Transdisziplinär und nachhaltig: Universität nach Lüneburger Art II.

Im zweiten Teil des Interviews von Nadine Mittempergher (Paulo Freire Zentrum) mit Ulli Vilsmaier (Leuphana Universität Lüneburg) geht es um Freires Pädagogik, Transdisziplinarität und die Genderfrage. Zum Schluss verrät die erfolgreiche Forscherin ihre persönliche Motivation, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen.Freire Zentrum: Transdiziplinäre Bildung oder Forschung und Wissenschaft steht ja auch stark mit Freireanischer Bildung in Verbindung – ist transdisziplinäre Forschung im Sinne von Freire immer auch Volksbildung/„educación popular“?

Vilsmaier: Auch da würde ich durchaus mit einem Ja antworten, wenngleich man die Begrifflichkeiten differenziert betrachten müsste. In einem sehr allgemeinen Sinne, ja unbedingt, zumal transdisziplinäre Forschung neben epistemischen Zielen ja auch versucht Transformation, gesellschaftliche Veränderungsprozesse mit zu erwirken oder durch sie hindurch zu wirken. Und das sind einfach Lernprozesse, die in diesen spezifischen Konstellationen, an der Schnittstelle zwischen Forschung und unterschiedlichen Handlungsfeldern oder Lebenswelten als wechselseitige Lernprozesse zu begreifen sind. Darin liegt sicherlich auch ihre spezifische Stärke, weil es eben gelingt, tatsächlich diese Offenheit für wechselseitiges Lernen herzustellen. Und das ist nach meiner Erfahrung sehr stark abhängig von der persönlichen Bereitschaft und Offenheit. Und auch Reflexivität, das Eigene nicht als das Höhergestellte oder Bessere zu begreifen, aber natürlich auch von Möglichkeiten, auch im Sinne von Orten, an denen ein solches wechselseitiges Werken stattfinden kann. Aber auch von Erfahrung. Ein runder Tisch führt nicht zwangsweise zu einem wechselseitigen Lernen und einem transdisziplinären Prozess. Hier gilt es eben sehr wohl auch, methodisch zu lernen und weiter zu entwickeln, da stehen wir ziemlich am Anfang. Mit meiner Juniorprofessur für transdisziplinäre Methoden bin ich bislang noch alleine auf weiter Flur, wenngleich es einige wenige Institutionen gibt, jetzt international betrachtet, die zu Methoden in der Schnittstellenarbeit der Wissensgenerierung beigetragen haben.



Freire Zentrum:
Beim Lesen der Texte für die Sommer School ist mir aufgefallen, dass feministische Theorie oder das Thema Gendergerechtigkeit keine explizite Erwähnung fanden. Wie siehst du das Zusammenspiel zwischen Gendergerechtigkeit und Transdisziplinarität?

Vilsmaier: Ich würde das jetzt nicht ganz so pauschal sagen, da die Texte ja nur eine spezielle Auswahl sind. Ich würde sagen, dass gerade die feministische neben der postkolonialen Perspektive im weiteren Sinne als ganz wesentliche Vorläuferbewegungen der Transdisziplinarität gesehen werden können. Eine solche Forschungsform wird ja nicht erfunden, sondern sie emergiert aus einem Bedarf, aus einer Form von Reflexivität heraus, die sich innerhalb des Wissenschaftssystems eingestellt hat. Es gibt hier an der Fakultät für Nachhaltigkeit eine Gruppe um Sabine Hofmeister und Nina Katz, die sich explizit mit Fragen der Nachhaltigkeit und der Geschlechterperspektiven beschäftigen und dabei auch transdisziplinär arbeiten.

Freire Zentrum: Um das Thema mit dem Freire Zentrum zu verbinden: Du bist ja seit Juni 2015 als erste Frau die Vorsitzende des Beirats des Paulo Freire Zentrums.

Vilsmaier: Was mich sehr freut.

Freire Zentrum: Uns auch. Und darum meine Frage: Wie beeinflusst Freire deine Arbeit?



Vilsmaier:
Freire hat mein Leben bis heute sehr beeinflusst und wird es wahrscheinlich auch weiter tun. Ich hatte das große Glück mit freireanischer Pädagogik in meiner Schulzeit konfrontiert zu werden. Mit einem Lehrer, der in der Wahrnehmung aller meiner Mitschüler und Mitschülerinnen als Chaot abgestempelt wurde. Ich hatte aber das Gefühl, da steckt irgendwie ein bisschen mehr dahinter. Lustig: Er war ausgerechnet mein Geographielehrer (Anm.: Ulli Vilsmaier hat später Geographie studiert). Während meiner Matura damals hat er seine Promotion abgeschlossen, damals zum Thema „Landschaft und Erkenntnis“ und mir ein Exemplar überreicht. Im Moment der Lektüre wurde mir sehr vieles über diesen Unterricht klar, über die Intention und da lernte ich eben auch Freire kennen. Und damit begann die Freire-Lektüre während meiner Studienzeit. Das war noch nicht vorrangig damals, aber als ich dann selbst, als junge Assistentin, so gewissermaßen in diesen Rollenwechsel hineinkam hat sich‘s immer weiter ausgebreitet in mir und in meiner eigenen Praxis. Und als ich dann in Berührung kam mit Transdisziplinarität, das war ungefähr im Jahre 2002/2003 im Rahmen eines Projektes zur Kulturlandschaftsforschung in Kooperation mit der BOKU, da habe ich einige Texte von Freire wiedergelesen und eben auch so unglaublich viele Zusammenhänge zwischen transdisziplinärer Forschung und dem Forschungsbegriff bei Freire wiedererkannt, der gerade nicht auf eine spezifisch moderne Wissenschaftstradition reduziert ist. Das hat mich dann schon sehr beeinflusst, auch in der Art und Weise, wie ich selbst eine Forscherinnen-Identität ausgebildet habe, das dauerte ziemlich lange bei mir. Ich hatte auch in meinen Jugendjahren und in meiner Studienzeit kein sehr ausgeprägtes intellektuelles Selbstverständnis. Das war eher ein sehr praxisorientiertes Arbeiten. Insofern war es umso beglückender, bei dem Versuch, eine Forscherinnenidentität auszubilden, auf Freire zurückzugreifen.



Freire Zentrum:
Welchen Beitrag kann Freires Pädagogik oder Freires Zugang zu Wissenschaft und Forschung zu nachhaltiger Entwicklung leisten?

Vilsmaier: Ich glaube, indem man transdisziplinäre Forschung schon mal als eine nachhaltige Form der Forschung begreift. Also im Sinne von einer Forschung, die eben nicht ausschließlich einer epistemischen Orientierung folgt. Sondern eben auch einer Orientierung an gesellschaftlicher Transformation, die für sich in Anspruch nimmt, schon durch den Vollzug der Forschung eine Wirkkraft in Richtung Nachhaltigkeit zu entfalten. Zum Anderen können wir bei Freire natürlich so unglaublich viel über hierarchische Verhältnisse in Gesellschaften lernen. Womit wir ja ständig konfrontiert sind, sind Selbst- und Fremdbilder, die sehr stark auch auf Erhöhung oder Erniedrigung beruhen. Das sind jetzt starke Begriffe, aber bei genauerem Hinsehen werden wir viele Situationen in Forschungszusammenhängen finden, wo ein Wissenschaftler, eine Wissenschaftlerin vor allem dann natürlich auch mit so einem gesellschaftlichen Status wie einer Professur, für sich in Anspruch nimmt, höher gestelltes Wissen in sich zu tragen oder ein solches zu produzieren. Gegenüber stehen Menschen, die in ihrem alltäglichen Leben ohne diese systematische Kontrolle der Nachvollziehbarkeit Wissen generieren. Und ich glaube, da gibt es viel von Freire zu lernen, von seinem Lehrer-Schüler/Schüler-Lehrer-Denken, das sich auch übersetzen lässt auf Wissensschaffende aus unterschiedlichen Lebensbereichen, also bewusst nicht WissenschaftlerInnen, sondern Wissensschaffende. Die in ihren professionellen Vollzügen im Alltag, im Engagement, in der Anwaltschaft für Themen, oder eben auch in Forschungstätigkeiten im engeren Sinne Wissen schaffen. Das waren zwei Aspekte, die ich jetzt mal akut benennen kann.

Freire Zentrum: Meine Abschlussfrage ist vielleicht etwas persönlich, aber nicht weniger wichtig: Was treibt dich in deiner Arbeit an?

Vilsmaier: Was mich in meiner Arbeit antreibt, ist sicherlich einem Wandel unterlegen. Was mich immer in meiner Arbeit antrieb, sind Beziehungen zu Menschen, ob das Studierende sind, Mitarbeitende, Kolleginnen, Menschen aus der Praxis – das finde ich, ist ein Abenteuer, ja. Das heißt nicht, dass es immer nur rund läuft, aber ich finde es spannend und lerne tatsächlich, Herausforderungen anzunehmen. In meiner Arbeit treibt mich aktuell auch was spezifisch Methodisches an, das hat sich natürlich auch mit dieser Junior-Professur verstärkt. Dieses Interesse, tatsächlich Formen der Wissensproduktion zu entwickeln, die mehr sind als der vorhin genannte runde Tisch, die eine gewisse Systematik und auch eine gewisse Nachvollziehbarkeit haben und dennoch ausreichend offen sind, um dem Unvorhergesehenen einfach auch Raum zu geben und vor allem natürlich auch den spezifischen Konstellationen. Methoden, die die verschiedenen Konstellationen in transdisziplinärer Forschung ermöglichen, die ich ja nicht einfach anordnen kann, zumal Forschungspartner und -partnerinnen ja keine Objekte sind, mit denen ich beliebig verfahren könnte. Das ist etwas, das mich begeistert.

Reaktionen zum Artikel bitte an: redaktion@pfz.at

Zur Person:

Ulli Vilsmaier arbeitet als Juniorprofessorin für Transdisziplinäre Methoden am Institut für Ethik und Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (IETSR) der Leuphana Universität Lüneburg. Ihre Forschungs- und Lehrschwerpunkte umfassen epistemologische und methodologische Grundlagen sowie Methoden inter- und transdisziplinärer Forschung. https://www.leuphana.de/ulli-vilsmaier.html 

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Themen.