Bourdieu in der Schule: Das schmerzhafte Infragestellen lieb gewonnener Selbstverständlichkeiten

So breit die Arbeiten des französischen Soziologen Pierre Bourdieu zum Bildungswesen in der Ungleichheitsforschung rezipiert werden, so wenig wird er in den Schulen selbst wahrgenommen. Das sei einerseits verständlich, befinden die AutorInnen des Schulheftes Nr. 142 mit dem Titel Wie Bourdieu in die Schule kommt. Analysen zu Ungleichheit und Herrschaft im Bildungswesen, da Bourdieu viele Selbstverständlichkeiten im pädagogischen Betrieb als Illusionen entlarvt. Gleichzeitig sei es auch schade, da in seiner Analyse der Kern für (wichtige) Veränderungen steckt.Prügel- und Karzerstrafen, militärischer Drill und die bedingungslose Unterordnung der SchülerInnen sind mittlerweile Geschichte. Doch sind unsere Schulen deswegen schon herrschaftsfreie Räume, in den nur die pädagogische Vernunft waltet?

Es gehört wohl zum Selbstverständnis der meisten LehrerInnen an Österreichs Schulen, dass sie mit ihrer Arbeit zum Wohl der SchülerInnen beitragen und nur nach bestem pädagogischen Wissen und Gewissen vorgehen. Auch in der Pädagogik als Wissenschaft ist die Ansicht verbreitet, dass es rein pädagogische Kriterien zur Organisation einer guten Schule gibt, die nichts mit den politischen Schlammschlachten im Bildungsbereich zu tun haben. Fragen zu struktureller Bevorzugung von Kindern bestimmter Herkunft, zu Herrschaft oder gar Ideologie werden in diesem Zusammenhang meist unter Verweis auf die objektive Leistungsbewertung entrüstet abgewiesen.

Aufrechterhalten von Illusionen

Warum sich weder die Pädagogik (als Wissenschaft) noch die PädagogInnen einen Gefallen damit tun, die Illusion einer interessenslosen, auf Chancengleichheit ausgerichteten Bildung aufrechtzuerhalten, ist Thema des Schulhefts 142. Das gemeinsame Anliegen aller darin versammelten Artikel ist ganz in der Tradition von Pierre Bourdieu das Aufzeigen der vielfältigen Illusionen, die die Diskussionen über Schule und Bildung beherrschen und den Blick auf viele interessante Zusammenhänge verstellen:

Die interessenslose Pädagogik? Verstrickt in gesellschaftliche Reproduktions- und Herrschaftszusammenhänge. Chancengleichheit und Neutralität der Leistungskriterien? Ein Mythos, der unter anderem ignoriert, dass unser Bildungssystem auf die Habitusformen der kulturellen Mittel- und Oberschicht zugeschnitten ist und damit Kinder aus diesem Milieu bevorzugt. Bildung als rein geistige Aktivität? Abstrahiert von den psychischen, physischen und sozialen Bedingungen von Lernprozessen. Vermittlung der richtigen Werte und Inhalte? Ignoriert, dass Lehrpläne das Ergebnis eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses und damit im weiteren Sinn willkürlich sind.

Es verwundere nicht, wenn angesichts dieses fundamentalen Angriffs auf ihr Selbstverständnis die bourdieusche Perspektive bei vielen LehrerInnen auf Widerstand stößt, schließt Eckard Liebau seinen Einleitungsartikel Was Pädagogen an Bourdieu stört.

Das Bildungssystem produziert unbegabte Kinder

Dass Gewalt und Herrschaft auch ohne Rohrstaberl weiterhin Teil des schulischen Alltags sind, zeigt Ingolf Erler in seinem Beitrag über symbolische Herrschaft: Phänomene wie Lerndefizite, bildungsferne Eltern und (un-)begabte Kinder existieren demnach nicht per se, sondern werden im und durch das Differenzen sanktionierende Bildungssystem mit seiner institutionellen Definitionsmacht über legitimes Wissen und legitime Kultur überhaupt erst produziert. Die Beiträge von Uwe Bittlingmayer und Erna Nairz-Wirth führen aus, welche Konsequenzen z.B. mit den Bezeichnungen funktionaleR AnalphabetIn und SchulabbrecherIn verbunden sind.

Je nachdem, wie nah oder fern dieser legitimen Kultur ein Kind aufgewachsen ist, wie gut sein Habitus auf die Erwartungen des Bildungssystems passt, stehen auch seine Chancen auf Erfolg. Rahel Jünger führt in ihrem Artikel vier Bereiche an, wo dies deutlich wird: In der Kenntnis und dem Umgang mit Regeln; im Umgang mit Konflikten; in Sprachkompetenzen, Allgemeinwissen und Lernmöglichkeiten sowie in der Fähigkeit, Lernprozesse zu planen, zu steuern und zu kontrollieren. Da all dies im Schulbetrieb in gewissem Ausmaß vorausgesetzt wird, werden nichtprivilegierte Kinder systematisch benachteiligt.

Benachteiligung auf allen Ebenen

Ähnlich auch die Argumentation von Thomas Alkemeyer, der kritisiert, dass Sprache und Schriftlichkeit im Schulwesen überbetont und gleichzeitig Körperlichkeit vernachlässigt werden. Dies führt zu einer Abwertung konkreter Kenntnisse und praktischer Intelligenz. Benachteiligungen auf allen Ebenen des österreichischen Bildungswesens entlang der Merkmale Geschlecht, soziale Herkunft, regionale Herkunft und Migrationshintergrund zeigen sich auch in zentralen Studien und Indikatoren, wie Simone Breit und Claudia Schreiner in ihrem Artikel darlegen.

Zwei Beiträge widmen sich explizit der Gruppe der LehrerInnen. Viktoria Laimbauer geht der bisher noch wenig beforschten Frage nach deren sozialen Herkunft nach, während sich Brigitte Leimstättner mit der Rolle der LehrerInnen im sozialen Feld der Schule beschäftigt. Für sie kommt den LehrerInnen eine zentrale Rolle in der gesellschaftlichen Reproduktion zu, der sie sich aufgrund der Beharrungstendenz im System Schule auch kaum entziehen können.

Desillusionierung für den Neuanfang

Das Buch will jedoch nicht bei der schmerzlichen Desillusionierung stehen bleiben und verzweifelte PädagogInnen hinterlassen, die ihren Beruf an den Nagel hängen. Die derzeitigen Verhältnisse im Schulwesen zu akzeptieren heißt auch, realistischer zu werden und die Veränderungsmöglichkeiten besser einschätzen zu können. Und so sind alle Artikel mit Hinweisen durchsetzt, wie man diesem oder jenem Mechanismus entgegnen, sich der einen oder anderen Reproduktionslogik entziehen kann. Dass eine gewisse Durchlässigkeit immer noch vorhanden ist, zeigt nicht zuletzt der Artikel von Elisabeth Rieser über die Bildungsentscheidungen von Frauen aus bildungsfernen Schichten, die es allen statistischen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz auf die Universität geschafft haben.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Ungleiche Vielfalt“ des Paulo Freire Zentrums.

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Erler, Ingolf / Laimbauer, Viktoria / Sertl, Michael (Hg.): Schulheft 142. Wie Bourdieu in die Schule kommt. Analysen zu Ungleichheit und Herrschaft im Bildungswesen. Wien 2011: StudienVerlag. ISBN: 978-3-7065-5039-0

https://www.schulheft.at/hefte/hefte-113-142/142-wie-bourdieu-in-die-schule-kommt/ 

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