Weltweit leben geschätzt 100 Millionen Kinder auf der Straße, jenseits von Sozialhilfen und teils unter prekärsten Bedingungen. Eines dieser Schicksale beleuchtet Laura Baumeister in ihrem bewegenden Filmdrama „La hija de todas las rabias“ (dt. „Tochter des Zorns“, wortwörtlich „Tochter aller Zorne“) aus Nicaragua. Sie nimmt die Zuschauer*innen mit in eine Welt voller Gewalt, Kriminalität und Perspektivlosigkeit. Bildgewaltig und eindrücklich zeichnet sie das Porträt eines jungen, zornigen Mädchens, das mutig um die einzige Konstante in ihrem Leben kämpft – die Beziehung zu ihrer Mutter. Zu sehen war der Film im Rahmen des 9. Cine Latino Festivals, welches alles zwei Jahre dem Wiener Publikum die spannendsten filmischen Entdeckungen Lateinamerikas präsentiert.
Kindheit auf Nicaraguas größter Mülldeponie.
Die Handlung beginnt auf der Müllhalde „La Chureca“ am Rande von Nicaraguas Hauptstadt Managua. Wie die anderen Kinder dort versucht die junge María im Müll Wertvolles für den Weiterverkauf zu finden. Gemeinsam mit ihrer Mutter Lilibeth lebt sie in einer bescheidenen Behausung am Rande der Deponie. Hier ziehen die beiden als Nebenverdienst reinrassige Hundewelpen groß, zu denen María eine innige Beziehung aufbaut. Als diese an verdorbenem Futter von der Mülldeponie sterben und Lilibeth von einem Bandenmitglied bedroht und misshandelt wird, entschließt sie sich, María an einen sicheren Ort zu bringen. In einem Recyclingzentrum für Materialien der Müllkippe findet Lilibeth Unterschlupf für ihre Tochter, sodass sich María in der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr von ihrer Mutter verabschieden muss. Trost in ihrer ungewissen Situation spenden ihr nur die fürsorgliche Pflegemutter Rosa und der charismatische Junge Tadeo. Als das Zentrum wegen Kinderarbeit geschlossen wird und es noch immer keine Hinweise auf eine Rückkehr Lilibeths gibt, macht sich María kurzerhand selbst auf, um ihre Mutter zu suchen. Ihr Weg führt sie dabei durch ein Land in Aufruhr zurück zur Mülldeponie, welche gerade brutal von der Staatsmacht geräumt wird.
Intime Darstellung einer außergewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung.
Die Handlung von „La hija de todas las rabias“ ist zwar fiktiv, aber deswegen nicht umso weniger realistisch. Die detailgetreue Darstellung der Lebensverhältnisse von Mutter und Tochter am Rande Nicaraguas größter Müllkippe lässt die Zuschauer*innen mit einem beklemmenden Gefühl im Angesicht der radikalen Ausweglosigkeit absoluter Armut zurück. Die düstere Kulisse des aufgewühlten Nicaraguas fängt der Film in atmosphärischen Aufnahmen ein. Lange Einstellungen der Mülldeponie unter den Schatten der kreisenden Geier vermitteln einen ebenso ästhetischen wie abstoßenden Eindruck. Ruhige Kamerasequenzen und ein entschleunigtes Drehbuch ermöglichen es der Zuschauer*in, in die Gefühlswelt der Protagonist*innen einzutauchen. Diese wird insbesondere durch die Leistung der Laiendarstellerin Ara Alejandra Medal sichtbar. In langen Nahaufnahmen lassen sich Unsicherheit, Verzweiflung oder Wut – nicht selten alles drei zur gleichen Zeit – aus ihrem Gesicht lesen. Viel zu früh muss sie erwachsen werden und ihre kindlichen Spiele hinter sich lassen, um das Überleben auf der Müllkippe zu lernen. Auf welche Weise sich Kindheit und Erwachsenenalter in „La Chureca“ überschneiden, wird deutlich, als Lilibeth ihrer Tochter in spielerischer Manier die Selbstverteidigung mit einem kleinen Messer – „den Krallen“ – beibringt. Wie kleine Katzen balgen sich Mutter und Tochter auf dem Strand, nachdem Lilibeth wenige Stunden zuvor mit dem gleichen Messer einen potentiellen Vergewaltiger abgewehrt hat.
Die Mutter-Tochter-Beziehung steht im Zentrum des Films. Durch die Ungeduld und Frustration, welche den Umgang Lilibeths mit ihrer Tochter prägt, scheint in ruhigen Momenten die intime Bindung der beiden durch, die außer einander nichts im Leben haben. Ständig in ihrer – finanziellen wie physischen – Existenz bedroht, sind die beiden Stütze und Halt füreinander. Der Kampf, welchen die beiden Frauen kontinuierlich führen, ist auch ein Kampf gegen die patriarchale Gewalt ihrer Gesellschaft, der sie aufgrund ihrer unterprivilegierten Position überproportional stark ausgesetzt sind. Umso stärker bewegt das ungewisse Schicksal Lilibeths, deren Verbleib im Film offengelassen wird: Wie María muss sich die Zuschauer*in auf die radikale Ungewissheit und Abwesenheit nach der Abschiedsszene auf dem Recyclingzentrum einstellen.
Zwischen Wirklichkeit und Traum.
Die naturalistische Darstellung des Elends mittelloser „Churequeros“ (die Bewohner*innen der Mülldeponie „La Chureca“) kontrastiert die Regisseurin mit transzendenten Elementen. Ganz im Sinne des aus Lateinamerika stammenden Magischen Realismus mischen sich reale Wirklichkeit und magische Realität. Dies geschieht in Marías Träumen, wo Realität und Fiktion, düstere Existenz und alles überstrahlende Hoffnung aufeinanderprallen. Die Traumwelt ist Marías Refugium, in der sie der harschen Wirklichkeit entkommen kann und ihre Sehnsüchte real werden. In dieser Ebene löst sich auch die Trennung von Mensch und Tier auf, sodass ihre Mutter ihr dort nach ihrem Verschwinden als katzenhafte Frau begegnet. Somit stellen die Traumsequenzen einen surrealen Hoffnungsschimmer in Marías überfordernder Gefühlswelt dar: Im Traum ist sie nicht länger die Tochter einer „Desaparecida“ (dt. „Verschwundene“, referiert auf die in lateinamerikanischen Diktaturen übliche Praxis, unliebsame Subjekte „verschwinden zu lassen“), sondern die Tochter einer Katzenfrau.
Diese kindliche Hoffnung im Angesicht der Verzweiflung überträgt sich auf die gesamtgesellschaftliche Situation Nicaraguas. Der pessimistischen Darstellung der Lebensverhältnisse in einem autoritär regierten, von Bandengewalt beherrschten Land, wo mittelfristig keine Änderungen der tatsächlichen Zustände absehbar sind, wird der vage Hoffnungsschimmer der magischen Realität entgegengestellt. Auch der Blick auf die politischen Unruhen ist ein kindlicher, unvollständiger: Nie stellt sich ein abschließendes Verständnis über das Geschehene ein, vielmehr ist eine zunehmende Atmosphäre der Gewalt und Gefahr greifbar, welche sich szenisch in brennenden Häusern, bewaffneten Männern und den besorgten Gesichtern der Erwachsenen widerspiegelt. Denn der Film bleibt in der Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext vage. Die Handlungsorte sind nicht benannt, ebenso wenig wie das genaue Handlungsjahr oder die politischen Akteur*innen. Dennoch lassen sie sich der Realität Nicaraguas zuordnen. So ist der Film trotz – oder gerade wegen – der kindlichen Perspektive auf die gesellschaftlichen Unruhen aussagekräftig und gesellschaftskritisch.
Die Doppeldeutigkeit von Marías Geschichte und der politischen Situation Nicaraguas findet sich auch im Titel des Films wieder. María ist die „Tochter des Zorns“, „die Tochter voller Zorn“. Ihre Wut begleitet sie, materialisiert sich in entscheidenden Momenten (voller Zorn trommelt sie nach dem Verschwinden der Mutter auf die Wand des Recyclingzentrums ein) und fungiert als auslösendes Moment für die Suche nach ihrer Mutter. Gleichzeitig ist Marías Dasein als „Churequera“ das Ergebnis einer gescheiterten Sozialpolitik in dem autoritären Nicaragua, welches sich insbesondere nach den blutig niedergeschlagenen Unruhen von 2018 immer weiter in einen Morast aus Gewalt, Korruption und Ungleichheit hineinbewegt. Somit steht sie als „Tochter des Zorns“ symbolisch für die ohnmächtige Wut einer Generation, welche in die Perspektivlosigkeit hereingeboren wird.
Historische Premiere.
Mit der Erzählung der Mutter-Tochter-Beziehung vor der Kulisse von „La Chureca“ schafft Laura Baumeister Historisches: „La hija de todas las rabias“ ist erst der fünfte Langfilm aus Nicaragua und der erste nicaraguanische Langfilm, welcher von einer gebürtigen Nicaraguaner*in gedreht wurde. Trotz mangelnder filmischer Infrastruktur und Fördergeldern gelingt Baumeister ein intimes Porträt zweier starker Frauen und ein beeindruckender Einblick in die Existenz eines nicaraguanischen Straßenkindes. So folgt der Film dem Ratschlag, welchen Lilibeth María in einer Schlüsselszene von „La hija de todas las rabias“ mit auf den Weg gibt: „Wenn du etwas willst, musst du darum kämpfen.“
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Das Titelbild zeigt die junge María in ihrer Heimat Nicaragua in einer Szene des Filmes.