Bereits zum dritten Mal fand im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung eine living library Veranstaltung statt, diesmal zum Thema „Mind the Gap! Globale Ungleichheiten aufdecken“. Das besondere Veranstaltungsformat bot Raum für direkten Austausch mit AkteurInnen, die zum Thema arbeiten.
Die lebendige Bibliothek im C3.
Die living library fand am 20. März 2018 im Rahmen der Veranstaltungsreihe Bildung im C3ntrum statt und hatte zum Ziel, das Spektrum der Bereiche sichtbar zu machen, in denen sich globale Ungleichheiten manifestieren (Arbeit, Bildung, Gesundheit, Mobilität, Umwelt etc.). Dazu wurden AkteurInnen aus unterschiedlichen Organisationen und Initiativen eingeladen, die sich für globale Gerechtigkeit engagieren, um ihre Perspektiven persönlich erfahrbar zu machen. Das Format living library bindet sie als „lebende Bücher“ ein, die „gelesen“ werden können. Das „Lesen“ findet in Form eines 1-zu-1 Gespräches statt, in dem Erfahrungen und Einschätzungen ausgetauscht werden können, um Probleme und transformative Möglichkeiten zu erörtern. Rund 30 „lebende Bücher“ aus unterschiedlichen Bereichen konnten von Schulklassen (Volksschule bis Oberstufe) und weiteren Interessierten „gelesen werden“.
Das diesjährige Thema: Globale Ungleichheiten.
Betrachtet man die soziale Gleichheit weltweit, zeigen sich tiefgreifende historische Asymmetrien. So setzt sich die ungleiche Macht- und Ressourcen-Verteilung der Kolonialzeit auch aktuell im globalisierten Handel nach neoliberalen Prinzipien fort und reproduziert globale Ungleichheit. Die sozial-ökologischen Folgen treffen Gesellschaften des Globalen Südens in besonderem Maße – und hier besonders Frauen und marginalisierte soziale Gruppen, so die Problemstellung der Veranstaltung. Wie werden diese (Un)Gleichheiten manifestiert und wo gibt es Möglichkeiten der Transformation von globalen (Un)Gleichheiten?

Elisabeth Ettman im Gespräch
Ungleichheit vor der Haustür.
Beispielsweise der Migrationsbereich zeigt, inwiefern sich globale Ungleichheiten auch auf lokaler Ebene manifestieren. Dazu erzählte Elisabeth Ettmann als lebendes Buch von ihren Erfahrungen als Sozialarbeiterin im 15. Bezirk. Ein Großteil der Bevölkerung komme aus sozial, ökonomisch und bildungsbenachteiligten sozialen Gruppen, viele davon aus EU-Nachbarstaaten. In diesem gesellschaftlichen Mikrokosmos „spiegeln sich auch Wanderungsbewegungen“, erläuterte Ettmann und nahm dabei Bezug auf Ungleichheiten innerhalb der EU als Ursache für Migration. Diese spiegle sich dann auch auf der Ebene von Wiener Bezirken wider: „Wer Mindestsicherung bezieht, kann natürlich nicht mit dem durchschnittlichen Einkommen vom 1. Bezirk mithalten“, so Ettmann. Ein Fehler sei es jedoch, die Leute im 15. Bezirk als weniger produktiv darzustellen. Ettmann erlebe dort viel Aktivität und illustrierte dies im Gespräch mit ihren LeserInnen anhand eines Stadtplans. Außerdem erzählte sie von ihrer Arbeit für den ersten Romafrauenverein in Wien. Insbesondere Frauen seien verstärkt von Armut und Diskriminierung betroffen.

Wilhelm Pichler im Gespräch
Elektrotaxi am Land.
Ein paar Tische weiter sprach Realschullehrer Wilhelm Pichler über Möglichkeiten für Gemeinden, soziale und ökogische Gerechtigkeit im Bereich Mobilität zu schaffen. Er erzählte seinen LeserInnen von einem Projekt der e5-Gemeinde Seckau (Steiermark). Dort wurde ein „Markttaxi“, ein regionales, günstiges Elektro-Taxi geschaffen, welches an Werktagen bestellt werden könne. Die Fahrt koste zwischen zwei und vier Euro und sei somit für viele Menschen erschwinglich. Pichler könne sich gut vorstellen, dass ein solches Taxi auch in anderen Regionen funktionieren könnte, um lokale finanzielle Ungleichheiten auszugleichen und die klimaschädliche Treibstoffemissionsbilanz zu verbessern.

Jaime Caballer im Gespräch
Wissenschaft für sozial-ökologische Gerechtigkeit.
Die Verknüpfung von Sozialem und Ökologie, globaler und lokaler Ebene wurde auch beim nächsten Buch sehr deutlich. Jaime Caballer vom Center for Development Research (CDR) der Universität für Bodenkultur berichtete über ein gemeinsames Projekt mit der Universität in Burkina Faso, das sich gegen die Zerstörung des lokalen Ökosystems einsetzt. Das Problem: Nach der Liberalisierung des Handels mit kapitalistischen Großmächten kam es zu Überfischung und Verschmutzung der Gewässer – nun ist nicht nur das Gleichgewicht des Ökosystems bedroht, sondern auch die Nahrungsmittelsicherheit der lokalen Bevölkerung. Das Forschungsprojekt versucht, politische AkteurInnen einzubinden, um die Strukturen zu verändern, die zu diesem sozial-ökologischen Ungleichgewicht geführt haben. Im Gespräch mit Jaime Caballer konnten LeserInnen diskutieren, wie im Rahmen von wissenschaftlichen Forschungsprojekten zu mehr Gerechtigkeit beigetragen werden kann.

Magdalena Strauch im Interview
Baustelle Bildung.
Auch Bildung ist ein Themenbereich, in dem global gesehen starke Ungleichheiten herrschen, die lokal reproduziert werden. „Bildung in Österreich ist ungerecht. Bildung in Österreich wird vererbt und zwar bestimmt das Einkommen die Bildung der Eltern, welche Möglichkeiten man mal im Leben hat.“ Mit diesen Worten brachte das lebende Buch Magdalena Strauch (Teach for Austria) die Bildungsungleichheit auf den Punkt und genau dort setze Teach for Austria an. Als Teil der internationalen Organisation „Teach for all“, die bereits in 48 Ländern tätig ist, werden dort Studierende verschiedener Universitäten und Fachhochschulen ausgebildet, um Kinder aus benachteiligten Schichten zwei Jahre lang zusätzlich zu unterrichten, erzählte Strauch ihren LeserInnen.
Facetten und Zusammenhänge globaler Ungleichheit im Fokus.
Die direkte Auseinandersetzung der Bücher mit Interessierten sollte dazu beitragen, ein umfassenderes Verständnis weltweiter Zusammenhänge und ungleicher Entwicklung zu erlangen und Ansatzpunkte für Veränderung auszumachen. Beinahe 30 Bücher wurden von unterschiedlichen Zielgruppen mit unterschiedlichem Wissensstand gelesen und diskutiert. Sei es in unmittelbarer Umgebung in Wien, im regionalen ländlichen Umfeld oder im globalen Süden – Ungleichheit hat viele Facetten, die jedoch in einem größeren Zusammenhang stehen und mit einer solchen Veranstaltung in den Fokus gerückt werden können.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Veranstaltungsreihe Bildung im C3ntrum: https://www.centrum3.at/aktuelles/bildung-im-c3ntrum/
Romafrauen Verein in Wien: https://vivaro.at/
e5-Gemeinde Seckau: https://www.e5-steiermark.at/steirische-e5-gemeinden/seckau/
Teach for All: https://teachforall.org/
Teach for Austria: https://www.teachforaustria.at/
Projekt der Boku in Burkina Faso: https://www.boku.ac.at/news/newsitem/20103/
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