Vom 18. bis 21. September fand der „Internationale Tropentag 2016“ in Wien statt. Teil des Programms war ein Workshop zum Thema „Komplexe Systeme – Einfache Lösungen? Zum Umgang mit Diversität in kleinbäuerlichen Strukturen“, indem ForscherInnen zu Beforschten wurden und „Typisierung“ am eigenen Leib erforschten.
Die erstmalig in Wien von der BOKU organisierte und seit 1999 jährlich abgehaltene Tropentag-Konferenz zielt darauf ab, den Austausch von Wissen im Bereich Ernährungssicherheit, landwirtschaftlicher und ländlicher Entwicklung, Ressourcennutzung und Armutsreduktion, vornehmlich in Afrika, Südostasien und Lateinamerika, voranzutreiben.
Hinter der Konferenz steht ein Zusammenschluss verschiedener Universitäten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Tschechien, sowie die Arbeitsgemeinschaft für tropische und subtropische Agrarforschung (ATSAF e.V.) in Kooperation mit der Beratungsgruppe Entwicklungsorientierte Agrarforschung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).
Für Vorträge, Posterpräsentationen und informellen Austausch brachte die Konferenz 800 TeilnehmerInnen aus 60, großteils außereuropäischen Ländern zusammen. Neben WissenschaftlerInnen waren auch VertreterInnen von NGOs, Ministerien und Unternehmen anwesend.
Solidarische Nutzung von Ressourcen und Wissen.
Heuer unter dem Motto „Solidarität in einer konkurrierenden Welt – faire Nutzung von Ressourcen“ stehend, strebte die Konferenz eine vermehrte Auseinandersetzung mit sozialrelevanten Themen in der ansonsten eher technisch und naturwissenschaftlich ausgerichteten Konferenz an. Vor dem Hintergrund der steigenden Nachfrage nach Nahrung und Energie, bei gleichzeitig zunehmendem Bewusstsein für Klimagefahren, knapper werdenden Ressourcen und dem Verlust von Biodiversität, sollte der Austausch von Forschungstand und Wissensproduktion zwischen dem globalen Norden und Süden vorangetrieben werden. Themen wie Gender-Perspektiven, soziale Entwicklungen und Probleme von KleinbäuerInnen sowie Arbeiten zu ökologischen Landnutzungsformen sollten in der Konferenz besondere Beachtung finden. Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, der ungleichen Machtverhältnisse und Interessenskonflikte zwischen beteiligten Ländern und Stakeholdern wurde jedoch weniger Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl dies bei Verwendung der Begriffe „Solidarität und Fairness“ naheliegend gewesen wäre.
Warum Typisierungen problematisch aber trotzdem hilfreich sind.
Im Rahmen der Konferenz wurde zudem eine Reihe von Workshops angeboten. Der Workshop zum Umgang mit Diversität in kleinbäuerlichen Strukturen (Originaltitel engl.: „Complex systems – simple solutions? How to assess and operationalize diversity in smallholder farming systems“) wurde von vier DoktorandInnen der Universität Wageningen ausgerichtet. Ziel war es, ForscherInnen, die in ihrer Arbeit mit komplexen Systemen wie heterogenen sozialen Gruppen umgehen, die Problematik von „Typisierungen“ (von außen gezogene Trennlinien entlang bestimmter Merkmale) vor Augen zu führen.
Am Beispiel einer Fallstudie aus Nepal veranschaulichte eine Studentin, wie innerhalb einer homogen erscheinenden Gruppe von KleinbäuerInnen eigentlich stark ausgeprägte Unterschiede der Lebensform, des Wohlstands und der Entwicklungsmöglichkeiten festgemacht werden können. Dafür entscheidend sei das Vorhandensein von und der Zugang zu Ressourcen, die geografische Lage und die persönlichen Vorstellungen der BäuerInnen. Das Beispiel machte die Herausforderung deutlich, auf der einen Seite allen wichtigen Umständen, die KleinbäuerInnen voneinander unterschieden, Aufmerksamkeit zu schenken und andererseits ein handhabbares System der Typisierung zu finden, durch das beurteilt werden kann, welche Umstände sich wie stark auswirken und mit welchen Lebensformen der KleinbäuerInnen zusammenhängen.
Dass solche von außen, durch den oder die ForscherIn vorgenommenen Unterscheidungen von sozialen Gruppen an der Wahrnehmung dieser Gruppe selbst gespiegelt werden müssen, zeigte eine andere Fallstudie aus Ghana: Beispielsweise beschrieb die untersuchte Gemeinde die „Dachtypen“ ihrer Behausungen als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal der Gemeindemitglieder, da größere, stabilere Dächer mit mehr Wohlstand verbunden waren. Eine Trennung, die dem Blick von außen leicht entgehen könnte.
Rollentausch: Wenn ForscherInnen zu Beforschten werden.
Um den TeilnehmerInnen ein Gefühl davon zu vermitteln, wie schnell der Umgang mit einer diversen Gruppe komplex wird, wurden wichtige Unterscheidungsmerkmale der TeilnehmerInnen selbst aufgeführt. Neben dem Geschlecht wurden das Alter, die Herkunft und die Forschungsregion herangezogen. Nachdem die TeilnehmerInnen entlang der Übereinstimmung bestimmter Merkmale in Gruppen eingeteilt wurden, galt es, das Gefühl und die Bewertung dieser Zuordnung zu beschreiben. Schnell wurde offensichtlich, dass die Trennung nach Geschlechtern als stärkste und unangenehmste Unterscheidung und als Diskriminierung anderer Merkmale empfunden wurde. Diese Auseinandersetzung mit der Selbstwahrnehmung in einer von anderen vorgenommenen Typisierung, führte zu angeregten Diskussionen. Darin tauchten unter anderem die Fragen auf, wann die Auswahl von Unterscheidungkriterien zu restriktiv für die Untersuchung von Gruppen wird; wann Gruppierungen trotzdem repräsentativ sind und wie man alternativ mit Diversität umgehen könnte.
Partizipation zur Stärkung der Sensibilität für Diversität.
Der Workshop bot damit eine Grundlage für die Reflexion von komplexen Systemen, denen ForscherInnen durch die Heterogenität und Diversität „der Gruppe“ der Beforschten und ihrer natürlichen Umwelt gegenüberstehen. Durch die Selbsterfahrungsübung sensibilisierten die WorkshopleiterInnen für einen behutsamen Umgang mit Typisierungen entlang statistischer Daten wie Geschlecht, Einkommen oder Grundbesitz, um notwendige Vereinfachungen nicht in einer reduktionistischen Sichtweise enden zu lassen.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weitere Informationen:
Website des Tropentag 2016: https://www.tropentag.de/
Foto: Header der Website des Tropentag 2016.