Die Jugendarbeitslosigkeit ist eine der großen Herausforderungen Italiens. Perspektivenlosigkeit treibt die Jugendlichen oft in die Hände der Mafia, die sich mehr und mehr als Unternehmen sieht.Die Jugendarbeitslosigkeit in Italien ist eine der höchsten in Europa, sie betrug Anfang 2010 25,7%, in Österreich 11,7%. Dabei gibt es wieder ein starkes Nord-Süd-Gefälle und einen hohen Anteil an Jugendlichen, die erstmals eine Arbeit suchen. Ein Faktor dabei ist das Missverhältnis zwischen den niedrigen Qualifikationen und den Anforderungen der ArbeitgeberInnen.
Den großen Problemen in der Jugendbeschäftigung wurde von Berlusconi mit einer Lockerung im Bereich des Arbeitsmarkts begegnet: mit der Schaffung der gesetzlichen Grundlagen für flexible Arbeitsverhältnisse, Projektarbeit, Gelegenheitsjobs, Jobs on Call, Nebenjobs, Jobsharing und Zeitarbeit. Daneben besteht die Arbeitsmarktpolitik in Lohnzurückhaltung, flexibleren Arbeitsmärkten und steuerlichen Förderungen für Betriebe, die Jugendliche anstellen. Niedrige Nettolöhne und ein sehr bescheidenes Lohnwachstum sind die Folge. Dadurch wurde bis 2008 ein Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit auf dem Rücken der Jugendlichen erreicht. Allerdings machen viele Jugendliche einen Job nach dem anderen, ohne in den dazwischen liegenden Zeiten abgesichert zu sein. In der gegenwärtigen Krise hat die Jugendarbeitslosigkeit wieder zugenommen.
Die Provinz Neapel
Die Provinz Neapel hat ca. 4,4 Mio. BewohnerInnen. Es gibt offiziell nur 1% MigrantInnen (wozu sicherlich noch zahlreiche nicht registrierte kommen) und einen relativ jungen Altersdurchschnitt.
Die Wirtschaft ist von Kleinunternehmen mit bis zu 20 Beschäftigten geprägt, das regionale BIP beträgt 15.5 Euro pro Kopf und ist somit das Geringste von Italien.
In Neapel beträgt die offizielle Arbeitslosigkeit 27%, die Jugendarbeitslosigkeit ist mehr als doppelt so hoch (siehe). Wenige Jugendliche sind bereit, in den Norden zu ziehen, unter anderem auch wegen der hohen Bedeutung von Familien- und Freundschaftsnetzwerken sowie der Bedeutung von persönlichen Beziehungen bei der Arbeitssuche.
Neapels Gesellschaft ist eine zweigeteilte, wie man sie in ähnlicher Form in Entwicklungsländern kennt: Da die kleine Schicht der unverschämt Reichen und kriminell Mächtigen, dort das „popolino“, das kleine Volk ohne Perspektive. Der Brückenschlag gelang nie []. Früher bot der Staat Arbeitsplätze, in den Stahlwerken von Bagnoli etwa oder in der großen Baumwollfabrik. Doch in den Neunzigerjahren zog sich der Staat zurück, privatisierte oder schloss seine Betriebe. Tausende Familien verloren ihr Einkommen (siehe). In dieses Vakuum aus Not und Verzweiflung stößt die Camorra.
Zumindest seit der Einigung Italiens ist die Mafia in Süditalien eine nicht zu umgehende Macht. Aus dem VorarbeiterInnenwesen der großen Latifundien, deren BesitzerInnen oft weitab in den Städten lebten, womit die VorarbeiterInnen die Macht über die LandarbeiterInnen hatten und sich, vorerst geheim, in Gruppen zum Machterhalt organisierten, ging Ende des 19. Jahrhunderts die agrarische Mafia mit einem Netz von Abhängigkeiten vieler untergeordneter Familien, zusammengefasst in Clans, hervor. Von Mussolini bekämpft, gewannen diese Clans nach 1945 wieder an großem Einfluss, da sich die Alliierten bei der Eroberung und Restrukturierung dieser Gegenden der Mafia bedienten.
Die Mafia als Unternehmen
Während etwa die sizilianische Mafia, die Cosa Nostra, vorwiegend agrarisch blieb, änderte sich die Mafia um Neapel, die Camorra, ab 1950 von einer agrarischen in eine unternehmerische Vereinigung.
Um die heutige Camorra zu verstehen, muss man das alte und teilweise immer noch von den Medien kolportierte Bild der Mafia revidieren: Die Camorristen sehen sich als UnternehmerInnen (Saviano Roberto: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra, München 2009, Taschenbuch: dtv, S. 230). Es gelten die Regeln des Geschäfts, des Sieges über alle KonkurrentInnen, des Profits. Um sich auf dem Markt mit uneingeschränkten Mitteln durchsetzen zu können, riskiert man auch Leben oder Freiheitsentzug.
Die Camorra bildet keinen Gegenstaat: Die legale und illegale Wirtschaft sind eng miteinander verbunden, Drogen- und Menschenhandel sind Geschäfte zur Kapitalakkumulierung, aber sie beherrscht auch einen großen Teil der legalen Wirtschaft wie kleine Fabriken, die Müllabfuhr, Häfen oder z. B. die gesamte Zementproduktion der Gegend, womit sie alle Baufirmen in der Hand hat. In der legalen Wirtschaft und dem Bankwesen in ganz Europa wäscht sie illegale Gelder, ein Bankgeheimnis wie z.B. in Österreich erleichtert dies. Daneben beherrscht sie auch die Fischerei, den Milch- und Kaffeehandel sowie 2500 Bäckereien in Neapel (siehe). Aber sie betreibt auch Sozialkassen für Witwen und Kranke, Spielsäle, Videosäle und Fitnesscenter für die jugendlichen Clanmitglieder. PolitikerInnen unterstützt sie oder lässt sie fallen, je nachdem, ob sie mit ihnen zusammenarbeiten, BeamtInnen können übergangen werden. Aber sie lebt mit dem Staat und braucht den Staat (Saviano, S. 230).
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Der Autor ist seit 30 Jahren Sonderschullehrer und hat das Studium der Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaft absolviert.