Paris, eine geteilte Stadt?

Kein Punkt der Pariser Innenstadt ist weiter als 5 km von Notre-Dame entfernt. Aber Wohnen am Rand und Studieren im Zentrum kann einen Erasmusaufenthalt zur Gelegenheit machen, soziale Ungleichheit im urbanen Raum zu erkunden.

Von der Métro-Station Saint-Germain-des-Prés über die Place Sartre-Beauvoir vorbei an den berühmten Literatencafés Deux Magots und Café Flore. Wer einmal rechts abbiegt, steht vor einer Fakultät für Sozialwissenschaften (Paris V), die sich mit dem Siegel der Sorbonne schmückt. Das hört sich nach dem Stoff an, aus dem Intellektuellenträume gemacht sind. Aber nicht nur die beeindruckende Schäbig- und Hässlichkeit des Gebäudes der Fakultät, sondern auch der sich darin abspielende Unibetrieb stehen in krassem Kontrast zu solch romantischen Ideen: Und das ruft unter Austauschstudierenden dann auch häufig kollektive Enttäuschung hervor. Im Unialltag überwiegt Frontalunterricht ProfessorInnen tragen vor, die Studierenden schreiben im Eiltempo mit. Das sorgt für Adrenalinkicks solange die eigenen Französischkenntnisse schlecht genug sind. Danach wird das schlicht öde. Und die Tatsache, dass sich die hochangesehene und -selektive Science Po, wo sich die Wirtschaftselite Frankreichs reproduziert, gleich gegenüber befindet und einem täglich die Segregation im französischen Hochschulsystem vor Augen führt, rundet die Erfahrung der kollektiven Desillusion schließlich gebührend ab.

Ein Hauch von Existentialismus und Revolution poliert in Saint-Germain-des-Prés mittlerweile vor allem Images auf. Bis in die 1970er war hier das Zentrum des kulturellen und intellektuellen Lebens von Paris. Heute sprießen die Namen luxuriöser Modehäuser wie Armani, Dior und Cartier. In ihren Boutiquen wird Jazz gespielt und ein Esprit Saint-Germain vermarktet. Junge KünstlerInnen und Studierende strömen nach wie vor täglich in die dort ansässigen Hochschulen. Ihr Leben aber spielt sich mittlerweile anderswo ab. Denn Saint-Germain-des-Prés ist heute das teuerste Viertel der französischen Hauptstadt geworden.

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Urbane Transformation

Dass es schwer ist, in Paris ohne dicke Geldtasche überhaupt eine annehmbare Bleibe zu finden, ist nichts Neues. Seit Jahren ist von einer Wohnungskrise die Rede, von der vor allem Studierende massiv betroffen sind. 12 m²-Wohnungen werden um bis zu 670 Euro vermietet. Aber noch ist es in Paris doch nicht unmöglich zu halbwegs leistbaren Preisen ein Zimmer mit zumutbaren räumlichen Dimensionen zu finden. Und zwar meist in den quartiers populaires im Osten, wo Paris anders funktioniert als in seinem weltberühmten Zentrum. So beispielsweise im 20. Arrondissement, dem zweitbilligsten der Stadt. Dort schlängelt sich das Viertel Ménilmontant einen steilen Hügel hinauf. Historisch stark durch eine proletarische Kultur und Lebensweise und die politischen Kämpfe der Pariser ArbeiterInnenklasse sowie eine Vielzahl von Migrationsströmen geprägt, findet sich hier mit einem Drittel heute die größte Dichte des sozialen Wohnbaus in Paris.

Elsa, die in Ménilmontant aufgewachsen ist, erklärt, hier sei es nicht wie in anderen Teilen der Stadt. Hier gibt es ein echtes Grätzelleben. Das ist fast wie in einem Dorf, weißt du? Nach einer gewissen Zeit, kennen dich die Leute und man redet miteinander, stellt sie fest. Aber auch in Ménilmontant entwickelt sich der private Immobilienmarkt rasant. Die vergleichsweise niedrigen Preise, aber nicht zuletzt auch dieser dörfliche Charakter, ziehen eine neue Bevölkerung an. Eine große Dichte von Ateliers früher von HandwerkerInnen und ArbeiterInnen belebt, heute vor allem von KünstlerInnen, DesignerInnen und ArchitektInnen kennzeichnet das Viertel. Und eine junge, intellektuelle Mittelschicht zieht hierher. Die Immobilienbüros wachsen in den letzten Jahren wie Champignons aus dem Boden, so Luis, der seit 15 Jahren hier wohnt. Die Wohnungspreise sind zwischen 1991 und 2007 um circa 120% gestiegen.

Auch meine Studienkollegin Anna, Tochter eines Elektrikers und einer Sekräterin, ist in Ménilmontant aufgewachsen und wohnt dort nach wie vor bei ihren Eltern. Gern hätte sie eine eigene kleine Wohnung hier im Viertel. Aber das sei zu teuer so lange sie studiere. Ihr bleibe nur die Wahl: Kinderzimmer oder Banlieue. In Paris intra-muros zu wohnen, wird zunehmend zum Privileg. Aber ein zweites Saint-Germain kann Ménilmontant nicht so rasch werden, denn dazu ist der soziale Wohnbau hier zu präsent. Folglich charakterisiert diesen urbanen Raum heute das Nebeneinander sehr verschiedener Welten auf dichtem Raum: Idyllische Gassen und Passagen, atemberaubende Ausblicke auf Paris und kleine Häuschen mit Garten finden sich hier in unmittelbarer Nähe großer Cités, die als soziale Brennpunkte gelten. Und nur hundert Meter weiter eine neue Sushi-Bar. Eine lebendige Zivilgesellschaft, gelebte Multikulturalität und die Vermischung sozialer Schichten gehören hier ebenso zum Alltagsleben wie Rassismus und radikale Manifestationen sozialer Ungerechtigkeit und Armut.

Ungehobeltes Durcheinander

Von einem ungehobelten Durcheinander, sprechen die SoziologInnen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot in Bezug auf diesen Stadtteil. Während die von den involvierten AkteurInnen selbst häufig als Boboisierung bezeichneten Veränderungen von manchen als Aufwertung des Bezirkes und als Mittel gegen eine drohende Ghettoisierung gelobt werden, sehen andere darin vor allem einen Prozess der physischen, ökonomischen aber auch kulturellen Verdrängung auf Kosten unterprivilegierter Schichten. Denn diese sind nicht nur mit steigenden Preisen, sondern auch mit der symbolischen und kulturellen Transformation des öffentlichen Raumes konfrontiert. Auch die zunehmende Dichte von Studierenden, die aus finanziellen Gründen hierher ziehen, spielt dabei eine Rolle: ihr ökonomisches Kapital mag gering sein; mit ihrem kulturellen Kapital tragen sie aber durchaus dazu bei, dass Ménilmontant zunehmend als hip gilt.  

In jedem Fall handelt es sich um Veränderungsprozesse, im Rahmen derer sich gesellschaftliche Machtverhältnisse manifestieren. Und auf symbolischer Ebene lässt sich dann doch die eine oder andere Parallele zu Saint-Germain-des-Prés aufstöbern: Denn auch hier werden die proletarische Geschichte, das Erbe der Pariser Kommune und der Mythos vom roten Hügel zur Ware. So war die Bellevilloise in der Rue Boyer von der zweiten Hälfte des 19. bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts eine autonome ArbeiterInnenkooperative, der Paris sein einziges offensichtlich marxistisches Gebäude verdankt. Seit 2005 ist sie ein Kultur-und Veranstaltungszentrum, das sich auf dieses proletarische Erbe bezieht und gleichzeitig jeden Sonntag Bio-Brunch um 29 Euro anbietet.

Der Artikel ist ursprünglich im Progress Dez/2010 erschienen.

Die Autorin studiert Kultur-und Sozialanthropologie in Wien. Sie hat 2010/11 Erasmus in Paris gemacht, im 20. Arrondissement gewohnt und dort für ihre Masterarbeit über Gentrification geforscht. Sie ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

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Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.