Während die Dekarbonisierung der Gesellschaft langsam an Fahrt aufnimmt, stellt sich die Frage nach Alternativen zu fossilen Energieträgern wie Öl und Gas. Wasserstoff hat im Zuge dieses Prozesses einen wahren Hype erfahren und ist nun in aller Munde. Doch entspricht das tatsächliche Potential des am häufigsten auftretenden Elements des Universums seinen hohen Erwartungen? Und welche Folgen hat der Boom für die Länder des Globalen Südens? Diesen Fragen wurden in der Paneldiskussion „Von fossilem Gas zu Wasserstoff: Neokoloniale Energieexpansion“ am 23.03.2024 im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste auf den Grund gegangen. Die Veranstaltung war Teil des „People’s Summit against European Gas Conference“ (dt. Bürger*innengipfel gegen die europäische Gaskonferenz), ein aktivistischer Gipfel, welcher als Gegenveranstaltung zur europäischen Gaskonferenz in Wien konzipiert worden war. Die Gaskonferenz war aus angeblichen Sicherheitsbedenken auf unbestimmte Zeit verschoben worden.
Grüner Wasserstoff als Zukunftstechnologie?
Teilnehmer*innen der Diskussion waren Vertreter*innen von „ReCommon“, „Food & Water Action Europe“, „Corporate Europe Observatory“ und „We Smell Gas“. Sie erläuterten zu Beginn dem Publikum die grundlegende Funktionsweise von Wasserstoff als Energieträger: Wasserstoff ist ein Sekundärenergieträger. Das heißt, dass für seine Herstellung Primärenergieträger wie Öl oder Gas benötigt werden: Mittels Elektrolyse wird aus Energie und Wasser Wasserstoff produziert. Diese Umwandlung kann jedoch auch mithilfe von erneuerbaren Energien entstehen, sodass eine leicht transportierbare, weitestgehend saubere Energie zu Verfügung steht: Grüner Wasserstoff. Frida Kieninger von „Food & Water Action Europe“ führte aber aus, dass der Anteil des Grünen Wasserstoffs heute noch bei unter einem Prozent liegt, während 99% des Wasserstoffes mithilfe von fossilen Energieträgern produziert werden – sogenannter grauer Wasserstoff. Tatsächlich wird Wasserstoff bereits in einigen Bereichen zur Produktion von Düngemittel oder zur Langzeit-Speicherung genutzt, da dort seine Eigenschaften anderen Energieträgern überlegen ist. In den energieintensivsten Sektoren Transport und Wärmeversorgung ist Wasserstoff jedoch nicht konkurrenzfähig und weniger effizient als jene erneuerbaren Energien, mit denen Grüner Wasserstoff erst produziert werden muss. Darüber hinaus, erläuterte Kieninger, ist Wasserstoff ein indirektes Treibhausgas. Gerät es in die Atmosphäre, begünstigt es die Entstehung von direkten Treibhausgasen wie Ozon oder Methan. Daher stellt sich die Frage, wieso der aktuelle Diskurs um Dekarbonisierung dennoch derart auf Wasserstoff fokussiert ist.
Interessen der Gaslobby.
Pascoe Sabido von „Corporate Europe Observatory“ macht als Antwort insbesondere die Gaslobby aus. Diese ist angesichts der Energiewende gezwungen, Lösungen zu finden, um die eigenen Gewinne bei radikaler Veränderung der energiepolitischen Rahmenbedingungen hochzuhalten. Wasserstoff ist auf eine ähnliche Infrastruktur wie Erdgas angewiesen und wird heutzutage nahezu ausschließlich durch fossile Brennstoffe produziert. Somit ist Wasserstoff die reaktionäre Antwort der Gaslobby auf den Klimawandel. Grüner Wasserstoff fungiert hierbei als rhetorisches Einfallstor in den begrünten Klimadiskurs für einen nur begrenzt grünen Energieträger. Das Ergebnis: Greenwashing par excellence. Das Interesse der Gasindustrie an Wasserstoff legt auch offen, wieso eine Diskussion zu Wasserstoff auf dem „People’s Summit against European Gas Conference“ zu finden ist, so Sabido. Ebenjene Konzerne, die sich auf der europäischen Gaskonferenz in Wien treffen wollten – Total Energies, Snam, RWE, OMW, Repsol –, haben ein großes Eigeninteresse an der Vermarktung von Wasserstoff als Universalwerkzeug für eine saubere Energieversorgung. Deren Einfluss wirkt sich wiederum auf die politische Rahmensetzung aus: Das vermeintliche Bedürfnis nach Wasserstoff wird aktiv geschaffen, nicht selten durch Lobbying und nicht selten bei Events wie der europäischen Gaskonferenz in Wien.
Die politische Gemengelage, auf die dieses Lobbying trifft, ist nicht nur durch den Klimawandel beeinflusst. Auch der russische Angriffskrieg in der Ukraine spiele laut Elena Gerebizza von „ReCommon“ hierbei eine Rolle. Mit dem Wegfall russischen Erdgases ist der Ruf nach Alternativen zu fossilen Energieträgern in Europa noch lauter geworden. Eine mögliche Antwort: Grüner Wasserstoff aus Nordafrika. Dafür planen führende Gasunternehmen wie OMW, RWE, Snam oder Total Energies eine 3300 Kilometer lange Pipeline von Tunesien über Italien und Österreich nach Deutschland. Über diese und ähnliche Projekte sollen bis 2030 zehn Millionen Tonnen Wasserstoff nach Europa kommen.
Neokolonialität von Wasserstoff.
Helena von „We Smell Gas“ ordnet die dahinterstehende Logik als neokolonial ein. Denn die Kosten für die Sicherung der europäischen Energieversorgung werden externalisiert. Diese Dynamik werde in den Mantel des Klimaschutzes gehüllt, sodass die proklamierte Notwendigkeit von Grünem Wasserstoff für den Erhalt des Klimas die neokoloniale Ausbeutung des Globalen Südens verschleiere. Dabei entstehen sogenannte „Green Sacrifice Zones“ (dt. Grüne Opferzonen), also einzelne Gebiete, die durch exzessive Landnutzung zerstört werden, um Ressourcen für Klimaschutztechnologien zu gewinnen. „Green Sacrifice Zones“ sind einer kolonialen Logik unterworfen, wenn sie ausschließlich im Globalen Süden angesiedelt sind und der Nutzen im Globalen Norden abgeschöpft wird – so wie es bei Grünem Wasserstoff häufig der Fall ist.
Denn für die Produktion von Grünem Wasserstoff sind insbesondere drei Dinge notwendig: Wasser, erneuerbare Energie und Land. Helena erläuterte in ihrem Vortrag, dass mindestens neun Liter Wasser zur Herstellung von einem Kilogramm Wasserstoff nötig sind. Aktuelle Rechnungen gehen sogar von 20 bis 30 Liter Wasser aus. Dies ist insbesondere für wasserarme Regionen wie Nordafrika eine enorme Belastung. Dabei ist über ein Drittel der großen Wasserstoff-Projekte in Ländern mit hoher oder extrem hoher Wasserarmut geplant. Gerebizza macht deutlich, was das impliziert: Die Verwendung von Wasser für die Produktion von Wasserstoff wird über den menschlichen Gebrauch von Wasser gestellt, also über Trinken, Waschen und Kochen. Darüber hinaus benötigt die Herstellung von Grünem Wasserstoff viel Land. Rund ein Sechstel der Fläche des Oman ist für Grüne Wasserstoff-Projekte ausgeschrieben. Natalia Lueje Seeger, Mitarbeiterin der chilenischen NGO „Sustentarse“, welche per Videochat zugeschaltet war, verdeutlichte, welche Konsequenzen der hohe Bedarf an Land und Ressourcen für ansässige Menschen hat. Für die bedeutet Grüner Wasserstoff nicht selten die Verletzung ihrer Rechte bis hin zur Enteignung ihrer Lebensräume. Maßgeblich dafür sind nicht nur die Produktionsstätten selbst, sondern auch Wind- und Solarparks, in denen erneuerbare Energie produziert wird. Chile bietet hierfür günstige Bedingungen und hat deswegen seine ökonomische Entwicklung stark an die Herstellung von Grünem Wasserstoff gebunden. Die sozialen und ökologischen Bedenken, welche Wasserstoff betreffen, stehen hinten an.
Fazit.
Abschließend warf die Moderatorin die Frage auf, wie man die verzerrenden Erzählungen, welche Grünen Wasserstoff umgeben, aufbrechen kann. Wichtig dafür sei laut der Referent*innen insbesondere ein Verständnis dafür, was Grüner Wasserstoff wirklich ist. Hierbei können Wissenschaft und Aktivismus Hand in Hand arbeiten, um den hegemonialen Diskurs von Grünem Wasserstoff als Allheilmittel für die Energieversorgung der Zukunft aufzubrechen – und um seine reaktionären und neokolonialen Implikationen in das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
- Bericht von Attac zum “People’s Summit” (dt.)
- Die sogenannte Wasserstoff-Leiter erläutert die verschiedenen Gebrauchsweisen von Wasserstoff (engl.)
- Der South2 Corridor ist zwischen Nordafrika und Europa geplant (engl.)
Titelbild © tmrgrf/People’s Summit