Am 16. Dezember 2015 wurden drei neue Publikationen zu Globalgeschichte und Neo-Kolonialismus in Afrika im Institut für Afrikawissenschaften der Universität Wien präsentiert. Diese Veranstaltung erweckte großes Interesse bei Geschichts- und PolitikwissenschaftlerInnen.Mit einem interessierten Fachpublikum diskutierten die AutorInnen und HerausgeberInnen der Bücher unter anderem über Machtkonstellationen und dem Dekolonisierungsprozess in Namibia und anderen afrikanischen Ländern seit ihrer politischen Unabhängigkeit.
Aller guten Dinge sind drei
Unter diesem Motto stellte der Moderator Arno Sonderegger (Universität Wien) zu Beginn der Veranstaltung die drei neuen Bücher vor. Der Sammelband African Thoughts on Colonial and Neo-Colonial Worlds umfasst die Beiträge auf der internationalen Konferenz African Thoughts on (Neo-) Colonial Worlds vom November 2014. In enger Zusammenarbeit zwischen afrikanischen und nicht-afrikanischen ForscherInnen werden in dem Buch historische und ideengeschichtliche Perspektiven zum Thema (Neo)Kolonialismus dargestellt. Dazu passend gehe es im neuen Buch von Henning Melber (The Nordic Africa Institute), „Namibia: Gesellschaftspolitische Erkundungen seit der Unabhängigkeit“, um die dekoloniale Entwicklung in Namibia, das vor 25 Jahren seine Unabhängigkeit erlangte. Die dritte vorgestellte Publikation, die neue Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik, verfolge einen ambitionierten Ansatz. Unter dem Buchtitel „Nord-Süd-Ost-West-Beziehungen“ werde die Geschichte der Großregionen der Welt abgezeichnet.
Namibia – eine unvollendete Dekolonisierung
Im Anschluss an die Kurzvorstellung ging Autor Henning Melber näher auf seine These der unvollendeten Dekolonisation in Namibia ein. Melber wies darauf hin, dass sich die deutsche Ausgabe dieser Namibia-Publikation sowohl inhaltlich als auch perspektivisch von der englischen Fassung (Understanding Namibia, 2014) unterscheide. Mit den Kapiteln über die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia und die öffentlichen Diskurse über die Kolonialvergangenheit in Deutschland richte sich die deutsche Publikation viel stärker an das deutschsprachige Publikum. Das Buch basiere auf seiner persönlichen Lebensgeschichte und sei insofern nicht als wissenschaftliche Länderanalyse gedacht.
Seine Hauptthese sei, dass der Dekolonisierungsprozess in Namibia unvollendet sei. Zuerst gab der Autor eine Antwort auf die Frage von Clemens Pfeffer (Mattersburger Kreis), aus welcher Perspektive man die Dekolonisierung eines Landes beurteilen könne. „Meine Lebensgeschichte in Namibia lässt mich realisieren, dass Menschen aus unterschiedlichen sozio-kulturellen Situationen ganz unterschiedliche Vorstellungen von Dekolonisierung haben“, so Melber. Der dekoloniale Prozess in Namibia sei seines Erachtens nicht vollendet, weil sich die strukturelle Machtkonfiguration, die Mentalitäten und die Lebensstile der Menschen nicht verändert haben. Namibia sei eines der letzten afrikanischen Länder, die sich von der Kolonialherrschaft befreit haben, und feiere bis heute seinen Erfolg der Dekolonisierung. Aber 25 Jahre nach der Unabhängigkeit habe Namibia immer noch eine de facto autoritäre Einpartei-Herrschaft (SWAPO Party of Namibia, South-West Africa People’s Organisation) und den größten Einkommensunterschied der Welt. Die Apartheid und die damit verbundene Rassendiskriminierung werden nach dem Ende der Kolonialherrschaft fortgelebt. Es sei ein klares Versagen der Politik, wenn sich die soziale Gerechtigkeit, insbesondere in Bezug auf Distribution der Ressourcen, nach der Unabhängigkeit eher verschlimmert habe als verbessert.
Was macht Macht mit Menschen?
In der regen Diskussion im Anschluss wurden viele Fragen gestellt. Wie definiert man koloniale Verhältnisse und was versteht man unter der Dekolonisierung? Arno Sonderegger griff auf die Definition der Kolonialherrschaft von Jürgen Osterhammel zurück, der dem Kolonialismus Charakteristika wie Herrschaftsbeziehung, Interessenvorhang und kulturelle Fremdheit sowie Höherwertigkeit zuschreibt. Darauf erwiderte Melber, dass man sich nicht unbedingt auf eine einzige Erklärung bzw. Interpretation der Begrifflichkeit einigen müsse. Namibia sei keine politische Kolonie mehr, aber koloniale Strukturen und Mentalitäten würden fortgesetzt. Insofern müsse man den dekolonialen Prozess auf politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und mentaler Ebene beurteilen. Dieser Prozess sei im postkolonialen Zeitalter nicht abgeschlossen.
Am Ende betonte Melber, dass die unvollendete Dekolonisierung keineswegs ein spezifisches Phänomen auf dem afrikanischen Kontinent sei. Nach der Französischen Revolution hätten die RevolutionärInnen ebenfalls die Machtstrukturen und Herrschaftsmentalitäten des alten Regimes fortgesetzt. Hinsichtlich der Bewertung der Dekolonisierung müsse man sich daran orientieren, was nach einer Befreiungsbewegung passiere, wenn die Rebellen an die Macht kommen. Werden die alten kolonialen Strukturen und Mentalitäten verworfen oder übernommen? Laut Melber ginge es schließlich um die Frage: Was macht Macht mit Menschen? Und was passiert mit den Menschen, die sich nicht mehr in ihrer alten gesellschaftlichen Position befinden?
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weitere Informationen
- Margarate Grandner & Arno Sonderegger (Hg.) (2015): Nord-Süd-Ost-West-Beziehungen: Eine Einführung in die Globalgeschichte. Wien: Mandelbaum. https://www.mandelbaum.at/
- Henning Melber (2015): Namibia: Gesellschaftspolitische Erkundungen seit der Unabhängigkeit. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel. https://www.brandes-apsel-verlag.de
- Arno Sonderegger (Hg.) (2015): African Thoughts on Colonial and Neo-Colonial Worlds Facets of an Intellectual History of Africa. Berlin: Neofelis, 2015. https://www.neofelis-verlag.de/