‚Umwelt‘ im Spannungsfeld wirtschaftlichen Wachstums und gesellschaftlicher Entwicklung (IV)

In einer fünfteiligen Serie erörtert der Autor Zusammenhänge von
Wachstum, Umwelt und Entwicklung. Teil IV: Betroffenheit und Folgen des
Klimawandels.
Der wohl am stärksten beachtete wissenschaftliche Bericht der letzten Jahre, der sich mit den möglichen Auswirkungen des Klimawandels und dessen Kosten befasst hat, ist der so genannte "Stern Review". In diesem Bericht heißt es, dass selbst bei einer Stabilisierung der CO2-Emissionen auf heutigem Niveau (von einer weiteren Steigerung ganz zu schweigen), die vorindustrielle Treibhausgaskonzentration zur Mitte des Jahrhunderts nahezu verdoppelt wäre, was einen Temperaturanstieg von 2 5 °C oder mehr zur Folge hätte. Der "Stern Review" bietet auch weitere Temperaturprognosen für die Stabilisierung auf verschiedenen CO2e-Niveaus (CO2-Äquivalente), mit einem Anstieg in der Spitze um 17 °C.

Dieser Veränderungen bringen vielfältige Auswirkungen für Mensch, Gesellschaft und Umwelt mit sich:

  • Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und die Verfügbarkeit von Wasser werden beeinträchtigt.
  • Gesundheitliche Folgen in Form steigender Zahlen von Hitze- und Kältetoten; Krankheiten wie Malaria und das Dengue-Fieber könnten sich ausbreiten. Die WHO schätz die klimabedingten Sterbezahlen (exklusive Hitze und Kälte) heute bereits auf jährlich rund 150.000 Menschen, die sich bei einer Temperaturerhöhung um lediglich 1 °C (im Vergleich zum vorindustriellen Temperaturniveau) bis 2030 verdoppeln könnte. Die Anzahl der Hitzetoten kann diese Zahl leicht vervielfachen; so sind z.B. der Hitzewelle in Europa 2003 über 35.000 Menschen zum Opfer gefallen. Allerdings berücksichtigen diese Zahlen nicht die zu erwartende Reduzierung der Kältetoten.
  • Weltweit sind Küstenregionen (inkl. 200 Mio. Menschen) durch steigende Meeresspiegel bedroht.
  • Die gesellschaftliche Infrastruktur ist massiv gefährdet; im Wesentlichen in folge von Sturmereignissen. 2005 entfielen 90 % oder $184 Mrd. US des gesamten Schadens aus Naturkatastrophen auf Sturmschäden. Gravierend hierbei ist, dass die Sturmstärke eine exponentielle Funktion der Temperatur ist und die Schadenssumme i.d.R. eine quadratischen Funktion der Sturmstärke.
  • Verlust an Biodiversität; prognostiziert wird, dass bei einem Temperaturanstieg um 3 °C bis zu 50 % der Landlebenwesen vom Aussterben bedroht sein können.

Die Folgen des Klimawandels treffen die Entwicklungsländer dabei in deutlich höherem Maß als entwickelte Länder. In der klassischen ökonomischen Theorie wird das Volkseinkommen bzw. die Gesamtwertschöpfung einer Volkswirtschaft aus den Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden generiert; nach heutigem Verständnis steht Boden für alle natürlichen Ressourcen bzw. die ‚Umwelt‘-Qualität. Diese drei Faktoren sind vom Klimawandel betroffen sei es durch produktivitätsmindernde gesundheitliche Effekte, Infrastrukturschäden oder Kapitalbindung zur Beseitigung bereits aufgetretener Schäden was in letzter Konsequenz die Wirtschaftskraft eines Landes verringert.

Dies wird insbesondere die ärmeren Länder betreffen, die einen deutlich größeren Teil der jährlichen Wertschöpfung aus landwirtschaftlicher Tätigkeit erzielen, somit stärker von dem Faktor ‚Umwelt‘ abhängig sind und in ihren künftigen Entwicklungsmöglichkeiten übermäßig stark eingeschränkt werden. Dies soll freilich nicht bedeuten, dass höher entwickelte Länder nicht vom Klimawandel beeinträchtigt sind, sie sind aber zum einen aufgrund der insgesamt höheren Wertschöpfung und zum anderen der geringen ‚Umwelt‘-Abhängigkeit eher dazu in der Lage, finanzielle Belastungen abzufedern. Langfristig sind also alle Länder wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß betroffen.

Aktuelle Studien kommen in Abhängigkeit von den Modelannahmen zu unterschiedlichen Ergebnissen; übereinstimmend zeigt sich allerdings, dass die Kosten des Klimawandels in jedem business-as-usual-Szenario über den Kosten liegen, die aufgewendet werden müssten, um der prognostizierten Entwicklung entgegen zu wirken. Es wird geschätzt, dass bei einer Investitionssumme von einem Prozent der jährlichen globalen Wertschöpfung die CO2e-Emissionen auf einem Niveau stabilisiert werden könnten, das den Temperaturanstieg auf 2 °C (oder weniger) begrenzt.

Es bleibt abschließend die Frage zu beantworten, warum die Politik bzgl. der internationale Klimapolitik in der Regel nicht über Absichtserklärungen hinwegkommt und sich schwer tut mit der Vereinbarung konkreter Reduktionsleistungen.


Lesen Sie am 23. Mai 2008 im fünften und letzten Teil der Serie: Handlungsüberforderung oder Grund zur Hoffnung?

Der Autor ist ehem. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich
Umwelt- und Ressourcenökonomik der Georg-August-Universität Göttingen.
Forschungsschwerpunkt war die Mensch-Umwelt-Beziehung in historischer
Betrachtung. Die Forschungsergebnisse sind in der Dissertationsschrift
dargestellt: Jörg Cortekar (2007): Glückskonzepte des Kameralismus und
Utilitarismus Implikationen für die moderne Umweltökonomik und
Umweltpolitik. Marburg.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.