Erfahrungen partizipativer Forschung im Projekt ungleiche Vielfalt Teil II

Neben den Räumen der Macht hat Katharina Auer in ihrer Studie auch Formen der Macht und Arten des Wissens im Projekt Ungleiche Vielfalt analysiert. Wie wird Ermächtigung bewirkt und welches Wissen findet Berücksichtigung?

Forschen, das ermächtigt machtvolles Forschen

Wird Macht als zentrales Element von Teilhabe anerkannt, eröffnet dies Fragen nach dem Vorhandensein von Macht auch in partizipativ gestalteten Räumen. Zudem wird Ermächtigung als eines der drei Projektziele explizit angestrebt. Inwiefern erlauben die Rollen aller Beteiligten im Forschungsprozess die Teilhabe an der Schaffung des gemeinsamen Wissens? Werden durch dieses Wissen neue ermächtigende Perspektiven eröffnet?

Das Forschungsdesign hebt die traditionelle Abgrenzung zwischen Forschender/m und Beforschter/m auf, indem SchülerInnen ihre eigene Lebenswelt untersuchen. Übliche Rollenzuschreibungen werden umgekehrt: SchülerInnen sind nicht Objekte der Forschung, sondern selber aktive ForscherInnen. Besonders für (Haupt)SchülerInnen stellen diese neue Herausforderung, ebenso wie die Tatsache, als ForscherInnen auch etwas präsentieren zu können, und auch die Begegnungen im Rahmen des Projekts außergewöhnliche und potenziell ermächtigende Erfahrungen dar. PraxispartnerInnen aus der Schule stehen vor der Herausforderung, sich am wissenschaftlichen Diskurs zu beteiligen die Wissenschaft andererseits wird gefordert, ihre Funktionsweise und Sprache an die Welt der AlltagsexpertInnen anzupassen. Indem die Rolle aller AkteurInnen im Forschungsprozess reflektiert wird, können Machtverhältnisse thematisiert und Entscheidungen, die Partizipation fördern, getroffen werden.

Das Ziel, ermächtigende Perspektiven zu eröffnen, bezieht sich auf die Wahrnehmung der Positionierung des Individuums innerhalb seines gesellschaftlichen Umfelds. Die Reflexion über die eigene Situiertheit wird durch die Konstellation der Forschungsteams (SchülerInnen und StudentInnen) und des Steuerungsteams (Wissenschaft und Praxis) angeregt. Durch die Themen, die gemeinsam erforscht werden, wird die Reflexion über Vielfalt und soziale Ungleichheit bewusst ins Zentrum gestellt (z.B.: Zukunftsvorstellungen oder Freizeitgestaltung von HauptschülerInnen und GymnasiastInnen, etc.). Beantwortet werden diese Fragen individuell unterschiedlich. Auch die Möglichkeit, aus der gemeinsamen Forschung Handlungsstrategien innerhalb des eigenen sozialen Umfelds abzuleiten, ist unterschiedlich und geht letztendlich über den Wirkungsbereich des Projekts hinaus.



Erweiterte Epistemologie der Partizipation

Während in der Wissenschaft je nach Disziplin unterschiedliche, aber dennoch deutliche Definitionen von dem, was als Wissen anerkannt wird, existieren, steht die transdisziplinäre Forschung vor der Herausforderung, eine gemeinsame Sprache zwischen Wissenschaft und Praxis herzustellen. Damit alle Beteiligten gleichberechtigt  in die  Schaffung gemeinsamen Wissens integriert werden können, müssen deren unterschiedliche Arten von Wissen anerkannt und im Forschungsdesign berücksichtigt werden. Nach der erweiterten Epistemologie der Partizipation nach John Heron und Peter Reason (2001) umfasst Wissen nicht nur Schrift und Theorie: Durch zwischenmenschliche Begegnungen in den Projekträumen entsteht Erfahrungswissen, das auf der Beziehungs- und sozialen Ebene eingeordnet werden kann. Im Projekt Ungleiche Vielfalt geht dies mit interkultureller Erfahrung einher und obwohl nicht ausdrücklich als Ziel verankert trägt wesentlich zur erfolgreichen Projektdurchführung bei. Darstellendes Wissen beruht auf dem Ausdruck des Unbewussten durch verschiedene Kommunikationsformen (neben Schrift etwa Theater, Malerei) und erfüllt im Projekt die Funktion, die Kommunikation zwischen sehr unterschiedlichen Beteiligten zu erleichtern. Durch Methoden, wie etwa das Theater der Unterdrückten, wird nicht rational vorhandenes Wissen von TeilnehmerInnen mit unterschiedlichen Möglichkeiten des Ausdrucks in die Forschung miteinbezogen. Praktisches Wissen  entsteht in der gemeinsamen Organisation und dient der Aufrechterhaltung der Kommunikationskanäle. Es kann als grundlegend für die Organisation transdisziplinärer Forschungsprozesse angesehen werden. Deutlich zu machen, welche dieser Arten von Wissen letztendlich in schriftliches Theoriewissen mit einfließen, eröffnet wiederum Fragen nach Macht in der partizipativen Forschung.

Partizipation mehrdimensional denken   

Während einzelne Elemente dieser Analyse sich als mehr oder weniger nützlich für die Durchführung des transdisziplinären Forschungsprojekts Ungleiche Vielfalt erweisen mögen, so unterstreicht die mehrdimensionale Herangehensweise einmal mehr die Komplexität des Begriffs der Partizipation in der Praxis. Anstatt einfache Antworten zu liefern, eröffnen sich neue Fragen nach Denk- und Handlungsmöglichkeiten unterschiedlicher AkteurInnen und deren Macht innerhalb vielschichtiger sozialer Systeme.

Die Autorin hat Internationale Entwicklung und Spanisch studiert sowie einen Master zu sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden im interkulturellen Kontext in Brighton absolviert. Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.

Referenzen:

Heron, J., / Reason, P. (1997) A Participatory Inquiry Paradigm, in Qualitative Inquiry, 3(3), 274-294

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.