Schafft Wissenschaft auch Macht für Entmächtigte? In diesem Artikel zum Projekt „Systematisierung von Erfahrungen des agroökologischen Lernens in Kuba und Mexiko“ berichtet Katrin Aiterwegmair von den Grundlagen eines Forschungsprozesses, der auch ermächtigt. Wissenschaft schafft Macht. Doch schafft Wissenschaft auch Macht für die Entmächtigten? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage, nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis, begab sich im Jahr 2016 ein internationales und transdisziplinäres Forschungsteam mit dem Projekt „Systematisierung von Erfahrungen des agroökologischen Lernens in Kuba und Mexiko“. Ziel war die Organisation eines Forschungsprozesses, der Wissen partizipativ, aktions- und akteurs-orientiert generieren kann.
Systematisierung von Erfahrungen agroökologischen Lernens in Kuba und Mexiko.
Jeweils in Kuba und in Mexiko untersuchten transdisziplinäre Forschungsgruppen die bäuerlichen (eigenen) Lernerfahrungen mit Agrarökologie und Ernährungssouveränität. Das Projekt wurde vom Paulo Freire Zentrum Wien initiiert und koordiniert , finanziert wurde es von der Kommission für Entwicklungsforschung (KEF). Es trägt den Titel „Systematization of Agroecological Learning Experiences – SALE“ (dt.: Systematisierung von Erfahrungen agroökologischen Lernens) und hat zum Ziel, mittels eines Methoden-Mix aus Educación Popular, Partizipativer Aktionsforschung und Systematisierung von Erfahrungen, Wissen von der Praxis und für die Praxis zu generieren. Gemeinsam mit AkademikerInnen untersuchen KleinbäuerInnen ihre eigenen Erfahrungen mit agrarökologischer Bildung und Transformation. Der zentrale Gegenstand der Forschung liegt in der Erörterung und Reflexion der Räume, Wege und Prozesse des agrarökologischen Lernens von BäuerInnen in den beiden Gemeinden La Trinitaria, im Süden Mexikos und in Camagüey, im Zentrum Kubas, deren Kontext im Folgenden kurz vorgestellt wird.
Camagüey, Kuba: Stärke in der Einheit für Agrarökologie.
Auf kubanischer Seite koordiniert die ACTAF (Nationale Vereinigung der landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Ingenieure) das partizipative Forschungsprojekt, das im Bezirk Camagüey, im Zentrum des Landes, durchgeführt wird. Bereits im Team-Building am Beginn der Forschungspraxis wurde ein herausragendes Charakteristikum der politischen Kultur Kubas deutlich: Die integrale Kooperation zwischen diversen Organisationen und Institutionen, die ein gemeinsames Ziel (hier: die agrarökologische Bildung und Entwicklung) verfolgen. In Kuba wurde das Projekt in ein gewachsenes Netzwerk eingebettet, das fast sämtliche AkteurInnen der agrarökologischen Bildung auf lokaler, regionaler und einige auf nationaler Ebene umfasst wie zum Beispiel die KleinbäuerInnenvereinigung ANAP, die amtlichen Extensionisten (landwirtschaftliche Berater des Landwirtschaftsministeriums) und die Wissenschaft (hier vor allem die Universität von Camagüey). Seit der Lektion der schweren Wirtschaftskrise der 1990er Jahre wird bäuerliche Bildung für Agrarökologie und Ernährungssouveränität hier auch von Regierungsseite unterstützt, im Gegensatz zum mexikanischen Kontext.
Chiapas, Mexiko: Autonome Bildung und indigene (Agri-)Kultur als Waffen im Kampf um die (Gesund-)Erhaltung des Landes.
In Mexiko besteht die Forschungskooperation aus der BäuerInnenorganisation OCEZ-CNPA (Organización Campesina Emiliano Zapata – Coordinadora Nacional Plan de Ayala) und der Universität Chapingo mit ihrem Sitz in San Cristóbal de las Casas, Chiapas. Die OCEZ-CNPA legte mit der Gründung ihres „Bildungszentrums für die bäuerliche und indigene Entwicklung“ CEFADECI (Centro de formación y aprendizaje para el desarrollo campesino e indigena ) in La Trinitaria, im Süden von Chiapas im Jahr 2009 einen Schwerpunkt auf Bildungsarbeit zu Themen der Agrarökologie und Ernährungssouveränität, die von politischer Bewusstseinsbildung begleitet ist.
Gegründet in den 1980er Jahren für den Kampf um Land, sieht sich die OCEZ-CNPA in der Tradition von Emiliano Zapata, Anführer in der mexikanischen Revolution, die nie in den Süden Mexikos gelangt war. Eine „nachholende Revolution“, die seit dem zapatistischen Aufstands des EZLN (Ejercito Zapatista de Liberación Nacional) 1994 versucht wird, erwirkte einen Aufschwung in der Anerkennung der Rechte der indigenen und der (landlosen) KleinbäuerInnen und letztlich ihren Sieg im Landkonflikt. Doch der Kampf um das Land und seine (Gesund-)Erhaltung wird weitergeführt, aktualisiert um die Agenda der Agrarökologie und der Ernährungssouveränität. Die dafür eingeschlagene Strategie der OCEZ-CNPA besteht hauptsächlich in (Bewusstseins-)Bildung und politischer Arbeit, was im mexikanischen paternalistischen und korrupten Staat einem „Kampf gegen Windmühlen“ gleicht (Concepción Merida, Koordinatorin des Bildungszentrums CEFADECI).
Trotz der beachtlichen Unterschiede in den Kontexten von Kuba und Chiapas fanden sich erstaunlich viele Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen in den von den BäuerInnen artikulierten und analysierten Erfahrungen, Problemen, Bedürfnissen, Strategien und Visionen. Die Gegenüberstellung von Theorie und Praxis der beiden Erfahrungen fungiert als Motor der Analyse und der Wissensgenerierung.
Wissen aus der Praxis, durch die Praxis und für die Praxis.
Ausgehend von der methodologischen und epistemologischen Konzeptionen der Educación Popular nach Paulo Freire, der Systematisierung von Erfahrungen nach Oscar Jara und der Partizipativen Aktionsforschung nach Orlando Fals Borda, ist die Forschung nicht nur auf die Generierung „neutralen“ Wissens (Episteme) ausgerichtet, sondern Wissen soll der (transformativen) Praxis dienen. Wissen wird in unserem Projekt nach der dialektischen Methode konstruiert, die, nach Oscar Jara, mehr eine „Arbeitsphilosophie“ (Jara 2007:55), denn eine schlichte Methode darstellt. Sie ist eine „ganzheitliche methodische Konzeption der internen Logik, der der gesamte Prozess der Wissensgenerierung und der verändernden Handlung folgt“ (Jara s.a.:5; Übersetzung K.A.). Die Flexibilität, die diese methodologische Orientierung einräumt, ist von enormer Bedeutung im partizipativen Forschungsprozess, denn sie begünstigt den Protagonismus der „PraktikerInnen“ in der Durchführung der Forschung und in der Definition ihrer „generativen Themen“ (Freire 1974:95).
Die Resultate des Projektes wurden auch in Form eines Filmes publiziert.
Literatur:
Freire, Paulo (1974): Padagogik der Solidaritat: fur eine Entwicklungshilfe im Dialog. Wuppertal: Hammer.
Jara H., Oscar (2007): Para sistematizar experiencias. 2. ed. Guadalajara, México: IMDEC. – Instituto Mexicano para el Desarrollo Comuntiario A.C. (1. ed. 1994: San José, Costa Rica: ALFORJA.)
Katrin Aiterwegmair ist Doktorandin im Bereich Ökologie und nachhaltige Entwicklung am Colegio de la Frontera Sur, Mexiko. Ihre Forschung widmet sich transdisziplinären Epistemologien und Methodologien in der Agroökologie und der Ernährungssouveränität, mit einem Fokus auf Volksbildung und partizipativer Aktionsforschung.
Die Autorin war Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Fotos: Katrin Aiterwegmair © Paulo Freire Zentrum