Am Abend des 16. Jänners 2013 fanden sich 50 Interessierte im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung ein, um die Neuerscheinung „Ökonomie der Internationalen Entwicklung. Eine kritische Einführung in die Volkswirtschaftslehre“ vorgestellt zu bekommen. Bei der Buchpräsentation wurden Entstehung, Inhalt sowie Ideen für eine potenzielle Fortsetzung des Buches diskutiert.In der Kooperationsveranstaltung des Instituts für Internationale Entwicklung der Universität Wien, des Mattersburgerkreises, des Paulo Freire Zentrums und der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) wurde der Band 14 der Buchreihe Gesellschaft – Entwicklung – Politik (GEP) als ein Beitrag vorgestellt, der die Notwendigkeit betont, Ökonomie aus unterschiedlichen Sichtweisen zu betrachten. Neben den HerausgeberInnen Johannes Jäger und Elisabeth Springler diskutierten auch Petra Dannecker, Leiterin des Instituts für Internationale Entwicklung, Werner Raza, Leiter der ÖFSE sowie Valentin Seidler, Wirtschaftshistoriker und Lektor an der Internationalen Entwicklung, Fragen und Hintergründe zum Werk.
Die Lehre der Ökonomien
Globale wirtschaftliche Transformationen sind Bestandteil gegenwärtiger internationaler Entwicklungen – sei es die Finanzkrise seit 2008, der Aufstieg der Entwicklungs- und Schwellenländer oder klimabedingte Herausforderungen. Verschiedene ökonomische Theorien versuchen aus ihren jeweiligen Perspektiven heraus, diese Transformationen zu verstehen und plausible Erklärungsansätze zu liefern. Einige solcher Paradigmen sind dabei dominanter als andere und lassen ihre Lösungsansätze bisweilen als Non plus Ultra erscheinen. Dass es zusätzlich zu solchen Mainstream-Paradigmen – damit ist vor allem die Neoklassik gemeint – aber eine Reihe von Alternativen gibt, die mitunter mehr Klarheit verschaffen und oft zu Unrecht marginalisiert werden, versucht das vorgestellte Buch aufzuzeigen. Mit den wirtschaftswissenschaftlichen Konzepten des Keynesianismus und der Politischen Ökonomie stellt es dem Mainstream zwei Paradigmen gegenüber. Durch den interdisziplinären Ansatz – es werden politische, soziologische und auch anthropologische Perspektiven aufgegriffen – wird die Wissenschaft der Ökonomie als ein heterogenes, von unterschiedlichen Ansichten und Interessen geprägtes Feld thematisiert. Der Leserin und dem Leser soll die Möglichkeit geboten werden, ein pluralistisches Verständnis von ökonomischen Zusammenhängen auf internationaler Ebene zu entwickeln.
Dieser Grundidee verdankt das Buch seine besondere Struktur: zentrale Themenfelder der Volkswirtschaftslehre werden jeweils aus der Perspektive der Neoklassik, des Keynesianismus und der Politischen Ökonomie erläutert. Unter anderem werden Themen wie Staat, Gesellschaft, Wachstum und Krise, Verteilung und Geld mit diesem differenzierten, „multiparadigmatischen“ Zugang untersucht. Vor diesem Hintergrund werden auch immer wieder aktuelle Debatten beleuchtet, wie zum Beispiel jene um den Aufstieg der so genannten Schwellenländer oder die (europäische) Finanz- und Wirtschaftskrise.
Damit richtet sich das Buch an eine breite LeserInnenschaft sowie an unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und Zugänge, die sich nicht in erster Linie mit wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmen beschäftigen. Es regt seine LeserInnen dazu an, sich mit bestimmten ökonomischen Zusammenhängen vertiefend auseinanderzusetzen und diese aus den jeweiligen Perspektiven der ökonomischen Paradigmen zu betrachten.
Erklärungen im Wettbewerb
Auch zwischen den wissenschaftlichen Paradigmen fänden Machtkämpfe statt, erklärte Werner Raza. Der neoklassische Mainstream versuche seine Vorreiterrolle zu verteidigen und um ihn in seine Schranken zu weisen, brauche es starke alternative Ansätze. Wie wesentlich diese auch für die Erklärung gegenwärtiger Phänomene sind, wurde den Anwesenden am Beispiel der derzeitigen Krise der Euroländer verdeutlicht: Der Mainstream habe, so Raza, für diese Krise keine konkrete Erklärung zur Hand. Der Grund dafür sei schlicht und einfach, dass so etwas in seiner Theorie nicht „vorgesehen“ sei und wenn überhaupt, als vorübergehender Zustand hin zu einem neuen „Gleichgewicht“ betrachtet werde. Alternative Ansätze bieten hier oft mehr Aufklärung.
Darüber hinaus ist es den AutorInnen von „Ökonomie der Internationalen Entwicklung“ ein Anliegen, die Entstehung der verschiedenen Paradigmen in ihrem spezifischen historischen Kontext und als interessensbestimmt zu erklären. Das Buch will damit aufzeigen, dass in der Ökonomie stets geschaut werden müsse, wo eine Idee oder ein Paradigma herkomme. Deswegen sei es für die HerausgeberInnen wesentlich, die „klassischen“ ökonomischen Zugänge aufzuzeigen, um einer Kritik an diesen eine fundierte Basis zu geben und ihnen Alternativen gegenüberstellen zu können.
Der Mainstream und seine GegnerInnen
Wie werden nun mit diesen verschiedenen Zugängen Entwicklungsfragen diskutiert? Wie erklären sie internationale Entwicklungen und Machtstrukturen – auch und vor allem abseits des Mainstreams? Solche Fragen werden auch im Studium der Internationalen Entwicklung der Universität Wien aufgeworfen, weswegen der Sammelband für dieses einen besonderen Stellenwert einnehme, so Petra Dannecker. Denn das Buch mache deutlich, dass nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Disziplinen sehr unterschiedliche Ansätze existieren. Kritiken an dominierenden Paradigmen kämen oftmals aus den Reihen der eigenen Disziplin.
Wie facettenreich und vielfältig dieses Thema ist, zeigte sich in der abschließenden Diskussion mit dem Publikum. Neben Fragen zu gegenwärtigen ökonomischen Debatten und kritischen Bemerkungen zur gängigen Volkswirtschaftslehre an den Universitäten wurden auch Forderungen nach einem weiteren Buchband zur Vielseitigkeit der Ökonomie laut. So rege war die Diskussion, dass sie kaum ein Ende fand und bei Getränken und Snacks in informeller Runde noch lange fortgeführt wurde.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.