Mit Freire forschen: Für eine Wissenschaft, die verändert.

Der Begriff Transformation ist aus aktuellen Debatten kaum wegzudenken. Angesichts tiefgreifender sozial-ökologischer und politischer Krisen sowie rasanter technischer Entwicklungen wird in vielen Bereichen der Gesellschaft ein grundlegender Wandel gefordert.

Auch in der Wissenschaft verändert sich das Denken. Lange wurde der wissenschaftlichen Forschung vorgeworfen, im Elfenbeinturm zu sitzen und Wissen, vermittelt über herkömmliche (westliche) Bildungsmodelle, nur einseitig weiterzugeben. Heute sollen Forschung und Bildung stärker mit der Gesellschaft verbunden sein und wechselseitig wirken. Dieser Anspruch zeigt sich vor allem im Konzept der transformativen Forschung. Sie will nicht nur Wissen über gesellschaftliche Herausforderungen produzieren, sondern auch konkret zur Lösung beitragen. Dabei entstehen neue Formen der Zusammenarbeit zwischen „Forschenden“ und „Beforschten“ – auf Augenhöhe und über Fachgrenzen und gesellschaftliche Bereiche hinweg.

Lernen heißt verändern: freirianische Einflüsse.

Ein solcher dialogischer Bildungsansatz wurde schon in den 1960er Jahren von dem brasilianischen Pädagogen Paulo Freire entwickelt. In einem von Ungleichheit und Armut geprägten Umfeld verstand er Bildung als Akt der Befreiung. Für ihn bedeutete Alphabetisierung nicht nur Lesen und Schreiben zu lernen, sondern die Welt zu verstehen, um sie gemeinsam verändern zu können.

Bis heute wirkt Freires Denken nach und inspirierte zur Herausgabe der aktuellen Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) mit dem Titel „The Praxis of Transformative Research: Revisiting Paulo Freire“. Diese englischsprachige Sonderausgabe wurde am 28.04.25 im Alois Wagner Saal des C3 in Wien präsentiert, wo vor Ort die Autor*innen Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum, Moderator) und Ulli Vilsmaier (Responsive Research Collective) sprachen und Juliana Merçon (Universidad Veracruzana, Mexiko) sowie Danilo Streck (Universidade de Caxias do Sul UCS, Brasilien) live zugeschalten wurden. Andreas Novy (Wirtschaftsuniversität Wien) komplettierte die Runde als Kommentator. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurden folgende Fragen mit den Autor*innen diskutiert:

Was meint Freire genau mit Transformation? Wie kann Verbundenheit zu einem Forschungsprinzip werden? Und welche Rolle spielen dabei bisher von der Forschung ausgeblendete Aspekte wie Emotionen und Beziehungen?

Mit Hoffnung forschen.

Im Fokus der Diskussion stand die Rolle der Forschenden in der Partizipativen Aktionsforschung. Partizipative Aktionsforschung bedeutet, dass Menschen gemeinsam forschen, um ihre Lebenswelt zu verändern. Alle Beteiligten – ob Wissenschaftler*innen, indigene Gemeinschaften oder Vertreter*innen aus der Zivilgesellschaft – bringen ihre Erfahrungen und Sichtweisen ein. Wichtig ist der Austausch auf Augenhöhe: Es wird mit und nicht über Menschen geforscht. Die Themen kommen aus dem Alltag der Beteiligten und sind für sie relevant. Ziel ist nicht nur Wissen zu gewinnen, sondern auch konkrete Veränderungen zu bewirken.

In diesen Forschungsprozessen spielen Gefühle eine nicht zu unterschätzende Rolle, wie Juliana Merçon erörterte. Im westlichen Wissenschaftsverständnis werden Emotionen jedoch üblicherweise ausgeblendet, um vermeintliche Objektivität zu wahren. Merçon kritisiert diesen Zugang, weil ethische, politische und emotionale Aspekte ebenso zentral für die Wissensproduktion sind – etwa bei der Wahl der Methode oder der Fragestellung. Sie berichtete von den politisch schwierigen Zeiten unter Bolsonaro in Brasilien und dass gerade in solchen Momenten Hoffnung ein wichtiges Schlagwort sei. Trotzdem verstehe die mainstream-Wissenschaft immer noch nicht, was Schlüsselaffekte wie (kollektive) Hoffnung zur Forschung beitragen, insbesondere in Bezug auf Transformation.

Juliana Merçon wirft deshalb in ihrem JEP-Beitrag einen genaueren Blick auf Freires Konzept der kritischen Hoffnung und zeigt, wie wichtig Gefühle und Emotionen für partizipative Aktionsforschung und andere kollektive Veränderungsprozesse sind. Kritische Hoffnung wird dabei als eine Form von Gefühl oder Haltung verstanden, die eng damit verknüpft ist, den Status quo zu hinterfragen und sich aktiv für eine gerechtere Welt einzusetzen. Kritische Hoffnung sei dabei kein passives Konzept, sondern ein politisches Mittel, das Impulse zur Transformation bieten kann. Aber man muss sich konstant um sie bemühen, damit sie nicht in Hoffnungslosigkeit umschlägt, so die Autorin. Daher soll jede kleine Errungenschaft gewürdigt werden, um kritische Hoffnung zu nähren. Für Forscher*innen gelte, sensibel für die unsichtbaren Dimensionen kollektiver Prozesse wie Hoffnung, aber auch Vertrauen, Freundschaft und Solidarität zu sein, aktiv zuzuhören, und sich um einen gewaltfreien, integrativen Sprachgebrauch zu bemühen.

Forschung als Beziehungsarbeit.

Ein weiteres zentrales Moment in Paulo Freires Denken, das wichtig für die partizipative Aktionsforschung ist, ist die Idee von Konnektivität, über die Danilo Streck aus Brasilien berichtete. Er hob hervor, dass Freires Menschenbild auf Beziehungen gründet – zur Geschichte, zur Welt, zu anderen. Für die Forschung bedeutet das, dass sie nicht nur ein analytischer, sondern ein zutiefst zwischenmenschlicher Prozess ist. Wissen entstehe nicht im stillen Kämmerlein, sondern im dialogischen Austausch zwischen Forschenden und Beteiligten. Doch Verbundenheit kann noch weiter gefasst werden. So können nach Freire Denken und Fühlen nicht voneinander getrennt werden, weil beide Teil eines komplexen, gemeinschaftlichen Erkenntnisprozesses sind. Und letztlich werden Forschende, die sich für Transformation einsetzen, zu verbindenden Figuren, weil sie unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen, Widersprüche aushalten und Räume für echten Dialog schaffen – über fachliche, kulturelle und gesellschaftliche Grenzen hinweg.

Die eigene Position im Forschungsfeld.

Ulli Vilsmaier brachte mit dem freirianischen Konzept der Situationalität eine weitere zentrale Perspektive in die Diskussion um partizipative Forschung ein. Sie betonte, dass der Mensch – und damit auch der*die Forschende – stets in bestimmte Kontexte eingebettet ist. Forschung sei also nie neutral, sondern immer ein situierter Prozess. Als Geografiestudentin stellte sie sich damals die Frage: Wie kann ich als Person wirklich präsent im Forschungsprozess sein? Besonders in kollektiven Vorhaben wie der partizipativen Aktionsforschung wurde für sie deutlich, dass echte Veränderung nur möglich ist, wenn sich Forschende nicht hinter einem vermeintlich objektiven Blick verstecken. Denn wer sich vollständig vom Geschehen distanziert, kann kaum glaubwürdig an transformativen Prozessen mitwirken. Sie schlug daher vor, Freires Ansatz als Einladung zu einer Forschung zu verstehen, die sensibel, emotional beteiligt und offen für Veränderung ist. In einer Zeit, in der technokratische Lösungen dominieren, erinnerte sie daran, dass Neugier und Einfühlsamkeit besonders in der transformativen Forschung wichtige wissenschaftliche Qualitäten sind.

Fazit.

Auch wenn nicht alle in der Zeitschrift diskutierten Aspekte von transformativer Forschung im Rahmen der Veranstaltung umfassend beleuchtet werden konnten, lieferte sie doch insbesondere für Forschende wertvolle Impulse. Die Beiträge der Autor*innen machten deutlich, dass Forschung heute mehr denn je eine dialogische, empathische und kontextbewusste Praxis sein sollte. Freires Konzepte – von kritischer Hoffnung über Situationalität bis hin zur Konnektivität – eröffnen neue Perspektiven auf die Rolle der Wissenschaft in einer von Umbrüchen geprägten Welt. Die vorgestellte Sonderausgabe des JEPs lädt dazu ein, Forschung nicht nur als Mittel zur Erkenntnis, sondern auch als Werkzeug zur gemeinsamen Veränderung zu begreifen.

Ein Teil der Texte der Ausgabe ist Open Access verfügbar (die anderen ab Frühjahr 2027) und richtet sich an all jene, die Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm verorten, sondern mitten in der Gesellschaft – als transformative Kraft im Dienste einer gerechteren Zukunft.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Das Titelbild ist ein screenshot aus der Zoom-Übertragung der Veranstaltung © Paulo Freire Zentrum.

 

Der Link zur JEP-Ausgabe 4/2024.

Das Programm der Präsentation:

Begrüßung und Vorstellung des Sonderheftes:

  • Ulli Vilsmaier (Herausgeberin, Responsive Research Collective), Gerald Faschingeder (Herausgeber, Paulo Freire Zentrum Wien)

Erfahrungsaustausch und Reflexion über transformative Forschung:

  • Juliana Mercon (Herausgeberin und Mitwirkende, Institut für Bildungsforschung der Universidad Veracruzana, Mexiko; via Zoom)
  • Danilo Streck (Mitwirkender, Professor am Graduiertenprogramm für Bildung an der Universidade de Caxias do Sul UCS, Brasilien; via Zoom)
  • Ulli Vilsmaier (Herausgeberin und Mitwirkende, Responsive Research Collective und Lehrbeauftragte an der Leuphana Universität Lüneburg)

Kommentar:

  • Andreas Novy (WU – Wirtschaftsuniversität Wien, Institut für räumliche und sozial-ökologische Transformationen – ISSET, Mitglied des Beirats und Gründer des Paulo Freire Zentrums Wien)

Zur englischsprachigen Ankündigung

Veröffentlicht in Paulo Freire, Entwicklungsforschung, Themen.