An die 100 interessierte ZuhörerInnen fanden sich in der Aula am Campus der Universität Wien zusammen, um den Eröffnungsvorträgen der Tagung des Institutes für Internationale Entwicklung (IE) am Freitag, 28. Oktober 2011, zu lauschen.Die Entwicklungsforscherin Uma Kothari von der Manchester University sowie Joseph Hodge von der West Virginia University in Morgantown halfen, das IE-Studium in seinen internationalen Kontext zu setzen. Die Unterschiedlichkeit ihrer Zugänge zu Entwicklungsforschung zeigte aber auch, dass Internationale Entwicklung ein breites und kontradiktorisches Feld ist.
Eingeleitet wurde die Konferenz von Institutsleiterin Petra Dannecker. Sie berichtete von der komplexen Genese des IE-Studiums und stellte Fragen an die ungewisse Zukunft. Der Studiengang sei nicht nur bei österreichischen Studierenden besonders beliebt, sondern wiese auch eine Quote von 35% ausländischen Studierenden auf. Neuerdings werde allerdings über eine Einstellung des Bachelors, bei Fortführung des Master-Programmes, diskutiert.
Uma Kothari, Professorin für Postkoloniale Studien am „Institute for Development Policy and Management“ der Universität Manchester legte den Fokus ihres Referates auf das Thema „Development and Future making“. Ihr zentraler Gedanke war, dass unsere Vorstellung von Zeit Ungleichheit kreiere und damit leugne, dass wir im Westen in derselben Gegenwart wie die Menschen im globalen Süden leben.
Vergangenheit versus Zukunft?
Reist man in die „Dritte Welt“, reist man sozusagen in die eigene Geschichte, so Kothari, einen Gedanken August Gellners zitierend. Im Rahmen des Entwicklungsdiskurses, wie Kothari provokativ anmerkte, legen ForscherInnen aus den nördlichen Zentren fest, wie die Zukunft der anderen auszusehen hat, anstatt sie selbst ihre eigene Zukunft gestalten zu lassen. Begriffe wie „local knowledge“ oder „grassroot organisation“ produzieren Trennung zwischen hier und dort, Vergangenheit und Zukunft. Benutzt man solche Wörter, stellt man zugleich einen Kontext dar. Als Kothari aus dem Publikum gefragt wurde, wieso sie denn den Begriff „Dritte Welt“ verwende, erwiderte sie, dass sie damit absichtlich die politische Hierarchie, die diese Definition mit sich bringt, herausstreichen wolle.
Gegenwart?
Kothari wies immer wieder darauf hin, was wir mit unserer Sprache bewirken, wenn wir von „Nehmern“, „Tradition“ oder eben „Dritter Welt“ sprechen. Sie hob die Schnelllebigkeit der Gesellschaft hervor und unterstellte eine Besessenheit von Entwicklung und Bewegung. Diese werde unter anderem durch das herrschende kapitalistische System hervorgerufen, das uns keine andere Wahl lasse. In Wirklichkeit lebe niemand in der Gegenwart selbst, wenn der Westen die Zukunft darstellt und der Süden die Vergangenheit. Aber Armut könne nicht bekämpft werden, wenn nicht auf die Probleme der Gegenwart, die Armut selbst und die globale Ungleichheit, geachtet werde. Sich lediglich auf ein ausformuliertes Ziel der „Armutsbekämpfung“ zu konzentrieren, womit sie auf die Millennium Development Goals anspielte, sei zu wenig.
Was für eine Zukunft sei es denn, die der Süden anstreben solle? Unsere Gegenwart? Kothari appellierte, wie auch andere Post-Development VertreterInnen, unsere Auffassung und Wahrnehmung von Entwicklung zu hinterfragen und argumentierte, dass es allein aufgrund der Bevölkerungszahl nicht möglich sei, für jedes Land die gleiche Entwicklung anzusteuern.
Wie viel Geschichte braucht IE?
Joseph Hodge, außerordentlicher Professor für moderne und imperiale Geschichte Großbritanniens am Institut für Geschichte der West Virginia University in Morgantown, bezog sich in seinem Vortrag vor allem auf die historische Perspektive. Ohne gute historische Grundlagen könne keine Entwicklungsforschung betrieben werden; Entwicklung leide an historischer Amnesie. Seine Reflexionen zur internationalen Geschichte begannen mit der Kolonialzeit, da Entwicklung bereits damals bewusst organisiert und gesteuert wurde. Entwicklung sei damit keine Erfindung der Nachkriegszeit, wie oft argumentiert werde. Die Entwicklungsprogrammatik der Kolonialzeit sei nicht schlechter als die heutiger Tage gewesen, ebenfalls voller guter Absichten und Vorhaben. Doch wie auch heute bestünde eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Entwicklungspläne der Zwischenkriegszeit seien dann zum Teil nach 1945 realisiert worden.
Indem man zurück in die Geschichte sieht, könne man Möglichkeiten und Lösungsansätze für die Zukunft finden. Dies erlaube auch, die Komplexität und Heterodoxität spezifischer Kontexte zu erkennen. Die Menschen in den Kolonien seien nicht alle gegen Entwicklung als Idee gewesen, betonte Hodge, womit er dem post-development Zugang von Uma Kothari einen anderen Zugang entgegenstellte. Seit 20 Jahren werde das Ende der Entwicklung angekündigt, aber davon könne bis heute keine Rede sein, so Hodge.
Ziele versus Erfolge
Hodge argumentierte, dass es nachhaltigere Anstrengungen bräuchte und häufiger als bisher auf Lösungsansätze der Vergangenheit zurück gegriffen werden müsste, um typische Fehlschläge nicht zu wiederholen. Er schlug vor, gemachte Erfahrungen in unsere Strategien und Entwicklungspraxis zu integrieren, und zwar beispielsweise für Institutionen wie die Weltbank. Diese sollen Misserfolge nicht in anderen Ländern wiederholen.
Die anschließende Diskussion mit den beiden EntwicklungsforscherInnen drehte sich um die Rolle des Kapitalismus und ob Kultur dazu benutzt würde, das System überall zu implementieren.
Am Nachmittag fanden in den Seminarräumen des Instituts in der Sensengasse acht Workshops statt, die Enblicke in die laufenden Forschungsarbeiten rund um das Institut für Internationale Entwicklung gaben. Die Themenpalette reichte dabei von „Transnationalisierung und Migration“ über „der Staat im globalen Süden“ bis zu „Rassismus in der EZA“ sowie „Sexualität(en) im Entwicklungskontext“.
Weitere Informationen und Fotos von der IE-Tagung finden sich unter: https://ie-tagung.univie.ac.at/
Die Autorin ist Praktikantin im Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung.