Entwicklung(sforschung) so richtig unsexy und un-queer? Zum Verhältnis von Körpern, Sexualität, Begehren und Entwicklung sprach Hanna Hacker im Rahmen der Präsentation ihres neuen Buches, Karin Rick las daraus. Gemeinsam legten sie eine durchaus lustvolle Performance hin.
Queer Entwickeln. Feministische und postkoloniale Analysen, so heißt das kürzlich im Mandelbaum Verlag erschienene Buch von Hanna Hacker, Professorin am Institut für Internationale Entwicklung. Dieses wurde am 20. Juni 2012 in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik vorgestellt. VeranstalterInnen waren die Frauensolidarität zusammen mit dem Institut für Internationale Entwicklung.
Der Abend gestaltete sich als ein gelungenes Hin-und-Her zwischen Hacker und Rick. Sie hätte Karin Rick, Wiener Schriftstellerin und Übersetzerin, für die Buchvorstellung ausgewählt, da sie ähnliche Fragestellungen verfolge wie sie selbst, erklärte Hacker: Körper und weibliche Lust, sowie Fragen, wie frau darüber schreiben könne; nur mit dem Unterschied, dass in der Wissenschaft keine sexyness gefragt sei, in literarischem Schreiben jedoch schon. Dennoch übe sich Hacker darin, den starren, trockenen wissenschaftlichen Habitus zu brechen, die Grenzen zwischen literarischem und anständigem wissenschaftlichen Schreiben teilweise zu überwinden. Rick lobte gerade Hackers poetischen Stil und ihre lustvolle Lebendigkeit, die über die Jahre zu einem unverwechselbaren Hanna Hacker-Stil geführt hätten.
Feministische und postkoloniale Ansätze zu Entwicklung keine Normalität
Der Titel Queer Entwickeln habe zwei Bedeutungen, eröffnete Hacker die Präsentation ihres Buches. Einerseits beziehe er sich auf das Vorhaben, Fragen normativer Sexualitäten und Körperkonstruktionen hinsichtlich bestehender Entwicklungskonzepte zu thematisieren. Andererseits wolle sie queere Theorie- und Praxiskonzepte mit entwicklungskritischen Ansätzen vertraut machen. Theoretisch orientiere sie sich an Konzepten aus den feministischen, queeren und postkolonialen Theorien, sowie aus den Critical Whiteness Studies, Border Studies und der Kritischen Geografie alles Ansätze, die auch innerhalb kritischer Entwicklungsforschung noch keineswegs verbreitet seien.
Die zusammengestellten Texte teilweise bereits veröffentlichte, teilweise auch Neuerscheinungen hätten drei Themen gemein: transkulturelle Gewalt, transkulturelles Wissen und transkulturelle Sehnsüchte vor der Folie globalisierter Machtverhältnisse. Weiters sei das Buch in drei analytische Fokusse unterteilt. Der Erste befasse sich mit dem Mythos des kulturellen Erstkontakts. Im zweiten Teil gehe es um Fragen von Begehren in der Herstellung internationaler Machtasymmetrien. Der Dritte thematisiere Historiographie und Utopie. Geschichtsschreibung würde auf Zentrismuskritik hin gelesen. Dabei ginge es vor allem darum, wie Frauenbewegungen ohne Zentrum geschrieben werden könnten.
Ausschlaggebend für die Entstehung des Buches seien Hackers Erfahrungen als Entwicklungshelferin, vor allem in Kamerun, teilweise in Burkina Faso, von 1999 bis 2011 gewesen. Weitere wichtige Inspirationsquellen waren 2003/04 ein Forschungsaufenthalt in Südafrika und ein Forschungsprojekt zu neuen Medien und Entwicklung.
Die Macht der Bilder
Ricks Lesung aus dem Buch fing mit Bildbeispielen an. Die Installation Scramble for Africa des britisch-nigerianischen Künstlers Yinka Shonibare zeigt, angelehnt an die gewaltvolle Aufteilung Afrikas im Rahmen der Berliner Konferenz 1884/85, vierzehn, als schwarz und männlich wahrgenommene, kopflose Regierungsoberhäupter. Queere Lesearten würden Fragen der Verschränkung von Imperialismus und Geschlechterdefinitionen eröffnen, so Hacker. In Storyboard, einer Multimedia-Arbeit von Andrée Korpys und Markus Löffler, werden machtvolle Gebäude in der globalisierten Metropole, wie das Pentagon oder das World Trade Centre, als reich bestückt mit Mythen dargestellt. Dem gegenüber erscheint das Zentrum in where earth meets sky der deutschen Künstlerin Saskia Draxler leer. In Zeiten digitaler Produktionsverhältnisse bestehe sogar die Gefahr, Bilder und damit Geschichten verschwinden zu lassen. Alfredo Jaars Lament of the Images stellt ein solches Verschwinden mit einem white cube dar, in dem nichts zu sehen ist.
Schreiben als Körperpraxis
Autobiographien von EntwicklungsakteurInnen zu kritisieren, sei einfach: Da gehe es um Sex&Crime, Selbstlosigkeit und immer wieder Hexerei. Die eigenen Positionen kritisch unter die Lupe zu nehmen, sei um einiges schwieriger. Daher enthält das Buch auch Ausschnitte selbst verfasster Briefe während Hackers Zeit als Entwicklungshelferin. Ob bei der Thematisierung pissender Männer am Straßenrand oder bei der Beschreibung einer alten schwarzen Frau im Flugzeug die eigene Körperlichkeit und die der Anderen tauchen immer wieder auf. Das Schreiben im Sinne einer Körperpraxis eröffnet somit laut Hacker das Einschreiben körperlicher Erfahrungen in die jeweiligen Texte.
K/eine queere Professorin Fantasie, Imagination oder Alptraum?
In einem Kapitel setzt sich Hacker autoethnographisch mit dem Verhältnis zwischen Universität, development industry und Ich das queere, lesbische, Femme-identifizierte, feministische Ich auseinander. Im Sinne eines Selbst-Othering spricht sie dabei abwechselnd von ich, du oder sie, um eine Distanz zu sich selbst zu gewinnen und dadurch die eigenen Theorien und Praktiken hinterfragen zu können. So las Rick eine Passage über eine Situation beim Rektor vor: Auf einem Fouteuil, der ihrem Weg im Weg steht und dies auch soll, sitzt die, deren Ruf sie selbst geformt hat. Eine Subversive, eine Radikale, eine squatting teacher, eine Dissidentin, eine Lesbe, eine Männerfeindin, eine queere Terroristin […] das spricht er nicht aus. Nur einer vieler Anlässe kritischen Schmunzelns und ungezwungenen Lachens an diesem Abend.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.