„Der Westen hat ein Problem“. So begann die Historikerin und Archäologin Naoíse Mac Sweeney mit der Präsentation ihres Buches „The West – A new History of an Old Idea“. Das Problem: Eine Identitätskrise. Früher habe es Gewissheit darüber gegeben, was der Westen ist. Heute werde diese Frage von rechten und rechtsextremen Diskursen dominiert, während das linke Lager einer Idee des Westens mit Wut und Beschämung entgegentritt. Dies müsse sich ändern. Es brauche eine neue Vision des Westens, basierend auf einer neuen Konzeption seiner Geschichte. Mac Sweeney präsentierte und diskutierte unter der Moderation von Christiane Schuster ihr Buch im C3, knapp zwei Wochen nach der österreichischen Nationalratswahl, in der die rechtsextreme FPÖ als Wahlsieger hervorging. Angesichts der aktuellen politischen Stimmung erscheint der Versuch, den Westen zu „reframen“, genauso spannend wie kontrovers.
Neue Perspektive durch neues Geschichtsverständnis.
Mit dem Westen verband man bis vor 15 Jahren, so Mac Sweeney, eine eindeutige geographische Ausrichtung, es war klar wer dazu gehörte und wer nicht und kulturelle Artefakte suggerierten gemeinsame soziale Praxen. Westliche Zivilisation bedeutete also eine imaginierte Entität, mit imaginierten kollektiven Wurzeln. Sweeney betont, dass diese Vorstellungen reale Auswirkungen haben, der Westen wurde sozusagen in die Existenz imaginiert. Dieses klare Bild sei in den letzten Jahren verschwommener geworden. Der Westen genieße keine Vorreiterstellung mehr in der globalen Hierarchie und das, was unter „westlicher Kultur“ verstanden wird, sei fragmentiert und auch in nicht-westlichen Regionen prävalent. Er habe außerdem kein Monopol mehr auf das demokratische System und im Westen selbst werde dieses unterminiert, sei dysfunktional und exkludierend. Mac Sweeney spricht von nicht vorhandenen Visionen des Westens seitens linker Politik und der sogenannten Mitte sowie von einer nicht funktionierenden Vision rechter Akteur*innen. Als Beispiel nennt sie die reaktionäre Bewegung basierend auf dem Slogan des wiedergewählten Präsidenten Donald Trump „Make America Great Again“ (dt.: Amerika wieder groß machen). Auch hier findet ein Rückbezug auf die „gute alte Zeit“ statt, eine Zeit vor dieser Visionslosigkeit, in der der Westen vermeintlich wusste, wofür er stand und auf diesen Werten basierend agierte.
Eine Aktualisierung des historischen Verständnisses des Westens soll eine neue Perspektive auf ihn ermöglichen. Sein Ursprung liege nicht in der griechisch-römischen Antike, sondern in ihrer nachträglichen Erfindung als eine gemeinsame kulturelle Herkunft der Europäischen Nationen und der von ihnen gegründeten Staaten. Die Idee des Westens als homogene Entität sei erst im 18. Jahrhundert etabliert worden, als rechtfertigendes Instrument zur Ausgrenzung und Abgrenzung von dem „Anderen“. Konsequenzen dessen waren Rassismus und klare Grenzziehungen. Die Regionen, die wir auch heute dem Westen zuordnen seien in Wahrheit jedoch nie abgeschottet, sondern im steten Austausch mit anderen, „östlichen“ Zivilisationen gewesen. In ihrem Buch arbeitet Mac Sweeney anhand der Biographien 14 historischer Figuren die unterschiedlichen Bezugspunkte dieser Ideen heraus. Die Auswahl dieser Personen sei, abgesehen von der Quellenverfügbarkeit, nach den Prinzipien der Diversität und einer alle Epochen abdeckenden Chronologie erfolgt. Am Ende der Buchvorstellung sprach die Autorin von der mit dem globalen Wandel einhergehenden Angst vor dem Fremden und den sich daraus speisenden Phänomenen des Protektionismus und der Isolierung. „Wir müssen keine Angst haben“, sagte Mac Sweeney: „Wir können den Westen neu denken, sodass er zu der neuen globalen Realität passt“. Dazu müssten wir nur mutig genug sein. Sie fragt: „Was will der Westen sein? Was für einen Westen wollen wir?“.
Ein Westen für alle?
Auf die Nachfrage nach der ursprünglichen Idee für ihr Buch antwortete Mac Sweeney mit einer Anekdote: Sie saß zum Arbeiten in der Library of Congress in Washington und blickte auf 16 Bronzestatuen von ehrwürdigen Männern, die die westliche Zivilisation repräsentieren sollten. Mac Sweeney fühlte sich hier als Frau mit chinesischen Wurzeln nicht repräsentiert. Trotzdem bestand sie darauf, ein Teil dessen zu sein. Ihr Buch sei also eine an die Aufreihung dieser Statuen angelehnte Neuerzählung des Westens. Hier drängt sich jedoch die Frage auf: Warum ein Teil von einem Konzept sein wollen, dessen ganze Entstehungsgeschichte auf der Exklusion der eigenen Identität beruht? Die Antwort hierauf erscheint simpel: Wenn wir (das „wir“ bedeutet in diesem Zusammenhang all jene, die subalterne Stimmen des Westens in seine Vorstellung inkludieren wollen) den Westen nicht beanspruchen, werden andere es für uns tun. Schließe man sich als subalterne Identität aus dem Diskurs aus, würden man den Rassist*innen rechtgeben. Ausgeschlossene Identitäten würden in der Weiterentwicklung des Begriffs verloren gehen oder von hegemonialen Akteur*innen missbräuchlich angeeignet werden. Dies scheint schlüssig, jedoch wurde im Rahmen der anschließenden Diskussion ein berechtigter Einwand geäußert: Könnte die diskursive Bezugnahme und die Weiterentwicklung einer Idee des Westens seinen imperialistischen Kern nicht zusätzlich stärken? Nicht nur hierauf blieb eine eindeutige Antwort aus, sondern auch auf Überlegungen zu Othering (die affirmierende Hervorhebung des Selbst und der damit verbundenen bewertenden Abgrenzung gegenüber anderen Personen oder Gruppen). Dieses werde auch in Zukunft immer passieren, so Mac Sweeney, jedoch sollte es nicht mehr negativ besetzt sein. Wie das möglich sein könnte, blieb offen.
Ein Konstrukt gegen ein Konstrukt?
Auch wenn es Mac Sweeneys Ansätzen mitunter an Konkretheit fehlt, lässt sich ihr prinzipieller Vorschlag folgendermaßen zusammenfassen: Die Ideengeschichte des Westens gilt es nachzuvollziehen und zu widerlegen, sowie ihn anschließend in seiner Mehrstimmigkeit und Widersprüchlichkeit neu festzumachen. So nennt sie Irland als Beispiel für eine plurale, konfliktbehaftete und ambivalente Identität. Hier stehen für mich jedoch zwei Ideen miteinander im Konflikt: der Westen als selbstweckdienliches Konstrukt und der Westen als Instrument gegen dieses Konstrukt. Mac Sweeney betont, dass das, was wir heute unter dem Westen verstehen, real gewordene Imagination ist. Seine ganze, begriffliche, aber auch materielle Existenz basiere also auf seiner eigenen Konzeptualisierung. Den Westen gibt es nur, um etwas darzustellen, von dessen Auswirkungen bestimmte Akteur*innen profitieren. Es scheint daher problematisch, ihm etwas innerhalb seiner eigenen Konstruktion entgegenzuhalten, was nicht einem Zugeständnis ähnelt. Ein Einwurf in der Diskussion bezog sich außerdem auf die Heterogenität bezüglich der Relevanz und des Gebrauchs des Begriffs Westen. Das von Mac Sweeney präsentierte, historisch entwickelte Konzept erscheine als ein sehr elitäres, urbanes und anglozentrisches, mit dem beispielsweise ländliche Regionen in Österreich wenig anfangen könnten. Was bedeutet also dieser allen übergestülpte Terminus für die lokale Kultur und was würde seine subversive Aneignung heißen? Mac Sweeney antwortete hierauf, dass Kultur sich immer in einem Veränderungsprozess befände.
Es verhält sich wahrscheinlich wie mit allen Konzepten, die es zu dekonstruieren gilt. Sollen sie negiert bzw. ersetzt werden, wenn sie bereits gesellschaftlich etabliert und für bestimmte Interessen instrumentalisiert werden? Mac Sweeneys Antwort hierauf ist ein eindeutiges „Nein“! Der Westen müsse neu definiert, neu imaginiert und die Deutungshoheit über den Begriff den Händen jener herrschenden Klassen entzogen werden, die ihn zur Rechtfertigung von Ausgrenzung und Rassismus etablieren wollen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Muriel Polat.