In einer fünfteiligen Serie erörtert der Autor Zusammenhänge von Wachstum, Umwelt und Entwicklung. Teil I: Zum Begriff der ‚Umwelt‘ in der Ökonomik.
Die ‚Umwelt‘ hat einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Entwicklung und das Wachstum von Gesellschaften und zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte stand das fragile Verhältnis Mensch-Umwelt derart im Fokus akademischer und öffentlicher Diskussionen. Die apostrophierte Verwendung deutet darauf hin, dass der Begriff Umwelt unterschiedliche Konnotationen aufweist und erst näher mit Inhalten zu füllen ist.
Im Alltagsgebrauch wird ‚Umwelt‘ in der Regel für die Benennung der Natur verwendet. Wird von ‚Umweltbelastung‘ oder ‚Umweltverschmutzung‘ gesprochen, so bezieht sich der/die SprecherIn auf einzelne Ausschnitte der Natur, wie z.B. Gewässer, Luft, Boden o.ä. Im eigentlichen Wortsinn seiner Herkunft beschreibt Umwelt allerdings ganz allgemein die den Menschen umgebende Welt; hierzu gehört dann sowohl die Umwelt im alltagssprachlichen Gebrauch als auch z.B. Häuser, Autos, der Mond etc., Dinge, die wohl von kaum jemandem als ‚Natur‘ oder ’natürlich‘ bezeichnet würden. In der Luhmann’schen Variante eines systemtheoretischen Zugangs wiederum ist Umwelt alles, was in der Logik eines Systems nicht das System ist. Ein solches System kann bei Niklas Luhmann sowohl der Mensch als auch jedes andere denkbare System sein, wie z.B. eine Mikrobe, eine Maschine, ein Land, ein Planet oder ein ganzes Sternensystem.
Systeme (und ihre Umwelten) können also gänzlich unterschiedliche Dimensionen umfassen; ‚Umwelt‘ dient in diesem Zusammenhang also weniger zur Bezeichnung von etwas Bestimmten sondern vielmehr zur Herstellung einer Differenz für alles außerhalb eines als ‚Innen‘ gedachten. In diesem Zusammenhang ist die Umwelt kontextabhängig von der Bestimmung des Systems selbst und kann demnach Elemente der Natur beinhalten, muss es aber nicht. Der Umweltbegriff ist hier also weit inhaltsoffener.
Damit sind drei Wendungen des Begriffes Umwelt vorgestellt: eine alltagssprachliche, eine philologische und eine systemtheoretische. Welches Verständnis aber liegt der Ökonomik zugrunde? In der modernen Ökonomik und insbesondere in ihrer noch relativ jungen Teildisziplin der Umweltökonomik wird Umwelt zumeist in der beschriebenen alltagssprachlichen Wendung gebraucht; inhaltlich präziser wäre daher wohl die Bezeichnung Naturökonomik, denn gleich welche Abhandlung zur Umweltökonomik betrachtet wird, es werden stets Fragestellungen zum Umgang mit natürlichen Ressourcen behandelt. Es geht also vielmehr um die Natur als Ausschnitt aller denkbaren menschlichen Umweltwelten. Im Mittelpunkt umweltökonomischer Forschung steht dabei allerdings weniger der Schutz der natürlichen Umwelt als solche; dies ist Gegenstand des ebenfalls noch sehr jungen Forschungsprogramms der Ökologischen Ökonomik, in der die Natur als etwas grundsätzlich schützenswertes angesehen wird.
Im Vordergrund umweltökonomischer Forschung steht vielmehr die Analyse der Vermeidung gesamtgesellschaftlicher Wohlfahrtsverluste infolge externer Effekte und der Problematik öffentlicher Güter. Auf diese Auswirkungen des Wirtschaftens hat erstmals Arthur C. Pigou 1921 hingewiesen und auch wenn konstatiert werden muss, dass ein umweltökonomischer Bezug der Externalitäten nicht explizit angelegt ist, so tritt die ‚Umweltproblematik‘ in zahlreichen konstruierten Beispielen doch deutlich hervor.
Lesen Sie am 2. Mai 2008 den Teil II der Serie: Eine kurze historische Einführung.
Der Autor ist ehem. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Umwelt- und Ressourcenökonomik der Georg-August-Universität Göttingen. Forschungsschwerpunkt war die Mensch-Umwelt-Beziehung in historischer Betrachtung. Die Forschungsergebnisse sind in der Dissertationsschrift dargestellt: Jörg Cortekar (2007): Glückskonzepte des Kameralismus und Utilitarismus Implikationen für die moderne Umweltökonomik und Umweltpolitik. Marburg.