Am 13. Juni 2012 wurde im C3-Centrum für Internationale Entwicklung eine Studie des EntwicklungsForschungsNetzwerkes (EuFoNet) präsentiert. In pionierhafter Weise leistet diese möglicherweise einen Beitrag zur Vernetzung und stärkeren Zusammenarbeit von ForscherInnen und PraktikerInnen im vielfältigen Bereich der Entwicklung.
Entwicklung als Feld Mut zum Blick über den Tellerrand
Über Entwicklung wird viel und in unterschiedlichsten Disziplinen geforscht. Für Entwicklung wird Arbeit geleistet, sei es in Österreich oder vor Ort in den Ländern des Südens. Ein großes Feld tut sich auf, in dem verschiedene Disziplinen und unzählige engagierte Menschen zusammenkommen und in dem trotzdem noch viel zu oft jedeR sein eigenes Süppchen kocht.
Daher wurde das EnFoNet ins Leben gerufen um die Kommunikation über Disziplinen hinweg und die Zusammenarbeit zwischen Praxis und Theorie zu erleichtern. Die AkteurInnen sollen durch den Aufbau von Wissensallianzen von den Erfahrungen und Erkenntnissen ihrer KollegInnen profitieren und von einem gemeinsamen Wissenspool schöpfen können. Matthias Schlögl von der Kommission für Entwicklungsfragen (KEF) und Nina Witjes von der ÖFSE stellten die Studie und dessen Ergebnisse vor.
Fragebögen und Interviews
In einem ersten Schritt wurden anhand von Kontaktlisten der ÖFSE, der KEF und vom Austrian Partnership Programme in Higher Education and Research for Development (appear) 549 AkteurInnen ermittelt, die dem Forschungsteam im österreichischen Feld der Entwicklung relevant erschienen. An diese wurde ein Fragebogen ausgesendet. Für die Durchführung von ExpertInneninterviews galt es, zehn geeignete GesprächspartnerInnen aus Forschung und Praxis zu finden. Man wählte diejenigen aus, die für ihr Engagement bekannt sind, wenn es darum geht, eine verstärkte Zusammenarbeit und einen Dialog zwischen Forschung und Praxis anzustreben. Somit waren dies Personen, die aufgrund ihrer Brückenfunktion aus der Perspektive beider Seiten zu berichten wussten.
In beiden Verfahren wurden Fragen bezüglich Haltungen zur eigenen Tätigkeit, zum Selbstbild, zu verschiedenen Begrifflichkeiten wie Interdisziplinarität usw. gestellt.
Ergebnisse und Schlussfolgerungen
Zwar sei es für alle Befragten schwierig, eine gemeinsame Basis oder Definition für Entwicklungsforschung zu finden. Dass es sich dabei um ein normatives Feld handelt, in dem Transdisziplinarität gefragt ist, darüber gab es große Übereinstimmung. Durch diese Normativität sei die Forschung aber auch sui generis mit der Praxis verbunden. Die Zusammenarbeit scheitert oft an Desinteresse, Zeitaufwand, aber auch an der Befürchtung, die eigene Arbeit würde durch gegenseitige Bevormundung untergraben. Entwicklungsforschung kann aber nicht als Disziplin verstanden, sondern muss als Theorie-Praxis-Feld akzeptiert werden. Die Annahme zu Beginn der Studie, Entwicklungsforschung fokussiere die Lösung realer Probleme und arbeite interdisziplinär, konnte jedoch nicht bestätigt werden. Diese Eigenschaften erfülle sie weit weniger als angenommen.
Wer arbeitet mit wem? ein Netzwerk gibt Antwort
In einem dritten Verfahren wurde versucht, mittels einer Netzwerkanalyse Kooperationen von ForscherInnen aufgrund gemeinsamer Publikationen sichtbar zu machen. Mittels Daten aus dem Katalog des Österreichischen Bibliothekenverbunds (OBV) wurde ein komplex anmutendes Gebilde aus vielen Knoten und Verbindungslinien erstellt. Ohne auf inhaltliche Kriterien der Publikationen einzugehen, soll dieses Netzwerk die Zusammenarbeit zwischen ForscherInnen, Institutionen und Disziplinen aufzeigen. JedeR ForscherIn könne nun eine Art Profil anlegen, die es Interessierten ermöglicht, per Mausklick deren Kooperationen und Forschungstätigkeit zu verfolgen. Das Netzwerk solle, so Matthias Schlögl, keineswegs als vollendet gesehen werden, sondern diene lediglich dem Startschuss für eine mögliche Allianz.
Das Netzwerk bestätigt, was viele bereits wussten: Gemeinsame Publikationstätigkeit ist stark nach Institutionen geclustert, Kooperation bleibt also oft intern. MancheN BeobachterIn mögen die marginale Stellung der Universität für Bodenkultur und die zentrale Position des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung verwirren. Das habe laut Schlögl mit dem wahrscheinlich größten Schwachpunkt der Methode zu tun: Die Erstauswahl der AkteurInnen sowie die Wahl des OBV-Katalogs mache diese sehr subjektiv und habe zweifelsohne die Ergebnisse beeinflusst. Brückenfunktionen zwischen den Institutionen des Zentrums und jenen der Peripherie nehmen übrigens sowohl Institute für Raum- und Stadtplanung als auch PolitikwissenschaftlerInnen ein.
„Gemeinsam sind wir stark“
Nach der sehr dichten Präsentation der Studie gab es die Möglichkeit, mit den Gästen am Podium zu diskutieren. Kritische Stimmen aus dem Publikum standen der Studie aufgrund wenig neuer Ergebnisse und der Möglichkeit, die österreichische Szene auch ohne eine derartige Netzwerkanalyse überblicken zu können, wenig Potential zu. Diese Einwände wurden unter anderem von Petra Dannecker von der Universität Wien zurückgewiesen. Erstmals stünde uns empirisches Material über Wünsche und Haltungen von AkteurInnen in der Entwicklungsforschung zur Verfügung. Das sei für sie eine große Errungenschaft.
Andreas Obrecht von der KEF sieht in der Studie außerdem eine gute Basis, eine übergreifende und intensive Zusammenarbeit weiter voranzutreiben. Harald Nödl von der MedUni Wien sprach sich vor allem für ein gemeinsames Auftreten aller AkteurInnen in der Öffentlichkeit aus. Durch eine Allianz würde die Entwicklungsforschung stärker erscheinen und vielleicht auch eine größere Wertschätzung in der Gesellschaft und in der Politik erfahren. Um dem allen gerecht zu werden, brauche es wie die Netzwerkanalyse erstmals sichtbar macht in erster Linie Kooperation mit den „Rändern“, so Werner Raza von der ÖFSE. Breitere Vernetzung und stärkere Zusammenarbeit mit interdisziplinärem Anspruch so lautet (nach wie vor) das Gebot der Stunde für eine zukünftige gut aufgestellte Entwicklungsforschung in Österreich.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Die Studie zum Nachlesen: https://www.oefse.at/Downloads/publikationen/editionen/Edition18_web.pdf