Buchrezension „Dekolonisiert Selfcare“ von Alyson Spurgas und Zoë Meleo-Erwin.

Achtsame Intimität, Kakaozeremonien und Yoga diversester Varianten – immer lauter werden die Stimmen indigener Gemeinschaften zur Dekolonisierung dieser mittlerweile in vielen Kontexten verwestlichten und kolonial angeeigneten Praktiken. Was bedeutet es, dekolonial zu leben und wie können wir den Prozess in uns festigen und danach aktiv leben? Das Buch „Dekolonisiert Selfcare“ von Alyson Spurgas und Zoë Meleo-Erwin aus dem Jahr 2024 beleuchtet kritisch die modernen Praktiken der Selfcare (dt. Selbstfürsorge). Es verdeutlicht, dass Selfcare-Tipps durch ihren Fokus auf individuelle Lösungen für systemische Probleme einen uneingeschränkten Individualismus fördern und so zur Festigung bestehender Machtstrukturen sowie zur Aufrechterhaltung sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten beitragen (S. 11). Gerade diese Machtstrukturen sind tief verwurzelt in intersektionalen Formen der Unterdrückung, darunter weißer Vorherrschaft, Nationalismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie und Ableismus, die durch den Kapitalismus verstärkt wurden.

Interner vs. externer Kolonialismus.

Um die Leser*innen an den Begriff Dekolonisierung, wie er im Buch gebräuchlich ist, heranzuführen, wird zuerst zwischen externem und internem Kolonialismus unterschieden, da diese unterschiedlichen Dimensionen die Ausgangspunkte für Dekolonialitätsbestrebungen bilden. Im externen Kolonialismus werden indigene Ressourcen ausgebeutet, was der jeweiligen Kolonialmacht Wohlstand und Macht verschafft (S. 12). Interner Kolonialismus umfasst dagegen „Mechanismen zur Kontrolle und Unterwerfung von Menschen, Land und Tieren“ (S. 12) innerhalb einer kolonisierten Gesellschaft. Deshalb fordert und erfordert Dekolonisierung eine „intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung mit der ökologischen Zerstörung und dem menschlichen Leid“ (S. 13), die durch das Streben nach Profit und Macht im Kolonialismus herbeigeführt wurden. Notwendig sind zusätzlich „eine Neudefinition und Umverteilung von Vermögen und Land als Ausgangspunkt für eine konkrete Entschädigung“ sowie ein „radikale[s] Umdenken und Umgestalten sozialer Beziehungen und gesellschaftlicher Institutionen zur Förderung des Gemeinwohls“ (S. 13). In der Folge bedeutet dies, sich kritisch mit der eigenen Position und dem Weißsein auseinanderzusetzen, denn dadurch wird Macht und Besitz reproduziert. Weißsein meint in diesem Kontext eine privilegierte soziale Position, die historisch mit Macht und Vorherrschaft verbunden ist und die es erfordert, kritisch über die eigene Rolle und die damit einhergehenden unbewussten Privilegien nachzudenken, um deren ungewollte Reproduktion zu vermeiden.

Selbstfürsorge als emanzipatorische Praxis oder nur neue Rhetorik?

Dekolonisierung wird als ein fortlaufender Prozess beschrieben, „der bestehende Machtsysteme bloßlegen und verschiedene Möglichkeiten des in-der-Welt-Seins erschließen soll“ (S. 14). Die afroamerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde betrachtete Selbstfürsorge als einen tiefgreifend politischen Akt, der das Potenzial hatte, die Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Die eigene Selbstakzeptanz und das „um-sich-selbst-kümmern“ sei deshalb eine Form von Widerstand. Laut Spurgas und Meleo-Erwin sollten Individuen marginalisierter Gemeinschaften Selbstfürsorge betreiben, „um gesund zu werden“ und „den Kampf für soziale Gerechtigkeit fortsetzen [zu] können“ (S. 19). Gesund zu werden bezieht sich in dieser Beziehung nicht nur auf die Abwesenheit von Krankheit, sondern beinhaltet ein tiefes Verständnis von Selbstakzeptanz, Selbstliebe und Ganzheit. Gesundwerden ist deshalb ein umfänglicher Prozess, der Körper, Geist und Seele umfasst und der auch die Gemeinschaft und den sozialen Kontext berücksichtigt.

Die heutige Vorstellung von Selbstfürsorge hat sich jedoch stark von ihrem ursprünglichen Konzept entfernt, bei dem es darum ging, „strukturelle Ungleichheit als Hauptursache für Gesundheitsprobleme“ (S. 26) zu erkennen. Im Kontext emanzipatorischer Bewegungen wurde Selbstfürsorge als ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Wandels gesehen, der sogar revolutionäre Veränderungen vorantreiben konnte. Die moderne Selfcare-Branche verknüpft Selbstfürsorge oft mit privilegierter, weißer, cis-Weiblichkeit (und auch Männlichkeit) und nutzt diesen Zusammenhang „für die Vermarktung ihrer Produkte“ (S. 26). Im Hinblick auf den US-amerikanischen Kontext kritisieren Spurgas und Meleo-Erwin, dass neoliberale Regierungen freie Märkte und eine Einschränkung staatlicher Interventionen unterstützten, während von sozialen Fördermaßnahmen in der Vergangenheit hauptsächlich weiße Bevölkerungsgruppen profitierten. Diese waren jedoch tendenziell weniger von Kürzungen der Sozialleistungen, Abschaffung oder Abschwächung staatlicher Regulierung und Steuersenkungen betroffen (S. 32).

Spurgas und Meleo-Erwin führen in diesem Zusammenhang den Begriff Healthism ein. Dieser beschreibt die Vorstellung, dass jede:r Einzelne für die eigene Gesundheit verantwortlich ist, wobei mangelnde Selbstfürsorge als Faulheit und Unverantwortlichkeit gewertet wird (S. 37). Diese Perspektive ignoriert jedoch kollektive Aspekte und trägt dazu bei, den Teufelskreis aktueller Krisen weiter zu spinnen. Dekolonialität wird als eine Praxis verstanden, die darauf abzielt, diese Ungleichheiten aktiv zu hinterfragen und zu überwinden. Im 20. Jahrhundert, insbesondere während des US-amerikanischen Wirtschaftsaufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg, führte die Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre zu jener geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die unsere Welt bis heute prägt: Die öffentliche Sphäre wurde zur Domäne der Männer, während Frauen auf den privaten Bereich beschränkt blieben (S. 46).

Delegieren und delegiert werden: Ein zweischneidiges Messer.

Weiße Frauen aus der Mittelschicht übernahmen oft die Rolle der Managerinnen in ihren Haushalten, indem sie Aufgaben organisierten und verteilten. Währenddessen wurden die schweren und anstrengenden Arbeiten von Frauen aus ärmeren Verhältnissen, Arbeiterinnen, Migrantinnen und Frauen of Color erledigt. Programme, die Selbstfürsorge mit Achtsamkeit, sexueller Lust und Optimierung verbanden, wurden als Lösung für die „überreizte Frau von heute“ beworben (S. 58). Historisch gesehen wurde das Bild der „weiblichen“ Rolle oft mit „weißen Frauen assoziiert, die meist als sexuell rezeptiv oder passiv dargestellt wurden“ (S. 61). Im Gegensatz dazu wurden Frauen of Color häufig entweder als asexuell oder als übersexualisiert angesehen. Diese ungleiche Darstellung reflektiert tief verwurzelte gesellschaftliche Vorurteile und verstärkt stereotype Vorstellungen über Geschlecht und Sexualität.

Gesundheit und Wohlbefinden des Individuums seien immer mit der Gesundheit und dem Wohlbefinden anderer verknüpft. Achtsamkeitsbestrebungen würden jedoch die Bemühungen, Unterdrückung und systemische Gewalt zu überwinden, sabotieren, sofern sie nicht von Menschen aus unterdrückten Gemeinschaften durchgeführt würden (S. 75). Ein Beispiel dafür ist das in westlichen Gesellschaften viel praktizierte Yoga, das durch die Verwestlichung und Kommerzialisierung ein zweites Mal kolonisiert würde. Die Autorinnen stellen deshalb die Forderung auf: Praktizierende könnten eine erneute Kolonisierung verhindern, indem sie Yoga wirklich erforschen, erlernen und die richtigen kulturellen Bezüge herstellen (S. 76).

Was also tun?

Frauen und PoC (People of Color, dt. etwa nicht-weiße Menschen) wird ihr Schmerz oft nicht geglaubt, doch bei der Dekolonisierung sei der Prozess ebenso wichtig wie das Ziel. Eine dekoloniale Version der Fürsorge muss kollektivistisch sein und von Schwarzen und indigenen Menschen geleitet werden – und nicht nur einem lukrativen und von wohlhabenden weißen cis Menschen dominierten Markt dienen (S. 172). Arbeit darf nicht nur wirtschaftlichem Erfolg, sondern muss der Gerechtigkeit zugutekommen, zum Beispiel durch vergünstigte oder kostenlose Waren und Dienstleistungen für PoC, fordern die Autorinnen. Engagement in Kollektiven, die sich für soziale Gerechtigkeit und die Rechte Schwarzer und indigener Menschen einsetzen, sollte ein entscheidender Teil von Selbstfürsorge sein, ebenso wie die Beteiligung an antikapitalistischen und antirassistischen Protesten. (S. 184).

Selbstfürsorge als Widerstand.

Abschließend geben Spurgas und Meleo-Erwin Tipps für einen erfolgreichen Dekolonisierungsprozess, wie etwa den Aufbau von Fürsorgenetzwerken und Kollektiven, um eine tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft zu erreichen. Die Förderung kollektiver Emanzipation durch Bildung und insbesondere Bewusstseinsbildung ist auch zentral für die freireanische Befreiungspädagogik, weil sie einen Weg aufzeigt, wie individuelle und kollektive Selbstbefreiung durch kritische Reflexion von und Aktion gegen Ungerechtigkeit erreicht werden kann. Freires Ansatz, der die Unterdrückten dazu ermutigt, ihre Stimme zu finden und sich gegen koloniale Strukturen zu erheben, könnte als Grundlage dienen, um Selbstfürsorge wieder als einen politischen Akt zu verstehen, der nicht nur individuelle Heilung fördert, sondern auch zur Umgestaltung sozialer Beziehungen und zur Überwindung von Unterdrückung beiträgt. Diese Verbindung könnte einen Teil dazu beitragen, Selfcare-Praktiken zu dekolonisieren und sie zu einer Plattform für soziale Gerechtigkeit und kollektive Befreiung zu machen.

„Dekolonisiert Selfcare“ ist ein kompaktes Buch für diejenigen, die sich mit alltäglichen Dekolonisierungsbestrebungen auseinandersetzen und sich selbst aus einer neuen Perspektive kritisch hinterfragen möchten. Die Autorinnen schaffen den Spagat zwischen eindringlichen Forderungen der Selbst- und Gesellschaftsreflexion und unterhaltsamer, anspruchsvoller Fachliteratur. Damit ist die Lektüre nicht nur ein wunderbarer Einstieg in die praktische Dekolonisierungsdebatte, sondern vielmehr auch ein Startpunkt eines Dekolonisierungsprozesses, womit wir wieder am Anfang der Rezension und gleichzeitig mittendrin im Buch wären.

 

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Bibliographische Informationen:

Spurgas, Alison K., & Meleo-Erwin, Zoë C. Dekolonisiert Selfcare. Hamburg, Edition Nautilus, 2024.
Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Buchrezensionen, Genderungerechtigkeit.