Partizipation als Mittel und Ziel transdisziplinärer Forschung: Wer forscht, lernt, entscheidet, handelt? Dieser Artikel fasst grundlegende Gedanken einer umfassenderen Analyse der partizipativen Methoden im Projekt Ungleiche Vielfalt zusammen.
Das Sparkling Science Projekt Vielfalt der Kulturen ungleiche Stadt forscht zu den Themen kulturelle Vielfalt, soziale Ungleichheit und Bildung in Wien. Die Fragestellung ist aktuell und wird im öffentlichen Diskurs üblicherweise gemeinsam mit Begriffen wie Integration, Migrationshintergrund und Bildungserfolg diskutiert. Ungewöhnlich hingegen ist das transdisziplinäre Forschungsdesign des Projekts, das Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis, und damit zwischen so unterschiedlichen sozialen Milieus wie Universität, Hauptschule und Gymnasium, baut. Grundlegendes Element transdisziplinärer Forschung ist die Integration verschiedener AkteurInnen und deren Perspektiven in die Zusammenarbeit und das daraus entstehende Wissen (Pohl 2010; Hirsch Hadorn et al 2007). Dazu muss eine Forschungsarchitektur geschaffen werden, die ermöglicht, die jeweils unterschiedlichen Arten von Wissen aus Wissenschaft und Praxis anzuerkennen und diese gleichberechtigt in den Forschungsprozess mit einzubeziehen. Um dies zu leisten, muss transdisziplinäre Forschung partizipativ gestaltet sein. Dieser Artikel fasst Gedanken, die im Rahmen einer umfassenderen Analyse der partizipativen Methoden im Projekt Ungleiche Vielfalt entstanden sind, zusammen.
Partizipation in der Forschung
Partizipation zählt zu den Modewörtern des letzten Jahrzehnts sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis. Jedoch wurde der Trend, Partizipation (oder auch deren Synonyme Teilnahme, Teilhabe oder Beteiligung) als Muss in die Gestaltung sämtlicher Projekte aufzunehmen, längst heftig kritisiert. Die Instrumentalisierung von Partizipation als leere Worthülse, die der Politik der Mächtigen Legitimität verleiht und dadurch die grundlegende Infragestellung des status quo verhindert, ist das wohl geläufigste kritische Argument (z.B. Cornwall und Brock 2005). Als Antwort darauf ist jede Auseinandersetzung mit dem Konzept der Teilnahme dazu angehalten, sich verstärkt mit einem kritischen Instrumentarium auszustatten und besonders genau nach Zielen, Methoden und Bedingungen derselben zu fragen.
Konkret wurde durch die KritikerInnen Macht als essentieller Faktor in die Partizipationsdebatte hineinreklamiert. Wer nimmt teil? Woran? Unter welchen Bedingungen? und vor allem Wer trifft Entscheidungen? sind dabei leitende Fragen. Im Projekt Ungleiche Vielfalt ist Partizipation einerseits ein Mittel, um die Forschungsziele in einem komplexen, von verschiedenen Interessen geprägten und transdisziplinär gestalteten Forschungsprozess zu erreichen. Andererseits geht der Anspruch darüber hinaus, indem der Dialog auf Augenhöhe nach Paulo Freire als grundlegendes Element der Entstehung von Wissen betrachtet wird. Die Analyse der partizipativen Methoden im Projekt konzentrierte sich, in Anlehnung an das Konzept des powercube von John Gaventa (2006), auf drei Aspekte: Räume der Macht, Formen der Macht und Arten des Wissens.
Partizipative Lern- und Begegnungsräume im Projekt Ungleiche Vielfalt
Vereinfacht gesagt, wird der komplexe und vieldeutige Begriff Raum hier als Begegnung zwischen Handelnden in deren sozialem Kontext (vgl. habitus, Bourdieu) verstanden (siehe Cornwall 2002). Zentrales Merkmal jener Räume, die durch das Projekt geschaffen werden, ist deren Grenzen überschreitender Charakter. Einerseits handelt es sich dabei um örtliche Grenzen: Die Wissenschaft kommt in die Schule, AkteurInnen zwei nebeneinander liegender Schulen kommunizieren erstmals miteinander, SchülerInnen besuchen die Universität, etc. Hinter dieser örtlichen Grenzüberschreitung steht andererseits deutlich deren sozialer Charakter: Das Projekt bringt Menschen aus üblicherweise getrennt funktionierenden sozialen Milieus zusammen. Offensichtlich wird diese Überbrückung unter anderem durch Schwierigkeiten, die entstehen, wenn unterschiedliche Arbeitsweisen der jeweiligen Einzelsysteme miteinander in Verbindung gebracht werden das System Hauptschule funktioniert anders als das System Gymnasium oder Universität. Ein offener Prozess, der eine flexible Zusammenarbeit ermöglicht, wird somit zur Grundvoraussetzung partizipativer Forschung.
Durch die soziale Grenzüberschreitung treten Menschen in Kontakt, die im fragmentierten Alltag der Stadt kaum miteinander zu tun haben: GymnasiastInnen reden erstmals mit HauptschülerInnen von nebenan, StudentInnen sammeln Erfahrungen in einer Hauptschule, LehrerInnen und SchülerInnen nehmen an wissenschaftlichen Diskussionsveranstaltungen teil. Diese Konstellation ist ein zentraler Bestandteil des Forschungsdesigns, das ja zum Ziel hat, Vielfalt und Ungleichheit zu thematisieren. In den Forschungsteams widmen sich StudentInnen und SchülerInnen gemeinsamen Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven dadurch wird nicht nur eine aktive Reflexion über das Eigene und das Fremde gefördert, sondern auch ein direkter Austausch darüber ermöglicht.
Die Autorin hat Internationale Entwicklung und Spanisch studiert sowie einen Master zu sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden im interkulturellen Kontext in Brighton absolviert. Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.
Referenzen:
Cornwall, A. / Brock, K. (2005) What do buzzwords do for Development Policy? A critical look at participation, empowerment and poverty reduction, in Third World Quarterly, 26 (7), 1043-1060
Gaventa, J. (2006) Finding the Spaces for Change: A Power Analysis, in IDS Bulletin 37/6, 23-33
Hirsch Hadorn, G. et al (2007) (Hrsg.) Handbook of Transdisciplinary Research, Berlin: Springer Verlag
Pohl, Ch. (2010) From Transdisciplinarity to Transdisciplinary Research, in Transdisciplinary Journal of Engineering and Science 1(1), 74-83