Wer keine Arbeit hat, hat weniger Möglichkeiten, selbstbestimmt an der Gesellschaft teilzuhaben. Einerseits fehlt das Geld, andererseits ist Arbeit auch an gesellschaftlichen Status, Selbstwert und soziale Kontakte geknüpft. Wie wirkt sich diese Unterdrückungssituation auf betroffene Menschen, insbesondere Frauen, aus?
Das Pionierwerk „Die Arbeitslosen von Marienthal“.
In der breit angelegten soziologischen Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ aus den 1930er Jahren wurde Langzeitarbeitslosigkeit anhand des niederösterreichischen Ortes Marienthal untersucht. Der Ort wurde deshalb ausgesucht, weil die Mehrheit der BewohnerInnen durch die Schließung der dortigen Fabrik arbeitslos geworden war.
Die AutorInnen Paul Lazarsfeld, Marie Jahoda und Hans Zeisel konzentrierten sich in der Studie auf die sozialen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit. Als eines der Ergebnisse der Studie wurden drei Haltungstypen unterschieden: „Die Ungebrochenen“ (23% der Untersuchten), „Die Resignierten“ (69%) und „Die Gebrochenen“ (8%). „Die Nutzlosigkeit von Arbeitslosen, das Gefühl, auf den Misthaufen geworfen zu sein – das ist für Arbeitslose das unerträglichste Gefühl“, schreibt Marie Johda. Ein Großteil der Untersuchten sah kaum Hoffnung, je wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen – und Selbstbestimmung sei mit Arbeit verknüpft.
Weibliche Erwerbslosigkeit.
Frauen litten, laut Studie, an anderen Folgen der Erwerbslosigkeit als Männer, gerade was das soziale Leben angeht. Meist in die Hausarbeit zurückgedrängt, hätten sie weniger Kontakt mit anderen Erwachsenen und seien dadurch stärker von der Gesellschaft isoliert als Männer, die sich trotz Erwerbslosigkeit häufiger außerhalb der eigenen Wohnung aufhielten.
Auch heute noch erleben Männer und Frauen Erwerbslosigkeit unterschiedlich, die Auswirkungen sind aber vielleicht subtiler als in Zeiten der Marienthaler Studie. Neuere Forschungsarbeiten, wie zum Beispiel der Bericht des Pilotprojekts „Effekte der Arbeitslosigkeit“ der Uni Wien aus dem Jahr 2009, kamen zum Schluss, dass Frauen überproportional stärker an gesundheitlichen Beschwerden leiden, sowie stärker von Depression betroffen seien, als Männer.
Prekarisierung und Armut.
Außerdem ziehen sich die strukturellen Ungleichheiten am Arbeitsmarkt auch in die Erwerbslosigkeit weiter. Vor allem die Unterschiede bei Bezahlung, Beschäftigungsart und Position haben auch Auswirkungen auf die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. Am Beispiel der Beschäftigungsart zeigt sich: Viele Frauen arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen und/oder Teilzeitarbeit. Das bedeutet oft finanzielle Abhängigkeit von Dritten (Partner*in, Familie) und führt sowohl in der Erwerbslosigkeit als auch im Alter dazu, dass Frauen deutlich weniger finanzielle Unterstützung bekommen.
Eine Folge dieser Prekarisierung ist Armut. Frauen sind, laut eines Berichts der Armutskonferenz, in fast jeder Altersgruppe zu einem höheren Prozentsatz von Einkommensarmut betroffen als Männer. Der Unterschied nach Geschlechtern im Pensionsalter sei eklatant – auch in absoluten Zahlen.
Sorgearbeit als determinierender Ungleichheitsfaktor.
Der Erwerbsarbeitsmarkt sei in Österreich nach wie vor stark mit dem Sozialstaat verknüpft und der gehe leider immer noch von einem Ernährermodell aus, so auf der Website der Armutskonferenz zu lesen. Abgesehen davon, dass dieses Modell in der Praxis für die meisten nicht leistbar ist, scheint es doch nachzuwirken: Immer wieder taucht das Thema Kinderbetreuung als Erklärungsversuch für ungleiche Geschlechterverhältnisse bei der Jobsuche in Berichten und Interviews auf.
Die Arbeitszeiten im Handel seien mit der Kinderbetreuung zum Beispiel schwer vereinbar. Kommen dann noch andere Faktoren wie das Alter (meist gleichbedeutend mit höherer Lohnstufe) dazu, sei es kaum möglich, nach einer erwerbslosen Phase wieder einen Job zu finden. Wie bei Paula Maurer*, die nicht daran glaubt, dass sie jemals wieder hinter der Kassa arbeiten wird. Zehn Jahre lang hat sie im Handel gearbeitet, stand vierzig Stunden die Woche im Geschäft. Dann kamen ihre Kinder. Damals entschied sie sich dafür, sich um Haushalt und Kinder zu kümmern, während ihr Mann weiter seinem Vollzeitjob nachging. Nach fünfzehn Jahren Erwerbspause wollte sie wieder in den Job einsteigen, schrieb unzählige Bewerbungen und landete schließlich in einem AMS-geförderten Kurs. Dort lernt sie, „wie der Arbeitsmarkt heutzutage tickt“. Auf den Rat ihrer Betreuerin hin macht sie jetzt einen Computerkurs, denkt an Umschulung. Chancen rechnet sie sich zwar nicht viele aus, „Die Hoffnung nicht aufgeben“, das sei ihr aber trotz allem wichtig. „Paulas Geschichte klingt wie eine typische Frauengeschichte in Österreich“, meint ihre Betreuerin Maria Dresch.
Maria Dresch, die in einer AMS-nahen Agentur arbeitet, sagt zu den Unterschieden zwischen Männern und Frauen: „Frauen sind generell flexibler. Wenn ich zum Beispiel einem erwerbslosen Maurer in meinem Kurs eine Stelle als Hilfsarbeiter anbiete, wird die eher abgelehnt. Bei einer Frau ist das anders. Da höre ich oft: Ich mach alles, Hauptsache ich habe eine Arbeit. Frauen sind es gewohnt, unbezahlte oder schlecht bezahlte Arbeit zu leisten und lassen sich deshalb leichter auf irgendwelche Jobs ein“.
Arbeit ist nicht gleich Arbeit.
Laut Statistik Austria gab es im Jahr 2016 in Österreich durchschnittlich 270.000 Erwerbslose. Im Vergleich zum Vorjahr (251.800) deutlich mehr. Wer erwerbslos ist, ist aber nicht automatisch arbeitslos. Viele erwerbslose Frauen – und auch immer mehr Männer – leisten trotz Erwerbslosigkeit weiter (unbezahlte) Arbeit im Haushalt und der Kinderbetreuung. Was sich seit der Studie von Marienthal nicht geändert hat, ist, dass es kaum Alternativen zu Erwerbsarbeit gibt, die es trotzdem ermöglichen, selbstbestimmt an der Gesellschaft teilzunehmen.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
* Alle Namen wurden auf Wunsch der InterviewpartnerInnen von der Redaktion geändert.
Quellen:
– AMS-Statistik Arbeitslosigkeit Männer Frauen 2016: https://www.ams.at/ueber-ams/medien/arbeitsmarktdaten/berichte-auswertungen
– Armutskonferenz: https://www.armutskonferenz.at/armut-in-oesterreich/aktuelle-armuts-und-verteilungszahlen.html
– Gender-Pay Gap: https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_wp_205.pdf sowie – Frauenberger/Brauner (2014): Gendersensible Statistik: Lebensrealitäten sichtbar machen. Stadt Wien.
– Jahoda/ Lazarsfeld/ Zeisel [1960(1933)]: „Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch“, Suhrkamp Verlag.
– Pilotprojekt „Effekte Arbeitslosigkeit“ (2009): https://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/effekte_der_arbeitslosigkeit-endbericht.pdf
– Plattform 20000 Frauen: https://zwanzigtausendfrauen.at/?s=arbeitslosigkeit
– Statistik Austria: https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/arbeitsmarkt/111795.html