Im Vorfeld der Filmtage „Stadt.Land.Flucht.“ wurde das Buch „Wissen und Entwicklung. Ein Reader zu Wissensproduktion und Entwicklungsforschung“, das anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Kommission für Entwicklungsfragen (KEF) publiziert wurde, am 17. April 2013 in der Südwind Buchwelt präsentiert.
Probleme und Potenziale der Entwicklungsforschung
In seinen einleitenden Worten reflektierte Erich Thöni, Ökonom und Vorsitzender der Kommission, grundlegende Prämissen der Arbeit der KEF. Zentrales Ziel sei es, Entwicklungsforschung weiterzutreiben, während diese nach wie vor um ihren Platz in der Wissenschaftslandschaft ringt. Gerade in einem Kontext, in dem die Mittel zur Forschungsförderung generell knapper werden, sei eine profunde Selbstreflexion umso bedeutsamer. Sowohl mit dem Entwicklungsbegriff als auch mit den heterogenen Erkenntnisinteressen, die dieses inter- und transdisziplinäre Feld prägen, müsse man sich kritisch auseinandersetzen. In diesem Zusammenhang problematisierte Thöni Zugänge, die nicht in einem Verständnis von Wissenschaft verankert sind, das auf eine möglichst weitreichende analytische Erfassung der Realität abzielt. Häufig wende sich die Entwicklungsforschung zu rasch der konkreten Umsetzung zu und münde in einseitigen Aktionismus, konstatierte er. Zu fördern ist aus Thönis Sicht hingegen die Breite und Vielfalt der Themen und Methoden der Entwicklungsforschung als Rahmen für eine Inter- und Transdisziplinarität, die auch die Potenziale der Fachspezifität nutzt und sich ihrer eigenen Grenzen bewusst ist, statt sich in undifferenzierter Oberflächlichkeit zu verlieren.
Österreichische Entwicklungsforschung
Ein konkretes Projekt der KEF war die im Anschluss präsentierte EnFoNet-Studie über Strukturen, Akteure und Netzwerke der österreichischen Entwicklungsforschung. Im Rahmen dieser Kooperation von KEF und ÖFSE haben Nina Witjes, Andreas Novy, Matthias Schlögl und Andreas Obrecht erkundet, wer sich heute mit dem Begriff der Entwicklungsforschung identifiziert, welche Akteure und Institutionen eine Rolle spielen und welche verbindenden Elemente dieses interdisziplinäre Forschungsfeld zusammenhalten. Im Zuge der Netzwerkanalyse wurde dabei unter anderem ein Webtool erarbeitet, mit dem die Vernetzung von Institutionen sowie einzelnen AkteurInnen auf Basis des Indikators der gemeinsamen Publikationen nachvollziehbar gemacht wird.
Darüber hinaus haben empirische Daten von rund 500 AkteurInnen der Entwicklungsforschung gezeigt, dass eine wachstumskritische Revision von „Entwicklung“ und eine Hinwendung zu Begriffen wie „Sustainable Development“ heute weitgehend gemeinsamer Nenner der Entwicklungsforschung seien. Nichtsdestotrotz finden sehr unterschiedliche disziplinäre und epistemologische Positionen Platz in diesem Forschungsfeld. Klares Ergebnis der Studie sei aber, betonte Obrecht, dass Entwicklungsforschung mehr ist als ein Mythos: eine Wissenschaftsorientierung, die Forschen nicht als Selbstzweck versteht, sondern als Praxis, die für „lebensbejahende, nachhaltige Systeme“ relevant ist und auf menschlichen und gesellschaftlichen Werten fußt.
Wissen und Entwicklung
Angelehnt an seinen eigenen Beitrag im Buch thematisierte Andreas Obrecht schließlich vier Achsen des Themenkomplexes von Wissen und Entwicklung: Zunächst wandte er sich dem Bildungsbegriff zu, der in den europäischen Wissenschaften seit der Aufklärung eng mit Emanzipation und Freiheit verbunden wird. Die Vorstellung vom Menschen als formbares Wesen, das durch pädagogische Anleitung und Selbsterziehung zum Glück findet, ging im 18. Jahrhundert mit dem säkularisierenden Moment der Befreiung von Gottesgnadentum einher und ist bis heute von Bedeutung. So hat sie auch mehrere Dekaden der Entwicklungspolitik im 20. Jahrhundert geprägt – ausgehend von der Annahme, dass Bildung die Entwicklung und Emanzipation des Südens hervorbringe.
An eben dieser Stelle kommt allerdings Obrechts zweite Achse ins Spiel: eine Perspektive, aus der Wissen und Bildung als Herrschaftssysteme betrachtet werden. Die Signifikanz einer entsprechenden Analyse illustrierte Obrecht anhand der historischen Verzahnungen von Wissen, Kolonisierung und Gewalt, auf deren Basis europäisches Wissen und europäische Technologien gegenüber anderen Wissenstraditionen durchgesetzt wurden. Ein Aspekt, den das Feld „Entwicklung“ in seiner „expertokratischen“ Prägung nach wie vor internalisiert habe, wie Obrecht konstatierte.
Als dritte Achse kam Obrecht auf die soziale Verräumlichung von Wissen zu sprechen: Eine Abhängigkeit vom Zugang zu Wissen und territorialen Strukturen sei immer gegeben. Die Vorstellung, dass digitale Wissensräume egalitär seien, wird von der Unzugänglichkeit dieses Raumes für einen beträchtlichen Teil der Weltbevölkerung ausgehebelt. Davon ausgehend äußerte Obrecht auch die Überzeugung, dass es in vielen Wissenschaftsbereichen mehr Kooperation und Offenheit brauche, um nachhaltige Antworten auf brennende Fragen der Gegenwart zu finden.
Globale Wissensarchitektur im Wandel
Die vierte von Obrecht thematisierte Achse bezog sich schließlich auf aktuelle Veränderungen globaler Wissensarchitekturen. Dass der Westen die Standards setzt, werde in Zusammenhang mit dem Erstarken von Ländern wie China und Indien nicht so bleiben. Beispielsweise im Bereich der Biotechnologie zeichnen sich bereits Tendenzen einer globalen Umkehr ab. In diesem Kontext fragte Obrecht, was Europa angesichts gekürzter Mittel für die Wissenschaften noch zu bieten habe und formulierte die These, dass Europas Schwächen auch seine Stärken seien. Es sei seine selbstreflexive Wissenschaftstradition, die im globalen Kontext einen wertvollen Beitrag darstelle – das permanente Hinterfragen der Grundlagen des eigenen Denkens. Damit werde Wissenschaft mehr als ein Tool – aus Obrechts Sicht nämlich ein „subtiles Spiel“ mit dem Ziel einer asymptotischen Annäherung an die Wirklichkeit. Darauf gelte es im Dialog mit Wissenschaft im globalen Süden zu bauen.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.