Workshop zu Perspektiven der Entwicklungsforschung

Am 9. November 2010 traf sich die Dialoggruppe Entwicklungsforschung“ zum Jahrestreffen in Linz. Vier ForscherInnen erzählten von ihren Projekten und erläuterten theoretische Zugänge und Methoden, die anschließend gemeinsam diskutiert wurden.

Zu Beginn des Workshops stellten Martina Neuburger, Dario Azzellini, Marie-France Chevron und Michael Hauser ihre Forschungsprojekte vor, Petra Purkarthofer übernahm die Moderation der Veranstaltung. Anschließend wechselte man zwischen Kleingruppendiskussionen in Weltcafés, kurzen Inputs der ReferentInnen und inspirierenden Kaffeepausen, bevor der Tag in einer Plenumsdiskussion ausklang. Ziel des diesjährigen Treffens war es, Überschneidungen, Abgrenzungen und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Disziplinen zu diskutieren, um so die Konturen der Entwicklungsforschung zu schärfen.

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Marie-France Chevron, Martina Neuburger, Dario Azzellini, Michael Hauser



Die Arbeitsgruppe Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsforschung (AGEF)

Martina Neuburger vom Institut für Geographie an der Universität Innsbruck gab einen groben Einblick in die Arbeit der AGEF, deren geographischer Fokus hauptsächlich auf Lateinamerika (Amazonien, Andenraum) liegt. Die jüngsten Themengebiete seien die Ressourcennutzung in bestimmten Gebieten bzw. der Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung. Zentraler Aspekt der Forschung sei auch die Integration von Post-Development und Post-Colonial Ansätzen, eine zentrale Herangehensweise die Analyse von Diskursen.

Über gesellschaftliche Partizipation und Transformation  

Dario Azzellini von der Abteilung für Politik- und Entwicklungsforschung der Universität Linz beschäftigt sich in seinen Forschungen mit gesellschaftlichen Transformationen. Er stellt sich mit Fokus auf Venezuela die Frage, wie aus dem Verhältnis zwischen Staat und sozialen Bewegungen etwas Neues entstehen kann. Azzellini bezieht sich in seinen Forschungen auf theoretische Konzepte der Demokratie- und Bewegungsforschung und bedient sich einer historisch-materialistischen Herangehensweise. Dieser Zugang setzt voraus, dass der Staat nicht der zentrale Akteur von Veränderungen sein könne.

Videokameras zur ländlichen Entwicklung

Am Center for Development Research an der Universität für Bodenkultur Wien stellt man sich laut Michael Hauser die zentrale Frage, wie Veränderungen auf lokaler Ebene durch Technologie innovativ verbessert werden können. Als Beispiel erzählte er von einem Projekt zur ländlichen Entwicklung in Bangladesch, wo Bäuerinnen und Bauern mit einer Videokamera landwirtschaftliche Neuerungen dokumentieren. Die konkrete Fragestellung des Projektes laute, wie und unter welchen Bedingungen das so genannte partizipative Video für die Entwicklung von landwirtschaftlichen Innovationen genutzt werden kann. An diesem Beispiel könne man bereits die starke Aktionsorientierung der Forschung erkennen. Neben experimentellen Methoden, wie dem partizipativen Video, werden auch qualitative und quantitative Befragungen sowie Beobachtungen angewendet, berichtete Hauser.

„Umwelt und Urbanität in Westafrika“



so lautet das Hauptforschungsthema von Marie-France Chevron vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Im Speziellen konzentriert sie sich auf die Themen Abfall und Hygiene in westafrikanischen Städten. Als Methoden ziehe man haupt-sächlich teilnehmende Beobachtung und Gruppen- bzw. Einzelinterviews heran, sehr bedeutend sei auch die Zusammenarbeit mit ExpertInnen aus der Praxis. Aufgrund der komplexen Thematik hätte man von Anfang an mit ÖkotechnikerInnen zusammengearbeitet, die im Zuge der Feldforschung Bestandsaufnahmen machten und sich mit technischen Rahmenbedingungen auseinandersetzten.   



Vom Theorie-Praxis Nexus zur interdisziplinären Forschung

Ein viel diskutierter Punkt im Workshop war die Verbindung von Theorie und Praxis in der Entwicklungsforschung, wobei sich alle ca. 20 Anwesenden über die Wichtigkeit dieses Aspektes einig waren. Azzellini geht in seinen Forschungen davon aus, dass nicht die WissenschaftlerInnen, sondern die Menschen in der Praxis die Wissenden sind. Als Forscher könne er nur die Instrumente zur Verfügung stellen, um es den Menschen zu ermöglichen, ihr Wissen in einen bestimmten Kontext einzubetten und dann Schlüsse zu ziehen. Auch in seiner Weltcafégruppe, so berichtete Andreas Exenberger, wurde die Begegnung von Theorie und Praxis als Gemeinsamkeit der Entwicklungsforschung identifiziert, vor allem beim partizipativen Forschen finde eine Zusammenarbeit mit den lokal Betroffenen statt.

Michael Hauser erzählte ebenfalls von der Arbeit mit lokalen ForschungspartnerInnen und NGOs in seinen Forschungsteams. Diesbezüglich merkte er an, dass in gemischten Gruppen die Erwartungshaltung der einzelnen PartnerInnen oft sehr unterschiedliche sei. NGOs würden eher auf eine praktische Umsetzung abzielen, während es für Universitäten wichtig sei, zu publizieren.

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Foto: Caroline Sommeregger

Ein weiterer Diskussionspunkt war das interdisziplinäre Forschen an sich und die Herausforderungen, die dieser Forschungszugang mit sich bringt. Laut Chevron würden sich einerseits oft Missverständnisse zwischen den verschiedenen Disziplinen herauskristallisieren, anderer-seits sei es immer schwierig zu klären, wer bei interdisziplinären Projekten die Fäden zieht bzw. die Lenkung übernimmt. Auch Neuburger erzählte von Kommunikationsschwierigkeiten in bereits durchgeführten Projekten, besonders kompliziert sei die Verknüpfung der einzelnen disziplinären Forschungsergebnisse.

In der abschließenden Plenumsdiskussion wurden zentrale Punkte des Tages erneut thematisiert sowie die Zukunft der Dialoggruppe besprochen.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert internationale Entwicklung an der Universität Wien.

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