Ausgebeutete Töchter: Bezahlte Hausarbeit in Zentrum und Peripherie.

100 Jahre Frauentag … und das Thema ungerechter Entlohnung von so genannten Frauenberufen wie Hausarbeit erscheint aktueller denn je. Der Frage bezahlter Hausarbeit sowohl in Peripherie als auch im Zentrum widmete sich eine Veranstaltung am 17. März 2011.

Zwischen Anpassung und Widerstand Hausarbeiterinnen im Zentrum und an der Peripherie zu diesem Thema wurde in der Akademie der Bildenden Künste diskutiert. Fanny Müller-Uri (Perspektiven; GBW Wien) moderierte die von Prekär Café in Kooperation mit LIT-Verlag, Lateinamerika-Institut, Frauensolidarität und Grüne Bildungswerkstatt Wien organisierte Veranstaltung. Anlass war die im LIT-Verlag erschienene Diplomarbeit von Johanna Neuhauser Hausarbeiterinnen in Recife/Brasilien Subjektbildung und ihre strukturellen Bedingungen im peripheren Kapitalismus. Anhand von qualitativen Interviews erforschte sie das Verhältnis zwischen Hausarbeiterinnen und Arbeitgeberinnen in Recife, einer Stadt im Nordosten Brasiliens. Laut Neuhauser spiegelt dieses Verhältnis die tiefe Gespaltenheit der brasilianischen Gesellschaft anhand von Klasse, Geschlecht und Hautfarbe wider, die ihre Wurzeln vor allem im Kolonialismus hat.

Bezahlte Hausarbeiterinnen in der Peripherie…

Neuhausers Buch verfolgt einen Theorie-Mix wirtschaftshistorischer, soziologischer und kulturwissenschaftlicher Ansätze. Bezahlte Hausarbeit stellt einen funktionalen Teil des peripheren Kapitalismus in Brasilien dar. Die Löhne der Hausarbeiterinnen befinden sich unter den niedrigsten, die Informalisierungsrate liegt bei über fünfzig Prozent. Weiters fokussierte die Forschung auf die individuelle und kollektive Subjektbildung der Hausarbeiterinnen. Neuhauser beschrieb das Verhältnis zwischen Hausarbeiterinnen und Arbeitgeberinnen als hoch personalisiert, die Hausangestellten würden oft als Familienmitglieder bezeichnet. Dieses soziale Verhältnis ist jedoch widersprüchlich, können diese Teile der Familie schnell gekündigt werden. Die Selbstbezeichnung vonseiten der Hausarbeiterinnen als Töchter ist Ausdruck dieser Abhängigkeitsverhältnisse. Parallelen konnten in diesem Zusammenhang zu Situationen von bezahlten Hausarbeiterinnen in Europa gezogen werden.

… und im Zentrum …

Wir sehen eine Tänzerin, die sorgfältig ein großes Stück weißen Stoff faltet, wieder niederlegt, wieder faltet, wieder niederlegt… es erinnert an alltägliche Hausarbeiten. Der Dokumentarfilm von Anne Frisius in Zusammenarbeit mit Nadja Damm und Mónica Orjeda Mit einem Lächeln auf den Lippen. Eine Hausarbeiterin ohne Papiere zieht vors Arbeitsgericht erzählt die Geschichte der Chilenin Anna S., die als Au-Pair bei einer Familie in Hamburg arbeitet. Ohne Aufklärung über ihre Rechte, lässt die deutsche Familie Anna S. sieben Tage die Woche über 10 Stunden am Tag zu einem geringen Lohn arbeiten. Aufgrund ihrer fehlenden Aufenthaltsgenehmigung wird sie illegalisiert. Legitimiert wird dieses Ausbeutungsverhältnis unter anderem wieder durch den Mythos angeblicher Familienangehörigkeit Anna S. sei wie eine Tochter für die Familie. Eines Tages lernt Anna S. zufällig eine Frau kennen, die geschockt von ihrer Situation ist und ihr bei ihrem angehenden Kampf um gerechte Entlohnung beisteht.

… organisieren sich.

Anna S. kann durch verschiedene Kontakte immer mehr an die Öffentlichkeit treten. Als erstes Mitglied mit migrantischem Hintergrund und ohne Papiere bei Ver.di (Vereinte Dienstleistungsgesellschaft) begibt sich Anna S. auf einen langen und mühsamen Weg vor Gericht, um den ihr zustehenden Lohn einzufordern. Es kommt schlussendlich zu einer Mediation, bei der die zu zahlende Summe verhandelt wird. Der Fall von Anna S. stellt einen bedeutsamen Schritt in Richtung Organisierung von Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung dar.

 

Gramsci & Freire

Verschiedene Formen des Widerstands werden auch im Buch von Johanna Neuhauser in den Blick genommen. In Recife nimmt die Hausarbeiterinnengewerkschaft eine wichtige Rolle in der Organisierung von Hausarbeiterinnen ein. Diese ist in Form der FENATRAD (nationale Vereinigung brasilianischer Hausarbeiterinnen) national vernetzt. Die Gewerkschafterinnen entlarven den schon angeführten Diskurs der Hausarbeiterinnen als Familienmitglieder als Legitimierung ungerechter Arbeitsverhältnisse und fordern angemessene Bezahlung, regulierte Arbeitszeiten, Sozialversicherungen etc. Mit den Begriffen Gramscis stellt die Hausarbeiterinnengewerkschaft eine organische Bewegung dar, die eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis verfolgt. Die Leitung haben zwölf teilweise ehemalige Hausarbeiterinnen inne. Mit der Gewerkschaft wird ein sozialer Raum geschaffen, wo Austausch und Bewusstseinsbildung im freireanischen Sinne einer conscientização unter den Hausarbeiterinnen ermöglicht wird. Es handelt sich um ein Wechselspiel zwischen kollektiver und individueller Subjektbildung, was zu gestärktem Selbstbewusstsein unter den Arbeitenden in ihren alltäglichen Kämpfen führt. Die Arbeit der Gewerkschaft ist aufgrund der fehlenden Vertretung vonseiten der ArbeitgeberInnen jedoch begrenzt. Dennoch stellen die alltäglichen Widerstandsformen entscheidende Schritte in Richtung selbstbestimmter Arbeitsverhältnisse dar. Ein von Johanna Neuhauser erwähntes Beispiel verdeutlicht diese Selbstermächtigungsprozesse: Mit der Forderung Nennen Sie mich beim Namen und bezahlen Sie mich ordentlich distanziert sich die Hausarbeiterin Fátima von der ihr angeblichen Familienzugehörigkeit und bezieht Position als Angestellte, der ein gerechter Lohn zusteht.

Peripherie im Zentrum & Zentrum in der Peripherie

 

Ich möchte nur einen Aspekt der angeregten Diskussion herausgreifen und zwar jenen, inwieweit sich Peripherie und Zentrum in Bezug auf unsichtbare Hausarbeit unterscheiden. Für Johanna Neuhauser ist ein zentraler Unterscheidungspunkt die Selbstverständlichkeit einer Hausarbeiterin in brasilianischen Haushalten. In diesem Zusammenhang wurde diskutiert, inwieweit es in Österreich nicht auch selbstverständlich sei, eine Putzfrau zu haben. Es stellt sich die Frage, ob mangelnde Thematisierung vonseiten der ArbeitgeberInnen automatisch auf fehlende Selbstverständlichkeit hinweisen muss. Weiters wurden die starken Tendenzen einer Feminisierung der Arbeit auch im Zentrum angesprochen, die sich in einer Zunahme flexibler, deregulierter und prekärer Arbeitsverhältnisse von hauptsächlich Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund ausdrückt. Ein gutes Beispiel stellt dabei die 24-Stunden-Pflege dar, die in den meisten Fällen von weiblichen Pflegerinnen mit Migrationshintergrund geleistet wird. In diesem Sinne scheint der Blick auf Parallelen strategisch wichtig, um eine Vernetzung gewerkschaftlicher Kämpfe zu ermöglichen.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

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Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.