels Manipulation den Sieg erschlichen hätten). Die Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten, unter denen Individuen zusammenwirken also Gesellschaft sind praktisch überhaupt kein Thema.

Nun werden wohl die meisten zustimmen, dass wir als Kollektiv [!] das Ökosystem an den Rand des Kollaps gebracht haben. Das aber ist noch nicht das, was mit Gesellschaft gemeint ist. Die hier vertretene These lautet vielmehr:

In unserer Gesellschaft also dem Kapitalismus herrschen Gesetzmäßigkeiten, die wir nur um den Preis der ökonomischen Krise eben dieser speziellen Gesellschaft ignorieren können. Die Formel lautet schlicht: (Kapitalistische) Ökonomie oder Ökologie.

Genau an dieser Stelle werden wohl die meisten Protest einlegen und dies als wirres Gerede abtun. Doch versuchen wir einmal ein Gedankenexperiment:

Stellen wir uns einfach vor, wir kämen zu dem Schluss, dass wir mit wesentlich weniger Autos auskommen und dass wir stattdessen den öffentlichen Verkehr ausbauen sollten. Dies würde bedeuten, dass wir wesentlich weniger Erwerbsarbeit hätten, denn genau das ist der Effekt des öffentlichen Verkehrs: Er braucht weniger Produktion von Fahrzeugen, er braucht ein paar FahrerInnen mehr, aber er braucht weniger Tankstellen, weniger Straßenbau, weniger Verletztenversorgung, weniger Versicherungsdienstleistungen, weniger Straßenordner/innen (Verkehrspolizei), weniger oder gar keine Werbung … Eigentlich super, mehr Freizeit – oder etwa doch nicht? Nein, denn in den Kategorien des Kapitalismus gedacht wäre dies eine ökonomische Katastrophe, und daher ist es auch kein Wunder, dass Al Gore und all die Vertreter/innen von mehr Nachhaltigkeit im System vor allem eines betonen: Die PKW müssten effizienter werden. Aber eine wesentlich näherliegende Forderung kommt aus dieser Richtung des Nachhaltigkeitsdiskurses bestimmt nicht, nämlich die, dass die Autos weniger werden müssten! (Und wenn, dann nur, um sie durch noch etwas Arbeitsaufwändigeres zu ersetzen.) Müßiggang aber steht in dieser Denkweise sicher nicht am Programm!

"Eine noch viel unbequemere Wahrheit"

Vor etwa 8 Jahren habe ich einen Beitrag verfasst, in dem ich einige Kriterien einer zukunftsfähigen Entwicklung aufgelistet habe und der auf kärnöl unter "Wie könnte eine nachhaltige Gesellschaft aussehen?" veröffentlicht wurde. Neben Entschleunigung, einer Abkehr vom Wirtschaftswachstum … ist darin ein Punkt enthalten, den ich heute stärker hervorheben würde als seinerzeit, der sozusagen ein Meta-Kriterium darstellt:

Es ist dies die Fähigkeit, eine Wirtschaftsweise, die den Kriterien im Sinne der Nachhaltigkeitsdefinition von Hans Holzinger entspricht, überhaupt wählen zu können! Hans Holzinger benennt als seine Definition von Nachhaltigkeit:

"Die Wahl von Wirtschafts- und Lebensweisen, die sicherstellen,

· dass alle ErdenbürgerInnen ihre Grundbedürfnisse befriedigen und ein Leben in Würde führen können,
· dass auch spätere Generationen noch über intakte Lebensgrundlagen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse verfügen
· dass weitere Entwicklung möglich ist, ohne das globale Ökosystem dauerhaft zu gefährden." (1)


Moai_sm.jpg

Moais auf den Osterinseln. Diese mehrere Meter hohen Steinskulpturen stellen Ahnen, berühmte Häuptlinge etc. dar. Zur Errichtung der Zeremonialplattformen und zum Transport und Aufrichten der Steinfiguren kommt es zu Raubbau an den Wäldern und ab 1300 n. Chr. ist auf den Inseln eine zunehmende Bodenerosion nachgewiesen. Es
folgen ökologische Krise, Hunger, Kriege, Kulturverfall und ein
massiver Bevölkerungsrückgang: Von etwa 10.000 Einwohner/innen der
Osterinseln zur Zeit der
Kulturblüte im 16. und 17. Jahrhundert reduzierte sich diese Zahl auf
etwa 2.000 bis 3.000 vor Ankunft der Europäer. (Quelle: Wikipedia)


Es geht um die Frage einer grundlegenden (radikalen!) Selbstbestimmbarkeit. Zentrale These ist, dass wir in der jetzigen gesellschaftlichen Konstellation zu dieser Selbstbestimmbarkeit genau NICHT in der Lage sind, sondern dass die Grundstrukturen unserer Gesellschaft "uns denken, uns handeln". Wir können nicht erkennen, dass ein Leben in den Kategorien Arbeit, Staat, Markt, Ware, Geld, Bedürfnisse, Konkurrenz und Dasein als vereinzeltes Individuum, Wachstum, Entwicklung, … Ergebnis eines bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisses ist. Vielmehr sind diese Kategorien uns so zur zweiten Natur geworden, dass ein Leben außerhalb von ihnen geradezu absurd erscheint.

Das Bild von den Moais der Osterinseln verweist auf eine grundlegende Parallele zwischen dieser "Südsee-Kultur" und unserer Gesellschaft: In beiden Fällen handelt es sich um fetischistische Gesellschaften (2) . So wie die Steingötzen für die in den fetischistischen Kategorien gefangenen InsulanerInnen die Garantie für eine gute Entwicklung waren und das, obwohl sie dabei buchstäblich den letzten Baum fällten! genauso ist etwa für uns "Arbeit-haben-müssen" (und nicht etwa Arbeit-erledigt-haben) in UNSERER KONKRETEN Gesellschaft Voraussetzung für Wohlergehen.


1 Hans Holzinger, Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen am 9.12.2004 in Salzburg.
2 Robert Kurz geht soweit, die bisherige Geschichte nicht als eine von Klassenkämpfen zu interpretieren (wie es der Arbeiterbewegungsmarxismus tut), sondern als Geschichte von Fetischismen. So in der Artikelserie Geschichte als Aporie.

Lesen Sie in Teil 2: Wirtschaftswachstum

Der Beitrag erschien zuerst auf https://www.kaernoel.at.

Der Autor ist Erwachsenenbildner beim Bündnis für eine Welt und Beiratsmitglied des Paulo Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.