Szenische Forschung und das „Theater mit der Verständigung“.

Das Forschungsseminar „Change!“, unter Anleitung von Birgit Fritz und Gerald Faschingeder, bescherte Studierenden der Internationalen Entwicklung eine Forschungserfahrung der besonderen Art: „Theater der Unterdrückten“ als Forschungsmethode hebt Grenzen zwischen Forschern und Beforschten auf.

Wissenschaft, darstellende Kunst und soziale Fragen.

Im Oktober 2015 startete das erstmalig stattfindende Projekt sogenannter „szenischer Forschung„, im Rahmen eines transdisziplinären Forschungsseminars am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien. Grundlegend dabei war die einführende Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Konzepten von „Transdisziplinarität“, mit Augusto Boals „Theater der Unterdrückten“ und der Methodologie „Participatory Action Research„, mit Fokus auf den globalen Süden. Wissenschaft und darstellende Kunst wurden zueinander in Beziehung gesetzt – im Bemühen, gesellschaftlich relevante Fragestellungen in diese Grenzüberwindung einzubinden.

Flucht und Migration – partizipativ und szenisch erforscht.

Fünf Forschungsgruppen, mit jeweils individueller Themenausrichtung innerhalb des übergeordneten Fokus auf Flucht, Migration und einhergehenden Phänomenen, probierten sich, unter direkter Mitwirkung von Menschen des jeweiligen Interessensfeldes, an szenischer Forschung. Dass die theatralen Werkzeuge und das tatsächliche Erkenntnisinteresse unmittelbar „im Feld“ erarbeitet und erweitert wurden, war gewollt, da dies konstituierend für den partizipativen Charakter der „Aktionsforschung nach Orlando Fals Borda“ ist. Dass diese Vorgehensweise ungemein komplex, fordernd und abseits ausgetretener ForscherInnenpfade vonstattengehen würde, erfuhren die StudentInnen erst unterwegs, beziehungsweise auf der Suche nach dem Weg.

Paola Fasan, Eleonora Balauras, Nela Helena Masařová und Evamaria Freinberger befassten sich ein Jahr lang intensiv mit Sprache, Verstehen und Dolmetschen im Asylkontext. Im Folgenden ein kurzer Einblick in den Forschungsprozess dieser Gruppe:

Verstehen und verstanden werden im Kontext von Machtverhältnissen.

„Wir haben mit szenischen Methoden erforscht, wie für nicht-deutschsprachige Menschen das Sich-Verständlich-machen und Verstanden-werden, vor allem in institutionellen Kontexten, funktionieren kann. Dies geschah zunächst im Zuge klassischer qualitativer Sozialforschung und später innerhalb eines Workshops auf Basis des „Theaters der Unterdrückten“ nach Augusto Boal, an dem acht Personen teilnahmen. Die Teilnehmenden waren Menschen, die aus unterschiedlichen Motivationsgründen in der Sprachmittlung in Asyl- und Behördenkontexten tätig, beziehungsweise daran interessiert waren.

Dass die Behördenkommunikation für Asylsuchende besonders heikel und anfällig für Missverständnisse ist, war eine unserer Grundannahmen. Vor allem wollten wir mit unseren ForschungspartnerInnen Machtverhältnisse in Dolmetschsituationen, sowie die Möglichkeiten, diese auszuhebeln, szenisch aufgreifen und mittels „Theater der Unterdrückten“ erforschen. Besonderes Augenmerk legten wir dabei auf die Schaffung von Gleichberechtigung und Selbstbewusstsein als Voraussetzung funktionierender Kommunikation.“

„Sprechen mit dem Körper“ um Handlungsspielräume auszuweiten.

„Die TeilnehmerInnen, beziehungsweise „SchauspielerInnen“, luden wir zum „Sprechen mit dem Körper“ ein, sodass Verbalität in den Hintergrund treten konnte – für unsere, von großer Mehrsprachigkeit gekennzeichnete Gruppe war dies überaus zuträglich. Diverse Übungen sollten das Bewegungsrepertoire des Alltags durchbrechen und die SchauspielerInnen wurden ermutigt, spontanen Impulsen zu folgen. Dies beruhte auf der Annahme, dass der Ausdehnung körperlicher Flexibilität geistige und gedankliche Beweglichkeit folgen. Hierdurch entstehe die Fähigkeit, Realitäten zu verändern und somit liege in Boals Methoden des „Theaters der Unterdrückten“ die Möglichkeit, „Change“ (auf Deutsch: Veränderung) zu üben. Wer eine Konfliktsituation bereits spielerisch ausgelotet hat, so die Theorie, ist darauf vorbereitet, diese in Wirklichkeit mit Flexibilität, alternativen Lösungsansätzen und größerem Handlungsspielraum zu bewältigen.

Intensive Vorbereitung mittels Auswertung von Theorie- und Interviewmaterial durch qualitative Forschungsverfahren, die wir aus „Grounded Theory“ und „Qualitativer Inhaltsanalyse“ entlehnten, stützten das praktische Konzept des Workshops und illustrieren das breit gefächerte Methodenspektrum transdisziplinären Arbeitens.“

Sichtbarmachung des eigenen Standpunktes als Selbstermächtigung.

„Rückblickend bleibt jedoch die Herausforderung zu erwähnen, „verkörpertes Wissen“ zunächst ausfindig zu machen und vor allem, es im Anschluss in eine Form der wissenschaftlichen Verschriftlichung zu bringen – eine Aufgabe, an die wir uns anzunähern versuchten, ähnlich dem Kern von Verständigung: Denn die ursprünglich von uns angestrebte „Verbesserung“ von Kommunikation stellte sich multikomplex dar und kann, unseren Ergebnissen zufolge, nur in schrittweiser Annäherung erfolgen. Die Sichtbarmachung des eigenen Standpunktes – sei es beim Forschen oder beim Dolmetschen – wähnen wir als einen der wichtigsten, im Laufe der Forschung zu Tage getretenen Ansprüche und sie trug wohl am meisten zur angestrebten „Selbstermächtigung“ unserer ForschungspartnerInnen und unserer selbst bei.“

 

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weitere Informationen:

– Weitere Artikel zum Theater der Unterdrückten: https://www.pfz.at/category9.htm

– Zum Seminarzyklus „Theater in Aktion“:  https://www.pfz.at/article1756.htm

– Zum Verein „Theater der Unterdrückten Wien“: https://www.tdu-wien.at/index.html

– Seminarleiterin Birgit Fritz: https://birgitfritz.net/de/

 


 

Foto: © Evamaria Freinberger 

 


 

Veröffentlicht in Paulo Freire, Entwicklungsforschung, Themen.